Auf der Spur der leisen Killer: die L-Form Bakterien

“…It seems likely: we have been living with these beings, their genome trapped within ours, for untold time.” David Wheldon, Britischer Forscher

Innerhalb der Bakterien gibt es eine kleine, recht unbekannte Gruppe um die es hier geht: die L-Form Bakterien. Es ist in Grunde genommen nicht eine Bakterienart, sondern eine Form die Bakterien annehmen können. Man kennt über 50 Bakterienarten die in die L-Form übergehen können. Sie sind die kleinste bekannte Lebewesen, die es überhaupt gibt. Man hatte sie auch “grosse Viren” genannt.   Eine Vielzahl von Bakterien kann die L-Form annehmen und wieder zurück zu ihre ursprüngliche Form zurückgehen. Einige Forscher vermuten, dass die L-Form eine ursprüngliche Bakterienform war, aus denen später Bakterien, Parasiten und anderen Pathogenen hervorgingen.  Wann genau die L-Form in die “normale”  Form mit Zellwand übergeht ist nicht ganz verstanden. Umgekehrt können normale Bakterien nach Penicillin behandlung in die L-Form übergehen.

Bakterien, die in der L-Form sich befinden sind praktisch unsichtbar und unfilterbar, den sie sind so klein, dass sie durch jeden Filter gehen.  Es ist extrem schwer, sie ausserhalb eines lebenden Organismus zu züchten, das ist eine von den Gründen, warum ihre Forschung so schwer ist.  Im Körper können sie jahrzehntelang existieren ohne nennenswerte Symptome hervorzurufen. Sie teilen sich auch sehr langsam, daher dauert es viele Jahre, bis eine Krankheit ausbricht.  Die “Krankheit” ist meistens die (fehlgeleitete) Reaktion des Immunsystem selbst, die dann als “Autoimmun-Erkrankung” gilt.  Forscher können dann Auto-antikörper zwar messen,  jedoch nicht ganz verstehen, was zu deren Entstehung eigentlich geführt hat.  L-Form Bakterien/Mycoplasmen könnten des Rätsels Lösung darstellen. Daher konzentriert sich zur Zeit die Medizin eher darum, die Reaktionen des Immunsystems in Schach zu halten, statt die Ursache des Übels zu beseitigen, nämlich Bakerien in L-Form/Mycoplasmen.
Die Entdeckung der L-Form Bakterien  war der Verdienst der Deutschen Forscherin Emmy Klieneberger-Nobel, die in den vierziger Jahren im Lister Institute in England arbeitete und auf diesen Gebiet forschte. Die “L-” in Name kommt gerade aus der Anfangsbuchstabe des Lister Instituts.

Sie bemerkte, dass bestimmte Bakterien, wie z.B. Streptobacillus monliforme keine Zellwände hatten. Ein anderer Forscher von der Harvard Medical School, Louis Dienes bemerkte, dass nach Behandlung mit Penicilin, Bakterien in die L-Form wandern können. In dieser Form konnten die Bakterien jedoch nicht mit dem Antibiotika behandelt werden, denn dieses Antibiotikum funktioniert indem die Zellwände der Bakterien zerstört werden. Hat die Bakterie jedoch keine Zellwand, wirkte das Antibiotikum nicht. In Englischen sind sie auch bekannt unter dem Begriff CWD (Cell Wand Deficient) Bakterien.

Seit den 30er Jahren befasste sich  der US-Arzt Thomas McPherson Brown intensiv mit der  mit Arthritis Rheumatoides und identifizierte L-Form Bakterien ( sie wurden auch Mycoplasmen genannt) als Ursache für diese Krankheit. Es war ohne Zweifel sein Verdienst, der erster Arzt der bakterielle L-Formen in Verbindung mit unheilbare Erkrankungen brachte.  Er forschte über 40 Jahren auf diesem Gebiet und hinterliess  rund 100 Veröffentlichungen. Es gibt ein interessantes   Video in Web über sein Werk. Zwar fokussierten sich McPherson Brown´s Arbeiten auf die Arthritis Rheumatoides, er erkannte bereits, dass sie auch die Ursache von anderen Erkrankungen sein könnte, wie z.B. die Multiple-Sklerose.

McPherson Brown entwickelte auch eine Behandlungsmethode, die auf Antibiosen mit pulsierte niedrigdosierte Tetrazykline (ähnlich wie das Marshall-Protokoll ein Jahrzehnt später).   Der US-Forscher veröffentlichte seine Erkenntnisse  in seinem Buch “The Roadback”,  das Buch ist noch im Handel und zwar enthalten im “New Arhtritis Breakthrough”, von Henry Scammel.

Eine andere Forscherin, Victoria Livingston, forschte ebenfalls auf diesem Gebiet.  Sie fand ebenfalls L-Form Bakterien insbesonders in Tumoren von Patienten, womit der Verdacht aufkam, auch Krebs könnte (direkt oder indirekt) eine Folge von L-Form Bakterien sein..

Später entwickelte ein weiterer Forscher, Alan Cantwell, eine spezielle Technik mit deren Hilfe L-Form Bakterien sichtbar machen konnte (er arbeitete mit Victoria Livingston) . Er fand sie sowohl in Tumoren, in Lymphknoten von HIV Patienten sowie in Granulomen von Sarkoidose Patienen. Gleiches auch in Geweben von Menschen, die an der Hodgkin-Krankheit litten. Er veröffentlichte “The Cancer Microbe”. Damit befindet sich in bester Gesellschaft von den Deutschen Arzt Dr. Alfons Weber, der ebenfalls eine bakterielle Ursache von Krebs feststellte und sogar filmte. Ob die Weberschen Protozoen nun L-Form Bakterien sind, kann ich nicht beantworten.

Eine andere Forscherin der Wayne University, Prof Lida Mattman, untersuchte ebenfalls Bakterien in der L-Form. Sie schrieb das Buch “Stealth Pathogens” und wurde für ihre Arbeiten für den Nobelpreis nominiert. Man kann einige Seiten in Google Books lesen. Dieses Buch ist eine hervorragende Wissensquelle für Menschen, die mehr über diese exotische Bakterienform lernen wollen. Mittlerweile  ist auch ein YouTube Video verfügbar über einen Vortrag von Ihr aus dem Jahr 2005.

Erwähnenswert ist ebenfalls die Arbeit von Nadya Markova, die eine interessante Website zum Thema L-Form Bakterien betreibt.

Die Forschung von dieser Bakterienform scheint irgendwie nicht auf besonders grosses Interesse in medizinischen Kreisen gestossen zu sein, zumindest wurden die Arbeiten der genannten Forscher nicht sonderlich beachtet.

Schliesslich übernahm ein Molekularbiologe, Trevor Marshall, der mit Hilfe von Computersimulationen sehr interessante Arbeiten auf dem Gebiet der Autoimmunkrankheiten durchgeführt hatte das Thema auf und stellte ein Model dieser Krankheiten auf, die genau auf den L-Form Bakterien basiert.

Eine der Schwierigkeiten der Forschung mit L-Form Bakterien ist die Tatsache, dass man sie nicht isolieren und ausserhalb des menschlichen Körpers züchten kann. Ausserdem sind sie extrem klein, so dass man sie nicht mit dem Mikroskop beobachten kann (Grösse von 0.01 Mikrometer, oder 10 Nanometer).

Bekannte Bakterien, die die L-Form annehmen können (u.A) sind der Helicobacteris Pylori , die Borrelia Burgdorfi sowie Listerien.

Die Fähigkeit von Bakterien, mehrere Formen annehmen zu können nennt man “Pleomorphismus”. In folgenden Video kann man sehr schön erkennen, welche unterschiedliche Formen Borrelien annehmen können, Spirochäten, Biofilms, Zystische Formen sowie L-Form (Ringform in Video nach Behandlung mit Antibiotika )

Das eigentliche Video fängt ab minute 4:32 an. In Minute 5:33 gibt es sehr schöne Bilder über Biofilms und in Minute 6:09 zeigen die Aufnahme sehr anschaulich, wie das Bakterium die Form ändert sobald es von Antibiotika angegriffen wird. Es ist bekannt, dass beta-lactam Antibiotika (wie z.B. Penicillin) zu einer L-Form Bildung führen. Ob die “Ringform” die in Film gezeigt ist eine L-Form ist, geht hier allerdings aus dem Video nicht hervor. Ich gehe stark davon aus.

Im Video werden zunächst die sogenannten “Kochschen Postulate” vorgestellt und auch in Frage gestellt. Eine Position, die ebenfalls von den Marschallschen Studien untersützt wird. Es gibt deutliche Hinweise, dass diese Postulate nicht allgemein gültig sind, sondern dass viele Krankheiten von einer Kombination von Bakterien (und nicht nur von einer einzigen Bakteriensorte) verursacht werden. Darüberhinaus lässt sich nicht jeder Bakterienform ausserhalb des Wirtes erfolgreich züchten, wie das Beispiel mit den L-Form zeigen.

Mittlerweile scheint die L-Form Forschung langsam auf die Beine zu kommen, in April 2010 ist ein Artikel von US-Wissenschaftler erschienen, die mit modernsten Genome-Sequenzierungstechnologie sie L-Formen der Escherichia Coli untersuchten. Man bemerke, dass die erwähnte Form eines “Spiegelei” bereits in den Video von McPherson Brown ebenfalls vorkommt.

Einen sehr guten Überblick (auf dem dieses Posting basiert) gibt der Englischsprachige Artikel von Ami Proal “A History of Cell Wand Deficient Bacteria”. Einen guten, kurzen geschichtlichen Überblick wird von der Seite “Chronic Illness Recovery” angeboten (Englisch).

Siehe auch das Posting von Marshal über L-Form Bakterien.

Wie hängen nun die L-Form Bakterien mit Autoimmun Erkrankungen zusammen ? Das wird ausführlich in diesem Posting vorgestellt.

Ein neuer Artikel (in Englischer Sprache) ist Reforming L Forms: They Need Part of a Wall After All from Kevin D. Young*

Department of Microbiology and Immunology, University of North Dakota School of Medicine, Grand Forks, North Dakota 58202

Auch dieser Artikel (Englisch) populärwissenschaftlich geschrieben, bietet auch eine interessante Lektüre im Bereich der L-Form Bakterien, diesmal aus der Sicht eines Tiermediziners. L-form Bacteria and Mollicutes- The Good, the “Bad” and the Ugly-

Artikel auf Deutsch: “in der Not können Bakterien auf alte Tricks zurückgreifen

Cell Wand deficient forms of Mycobacteria: a Review: sehr guter Artikel!

Bacterial Persistence and Expression of Disease

Update 27.7.2009: die ETH Zürich veröffentlich einen interessanten Artikel über die L-Form  von Listerien

Zitat:

“L-Form Listerien überlisten zudem das Immunsystem. Makrophagen, also Fresszellen, nehmen die Kügelchen zwar auf, können sie aber nicht vernichten. Normale Listerien sind nach 30 Minuten getötet. Die L-Form überlebt tagelang in einem Makrophagen. «Wenn die Makrophagen die L-Formen nicht als Pathogen erkennen können, dann ist das für das Immunsystem möglicherweise ein Problem», erklärt der ETH-Professor”

in der Tat können sie zu einem Problem werden, wie man in diesem Blog lesen kann.

Hier ebenfalls ein weiterer Artikel über Biofilms

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