Das Marshall Modell der Autoimmun-Erkrankungen

…oder warum Paul Ehrlich mit seinem “Horror Autoxicus” doch Recht hatte.

Nach dem üblichen Verständnis von Autoimmun-Erkrankungen greift das Immunsystem aus bisher unbekannten Gründen irrtümlicherweise körpereigenes Gewebe an.

Interessant ist das Wort “Irrtümlicherweise”. Der Körper macht also einen Fehler und greift eigenes Gewebe an, was laut Paul Ehrlich eigentlich nicht vorkommen sollte. Er prägte den Begriff “Horror Autoxicus”, d.h. der menschliche Organismus hat eine wahre Abneigung, sich selbst anzugreifen. Was an sich verständlich ist.

Es gibt also eine verborgene, bisher “unbekannte” Ursache für dieses merkwürdige Verhalten des Immunsystems. Eigentlich sollte man erwarten, dass nach Jahrmillionen Evolution das Immunsystem sehr wohl wissen sollte was körpereigen und was körperfremd ist. Insofern ist dieses Verhalten schon etwas seltsam.

“Irgendetwas” führt dazu, dass das Immunsystem ausser Kontrolle gerät. Was ist nun dieses mysteriöse “Etwas”?

Trevor Marshall identifizierte dieses “Irgendetwas” als eine lebenslange Kumulation von unterschiedlichen Erreger “Metagenomic Microbiota”, unter anderem Bakterien in der L-Form. (d.h. Erreger die die “L-Form eingenommen haben),  die bestimmte Prozesse des Immunsystems, wie z.B. den Vitamin D Stoffwechsel soweit stören, so dass Autoimmunerkrankungen überhaupt erst entstehen können. Die Vermutung, dass Autoimmunerkrankungen von Pathogenen verursacht werden ist allerdings nicht von Marshall, sondern etliche andere Forscher haben diese Vermutung schon seit dem 19. Jahrhundert geäussert (z.B. Boeck bei der Sarkoidose) Vergleiche auch das Werk von Lida Mattman “Cell Wand Deficient Forms – Stealth Pathogens“. Sie wurde für den Nobelpreis von Medizin nominiert.  Siehe beispielhaft für andere Forscher die diese These vertreten, . Rook et al  1992 (“slow bacterial infection or autoimmunity ?“) sowie der bereits erwähnte US Arzt Thomas McPherson Brown.

Damit hätten sämtliche Autoimmun-Erkrankungen ein und dieselbe Ursache:  Eine Bakterielle Infektion durch L-Form Bakterien. Diabetes von Typ 1, Rheuma, Sarkoidose, Hashimoto, Colitis Ulcerosa und möglicherweise sogar Parkinson hätten die gleiche Ätiologie. Die Vielfalt der Erkrankungen enstehen durch die unterschiedlichen Gewebearten, die das Immunsystem angreift, möglicherweise auch durch die Kombination von verschiedene Erregern. Es gibt laut Marshall nicht den Erreger (nach den “Koch Postulaten” gibt es für jeder Erreger-induzierte Krankheit nur ein Pathogen), der die Autoimmunerkrankung XYZ erzeugt, sondern gleich mehrere spezies intrazellulären Pathogenen, die letzlich zu der Krankheit führen. Das erklärt auch warum soviele Autoimmunerkrankungen zusammen auftreten (z.B. Hashimoto und Psoriasis, etc). Original Zitat:

“It became pretty clear to me that all the chronic inflammatory diseases were arising from a common pathogenesis which, I figured, had to be a failure of the innate immune system. And we found that it had to be a Th1-dominant cytoplasmic, metagenomic microbiota. And in particular, that persistent phagocytic infection had to be the cause” (Trevor Marshall beim Prag Vortrag über Chlamydien April 2009)

Die Marshallsche Vermutung basiert z.T. auch auf experimentelle Daten. Im Jahre 1989 untersuchte der amerikanische Wissenschaftler Emil Wirostko von der Columbia-Presbyterian Medical Center in New York das Blut von Sarkoidose-, Arthritis Rheumatoides- sowie Lupus- Patienten mit hochauflösenden Elektronenmikroskopen. Er fand überall das gleiche: infizierte Makrophagen mit lebenden Mollicut-Bakterien in ihren Zytoplasmen  (also innerhalb der Immunzelle, siehe Bild in diesem Posting “The Wirotsko Studies”).   Der US Arzt Thomas McPershon Brown hatte ebenfalls cell-wand-defiziente Pathogenen als Ursache für Arthritis Rheumatoides vermutet.

Im Gegensatz zu den Koch Postulaten, wodurch eine bestimmte Krankheit durch nur ein Erreger spielen laut Marshall mehrere Erreger eine Rolle.  Das Immunsystem wird also durch kleinsten Pathogenen irregeleitet und fängt an, eigenes Gewebe zu zerstören. Die eigentliche Erreger mögen ansonsten recht harmlos sein, es ist die Reaktion des Immunsystems was den Schaden anrichtet.

Marshall stellte auch ein Modell auf, wobei er genau beschreibt, warum die intrazelullären Bakterien überleben können und damit die Verteidigung des Immunsystems ausser Kraft setzen können:

“We carry around bacterial, viral, phage, and fungal DNA. The manner in which this metagenomic DNA manages to persist as an intra-phagocytic community determines the disease symptoms we will accumulate as we age.

The bacterial species collect in symbiosis, progressively disabling our immune systems (so as to ensure the microbiota’s survival) and affecting the way our cells work”  - Trevor Marshall

Mittlerweile haben andere Forscher diese Fähigkeit von Bakterien, den Wirt so zu verändern, dass ihr Überleben ermöglicht wird. Siehe Studie über Legionella, sowie Presseecho darüber. Zitat: Pathogens are successful because they know how information in our cells is relayed and they amplify some signals and block others in order to evade the immune system and keep the cell from defending itself..”

Das Auftreten von einer ganzen Reihe von Erreger (Bakterien in L-Form, Viren, Pilze) würde auch erklären, warum die Versuche nur “einen einzigen” Erreger als Auslöser von bestimmten Autoimmunerkrankungen bisher scheiterten.

Historisch gesehen entstand das Marshall-Modell aus dem Studium der Sarkoidose. In 2002 erschien eine Veröffentlichung aus Schweden (Nilsson), die zeigte wie Rickettsien innerhalb von Sarkoid-Granulomen experimentell beobachtet wurden.  Diese Beobachtung stimmte genau mit den Vermutungen die Marshall selbst aufgrund microbiologischen Modellen aufgestellt hatte “Quelle: The history of the Marshall Protocol)

Der australischer Forscher beschränkte sich nicht nur auf Ursachenforschung, sondern entwickelte auch eine Behandlungsmethode.  Das erste “Versuchkaninchen” war er selbst, denn er litt 30 Jahre lang an Sarkoidose.

Seine Krankheit war soweit fortgeschritten, dass er nach Meinung seinen Ärzten nur noch 18 Monate zu leben hatte.   Es gelang ihm erstens sich selbst zu heilen und dann Hunderten von Patienten die seiner Behandlungsmethode, dem sogenannten Marshall Protokoll, folgten. Anfänglich waren hauptsächlich Sarkoidose Patienten darunter, später zeigte sich deutlich, dass die Symptome und Blutbild bei vielen anderen Erkrankungen ebenfalls auftrat, was die Vermutung brachte, sie hätten eine ähnliche Ursache.

Doch bevor wir uns mit der Behandlung befassen, ist es wichtig das Marshallsche Model für Autoimmun-Erkrankungen zu verstehen. Dazu es ist notwendig, die vorherigen Postings in diesem Blog gelesen zu haben, und zwar:

Das Marshall Model ist hier sehr vereinfacht dargestellt:

  1. Autoimmun Patienten sind u.a. mit  intrazellulären Pathogenen infiziert. L-Formen spielen hier auch eine wichtige Rolle. Wir erinnern uns, dass “L-Form” ist nur eine spezielle Form die einige Bakterienarten einnemen können und keine eigene Bakterienart, wie leider oft verwechselt wird. Es ist vermutlich nicht nur ein Pathogen, sondern eine statistische Kombination von sehr vielen (Bakterien, Pilze, Viren).  Die kumulation der Pathogenen erfolgt über Jahrzehnte, also Folge einer immer schwächer werdende Immunabwehr (angeborene Immunität). Die statistische Kombination von Pathogenen wird in Marshall Modell  als Metagenomic Microbiota bezeichnet. Die Kochschen Postulaten verlieren ihre Gültigkeit.
  2. Die Bakterien sitzen bevorzugt in den Makrophagen , je nach Krankheit auch in anderen Geweben.  Sie greifen die Zellen intrazellulär an, d.h. sie leben in der Zelle selbst. Dort werden sie vom Immunsystem nicht erkannt und auch nicht angegriffen. Bei den Makrophagen ist der programmierte Zelltod (apoptose) auch verändert, so dass sie länger überleben. Dieser “Trick” von Bakterien wurde schon z.B. bei Chlamydien experimentell bestätigt.  Makrophagen sind ein Teil des angeborenen Immunsystems, das ist evolutionstechnisch das älteste Immunsystem, was wir Menschen besitzen (im Gegensatz zu dem “Adaptiven” Immunsystem, was Antikörper generiert und auch darauf reagiert)
  3. Das angeborene Immunsystem hätte eigentlich die Aufgabe gehabt solche Bakterien zu töten. Die Bakterien (oder auch Viren, wie der EBV ) produzieren jedoch  Proteinen, die grosse Ähnlichkeit aufweisen mit  jenem von menschlichen Organismus erzeugten. Ein Beispiel dafür ist   capnine, eine Substanz die an den Vitamin D Rezeptor (VDR) “andockt” (durch Computersimulationen gezeigt) und die Erzeugung von zelleigenen Bakteriziden (körpereigene Antibiotiken) dämpft. Ein anderes Beispiel ist die virale Protein  EBNA-3.  Der VDR ist also in seiner Funktionsfähigkeit gestört. Marshall selbst betrachtet Capnine nur stellvertretend für von Bakterien verursachten Antagonisten des VDR Rezeptors. Es kann durchaus andere Substanzen geben als Capnine. Der VDR ist auch nur einer von vielen Genen, deren Transkription gestört ist, aber vermutlich das folgenreichste.
  4. Das Immunsystem reagiert wiederum auf die Erreger mit einer Immunantwort von Typ TH1, dabei werden TH1 typischen Zytokinen (Zytokinen sind Substanzen die von der Zelle selbst hergestellt werden und für inter-zelullären Kommunikation von Immunzellen verwendet werden, sehr vereinfacht geschrieben) Th1 Zellen sind T-Helferzellen (CD4-Lymphozyten). Das löst eine ganze Kette von Autoimmunreaktionen aus die die Entzündung verursachen.  Deswegen spricht man hier von “TH1 Entzündung/Inflamation” (Englischen TH1 Immflamation)  Eine TH1 Immunreaktion ist typisch für intrazelullären Erreger.
  5. Weiterhin wird vermehrt Interferon Gamma (ein Zytokin) freigesetzt sowie TNF-Alfa und IL2, weitere Zytokinen. Damit wandeln die Makrophagen zusätzlichen 1,25 D (Vitamin D in ihre aktive Form) aus 25D um (Fachbegriff: Enzym 1-alpha-Hydroxylase)  Das ist der Grund, warum bei Autoimmunerkrankungen und bei chronischen Entzündungen die Konzentration von 1,25 D in Blut erhöht wird. Aus 25D wird zusätzlich 1,25 D erzeugt (*). (zusätzlich zu dem 1,25D was in den Nieren produziert wird, also “paracrinal”) Unter Wirkung von Interferon Gamma wird die Konversion von 25D in 1,25D bis zu 30-fach erhöht. Diese Immunantwort wurde bereits “in vitro” bestätigt (Liu et al 2006, siehe Posting, sowie “in Vivo“)
  6. Die von bakteriellen Substanzen blockierten VDR wiederum führt zu weitere Konsequenzen (nicht alle bekannt), u.A. wird der Umkehrprozess zu der 1-Alpha Hydroxylase (Bildung von 1,25D aus 25D) gestört, so dass 1,25D unkontrolliert wächst.

(*) Die Produktion von 1,25D als Folge von Entzündungen ist nicht neu, sie wurde aber bis vor einigen Jahren nicht ganz verstanden, oder  als ein Versuch des Immunsystems sich selbst zu regulieren. Dies ist möglicherweise falsch, die 1,25D Produktion wird angekurbelt, um körpereigene Bakterizide herzustellen, wie Beta-Defensin und Calcethidin. Sie Posting über die Immunreaktion des angeborenen Immunsystems. Bei Brustkrebs hingegen wurde der umgekehrte Prozess beobachtet, 1,25D wird gezielt durch die Hochregulierung von CYP24 vernichtet. Siehe Posting darüber.

Die Blockierung des VDR´s hat unmittelbare Folgen sowohl  für die Konzentrationen von 1,25D sowie 25D in Blutplasma. Ohne VDR Aktivierung kann der Gen CYP24A1 nicht exprimiert werden, was zu erhöhten 1,25D führt (CYP24 wirkt “katabolisch” und sollte das überschüssige 1,25D vernichten).  Hohe 1,25D Werte haben wiederum Konsequenzen auf andere Rezeptoren (1,25D ist eine hochaktive biologische Substanz, die mit einer Vielzahl von anderen Rezeptoren, auch in der Schildrüse interagiert).  Marshall´s Berechnungen “in Silico” ergaben, dass zu hohe 1,25D Konzentrationen negativ auf dem PXR Rezeptor in der Leber auswirken, was wiederum für die Erzeugung von 25D in Blut verantwortlich ist.

Als Folge davon sinkt der Level von 25D (es wird weniger 25D erzeugt) was von nun als der bekannte “Vitamin D Mangel” identifiziert wird. Details können in Marshall´s BioEssays Veröffentlichung gelesen werden. Dazu gibt es auch in diesem Blog ein anderes Posting “Vitamin D Mangel anders erklärt“. Die Vermutung, entzündliche Erkrankungen beeinflussen die 25D Werte in Blut wird von anderen Wissenschaftler ebenfalls diskutiert. Siehe z.B. Alan Gaby und Vitamin D.

Nach Marshall haben Autoimmun-Erkrankungen und viele “idiopathische” Erkrankungen also eine pathogenetische Ursache. Dies ist an sich nicht neu, andere Forscher hatten bereits diese Vermutung geäussert und auch Bakterien im infizierten Gewebe von Autoimmun-Patienten nachgewiesen, siehe z.B. Nilsson et al . Auch andere Forscher ist mittlerweile aufgefallen, dass von Pathogenen exprimierten Proteinen grosse Ähnlichkeit haben mit körpereigene. Die dazugehörigen Genen wiederum werden in Verbindung mit vielen idiopathischen Erkrankungen in Verbindung gebracht, z.B. Alzheimer oder sogar “psychische” Erkrankungen. Siehe C.J. Carter et al (Schizophrenia sowie Multiple Sklerosis). Nach anderen Forscher führt diese Ähnlichkeit zwischen Pathogenen-Proteinen und körpereigene zu dem “Molecular mimicry” Effekt was letzlich zu der Produktion von Autoantikörper führt (adaptives Immunsystem). Nach Marshall ist dieser Schritt jedoch  nur eine Folge der intrazelullären Infektion.

Wenn Autoimmun Erkrankungen durch intrazellulären Erreger verursacht werden, dann sollten doch ihre Symptome ähnlich sein als jene Krankheiten, die eindeutig durch solche Pathogenen verursacht werden. Schauen wir uns z.B. die Symptome der Borreliose an. Diese Krankheit wird bekanntlich durch Erreger verursacht, die z.T. ebenfalls in der L-Form vorkommen. Die Symptome sind z.T. ähnlich als die von Hashimoto-thyreoiditis, wie Hashi Patienten selbst entdecken “Originalzitat “ Borreliose symptome gleichen hashi symptomen wirklich sehr!!!“.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Erreger genau der Gleiche ist. Ganz im Gegenteil, Marshall postuliert, dass Autoimmunerkrankungen nicht durch einen Erreger sondern durch eine Kombination unterschiedlichen intrazellulären Erreger verursacht werden.  Die Kombinatorik der Erreger bestimmt die Krankheit. z.B. Erreger A +B +C +D = Autoimmunerkrankung X, Kombination B+E+D = Autoimmunerkrankung Y.  Es ist daher kein Zufall, dass co-morbiditäten oft vorkommen, d.h. wer eine Autoimmunerkrankung hat hat eine höhere Wahrscheinlichkeit eine andere zu haben.

TH1 Entzündung – TH1 Immflamation

Da wir mit einer TH1 Immunantwort zu tun haben, spricht Marshall generell von einer “TH1 Entzündung” (TH1-Immflamation). Eine TH2 Immunantwort wäre ein Hinweis auf extrazelulläre Erreger. Mittlerweile hat man auch eine weitere Immunantwort entdeckt, die Th17 (Posting dazu ist in Vorbereitung). T-Zellen werden in Thymus erzeugt (daher das “T” im Namen) und sind zuerst “naiv”, d.h. ohne Differenzierung. Erst der Kontakt mit dem Erreger bestimmt, welche Immunantwort gegeben wird, und zwar in welche Richtung die T-Zellen differenziert werden. Aus “naiven” T-Zellen werden dann TH1/2 oder TH-17 Zellen). Das “Zytokin Profil” zeigt, welche Immunntwort vorliegt (z.b. Interferon Gamma, TNF-Alfa und IL2 für TH1). Siehe dieses Anschauliches Bild zur Vertiefung (Englisch), oder dieses Tutorial

Die Blockierung des Vitamin D Rezeptor VDR als Teil einer Verteidigungsstrategie des intrazelullären Bakteriums

Da durch die Bakterien der Vitamin D Rezeptor VDR teilweise “blockiert” ist (durch Capnine, siehe Posting), laufen im Körper auch andere Prozesse nicht richtig, da bestimmte Enzyme und Proteine für die der VDR verantwortlich ist nicht, bzw teilweise nicht gebildet werden können. Der VDR Rezeptor wird natürlich nicht einfach “abgeschaltet” (das hätte fatale Konsequenzen) sondern im Laufe der Jahren verliert immer mehr an Funktionsfähigkeit, je nach Schwere der Erkrankung. Das ist ein schrittweise Prozess was Jahre dauern kann, daher entwickelt sich die Krankheit auch schleichend. Wir erinnern uns aus dem VDR Posting, dass der menschliche Vitamin D Rezeptor VDR eine zentrale Rolle für die Gesundheit darstellt, da es für die Transkription von mehr als 1000 Genen verantwortlich ist. Es ist im Kern des angeborenen Immunsystems (vermutlich der Kern selbst).

Die durch Bakterien verursachter teilweise Blockierung des VDR hat weitreichende Folgen, die auch nicht vollständig bekannt sind. Ein Prozess funktioniert mit an sicherheitsgrenzender Wahrscheinlichkeit, nämlich die Fähigkeit des angeborenen Immunsystem Pathogenen zu vernichten.  In diesem Blog wird hier salopp von “Blockierung” des VDR gesprochen, richtigerweise sollte es heissen, verminderte Gen-Expression des Vitamin D Rezeptors VDR..  Dieser schädliche Effekt kann nicht nur von Bakterien herrrühren, sondern auch von Viren. Mittlerweile ist dieser Effekt auch experimentell nachgewiesen (Juni 2009)

  • Der Epstein-Blarr Virus z.B. vermindert die Expression des VDRs selbst um nicht weniger als ein Faktor 10(!). Siehe diese Oncologie Studie aus Schweden/Ukraine. Das ist besonders problematisch, weil die angeborene Abwehr damit deutlich geschwächt wird, was wiederum anderen Pathogenen Tür und Tor öffnet. Nicht von ungefähr wird der EBV  mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Verbindung gebracht. Vermutlich ist aber nicht der Virus alleine, sonder nur ein eifriger Mittätter.
  • Das von EBV Virus transkribierte Protein EBNA-3 blockiert den VDR nach einer Untersuchung von Yamendra et al (2010)
  • lebende Borrelien vermindern die Expression des VDRs um einen Faktor 50. Siehe Salazar et al. Vergleiche die kurze Presentation von Marshall in Singapore (Sept 2009)
  • Eine neueste Studie aus USA zeigte, dass nach einer Genome Transkriptions Analyse von L-Formen von Escherichia coli nicht weniger als 450 Genen (!) in ihre Transkription gestört sind, und zwar hochreguliert (94,9%) und unterreguliert (5,1%).  Unter anderem auch die die für den Eisenstoffwechsel verantwortlich sind
  • Eine Chinesische Studie zeigte, dass das Mycobacterium Tuberculosis änderte die Transkription von nicht weniger als 463 Genen, davon der VDR, dessen Transkription um einen Faktor 3.3 niederreguliert wurde.

Nach diesem Model ist es auch verständlich, warum viele “Autoimmun-Erkrankungen” eine bisher nicht verstandene Abhängigkeit zu Vitamin D haben, wie MS, Lupus, Crohn, Arthritis-Rheumatoides sowie einige Tumorarten wie Darmkrebs. Eine aktuelle Studie aus Oxford fand heraus, dass der VDR in der Trankription von jenen Genen beteiligt ist, die bereits in Verbindung mit vielen der erwähnten Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.

Der VDR ist dann nur einer von vielen Genen, deren Funktionsfähigkeit von den Bakterien / Viren gestört wird.  Die Borreliose ist natürlich keine Autoimmunerkrankung, aber sie wird durch Erreger verursacht die ebenfalls in der L-Form vorkommen und intrazellulär agieren, daher ist sie ein gutes Versuchskaninchen. Die Bakterien sitzen also genau in jenen Zellen die für Ihre Vernichtung zuständig wären. Sie werden nicht vernichtet, daher sind keine Antikörper in Blut vorhanden (Marshall beobachtete in Sarkoidose Patienten, dass sie um so weniger Antikörper zeigten je fortgeschrittene die Krankheit war).

Die “Blockierung” des Vitamin D Rezeptors verursacht z.B. eine verminderte Transkription des Toll-Like Rezeptor 2 (Siehe Posting “Die Rolle der Toll-like Rezeptoren in Autoimmun-Erkrankungen), damit “sieht” normalerweise das angeborene Immunsystem Erreger wie  z.B. die Chlamydien.  Also können sie sich ungehindert vermehren, da ihre Entlarvung erschwert wird. Sollten sie jedoch von Immunsystem entdeckt werden, ist wiederum die Produktion der Körpereigenen Antibiotika Cathelcidin für deren Vernichtung vermindert, ebenfalls durch die VDR Blockierung. So bahnt sich die Infektion ihren Weg. Den intrazellulären Erreger hätte eine noch perfidere Verteidungsstrategie nicht einfallen können (Quelle: Marshall Vortrag über Chlamydien Infektionen in Prag, April 2009)

Der so  infizierter Makrophage produziert wie hier bereits beschrieben, wiederum Interferon Gamma, was aber in Blut schwer nachweisbar ist (mittlerweile gibt es Labore die das können). Da Interferon Gamma die Produktion von 1,25D durch 1-alpha Hydroxylase beschleunigt, sind die erhöhten 1,25D Werte ein Hinweis auf die erhöhte Interferon Produktion. Hier sollte man allerdings differenzieren, im Falle von erhöhten PTH Werte als Folge eines sekundären Hyperthyroidismus könnte PTH die 1-alpha Hydroxylase in den Nieren ebenfalls ankurbeln.

Die von Marshall beschriebene Mehrproduktion an 1,25D erfolgt jedoch paracrinal in den makrophagen oder in infizierten Gewebe selbst. In Körper können mehr als 20 unterschiedliche Gewebearten selbst 1,25D aus 25D produzieren. In der Regel sind solche Gewebearten in potentiellen Kontakt mit Pathogenen (Haut, Endometrium, Lunge, etc)

Die durch Baktieren modifizierten Gen-Expression macht es auch verständlich, warum man oft bei Autoimmunerkrankungen von einer “genetischen Veranlagung” ausgegangen ist.  Es sind Genen in Spiel, aber nicht als “Veranlagung”, sondern als gestörte Funktionsfähigkeit aufgrund von Bakterien.  Ganz im Gegenteil, die bisherige Untersuchungen am menschlichen Genom haben wenige Hinweise auf die “Genetische Ursache” von solchen Erkrankungen gefunden.

Die paracrine Produktion von Vitamin D in ihrer 1,25D Form ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf den Angriff von  Pathogenen

Eine neue Studie von Liu et al (2006) beschäftigt sich mit der extra-renale Produktion von 1,25D direkt in den Makrophagen. Der amerikanische Forscher zeigte sehr interessante Aspekten der zusätzliche Produktion von 1,25D, nämlich das dieser Prozess von den TLR (Toll-Like Rezeptoren) gestartet wird unter Einfluss von 1,25D. Gleichzeitig wird Calcethcidin erzeugt (körpereigenes Antibiotikum). Original Liu:

By demonstrating that TLR stimulation of human macrophages induces (i) the enzyme that catalyzes conversion of 25(OH)D3 to active 1,25(OH)2D3; (ii) the expression of the vitamin D receptor (VDR); and, (iii) relevant downstream targets of VDR (including cathelicidin), the present results provide an explanation for the action of vitamin D as a key link between TLR activation and antibacterial responses in innate immunity”

Die TLR Rezeptoren bilden eine Rezeptorfamilie die zur angeborenen Immunsystem gehört und auf bestimmte Erreger spezialisiert sind. Ohne Erreger ist kaum verständlich, warum die TLR Rezeptoren die Immunreaktion starten. Es gibt einige Vermutungen, dass Körpereigene Substanzen dies ebenfalls bewirken, bewiesen ist das jedoch nicht.

In der Literatur wird oft die erhöhte Produktion von 1,25D in den Makrophagen in Kontext von Tuberkulose oder auch in der Sarkoidose erwähnt, es ist jedoch bei anderen Autoimmun-Erkrankungen bekannt (z.B. Morbus Crohn) das sie ebenfalls hohe 1,25D Werte in Blut aufweisen. Das Muster wiederholt sich (wobei es leider noch keine gesicherten statistischen Daten, die eine hohe Anzahl von Autoimmunerkrankungen umfassen). Bisher hat sich die traditionelle Medizin nicht mit der Problematik der hohen 1,25D Werte beschäftigt.

Disregulierten Vitamin D Stoffwechsel als Folge einer chronischen Entzündung

Autoimmun Patienten haben also laut Marshall  einen gestörten Vitamin D Stoffwechsel. Typisches Zeichen ist die erhöhte Konzentration von 1,25D im Blut (was jedoch in den seltensten Fällen gemessen wird, deswegen ist es wahrscheinlich wenigen aufgefallen) sowie eine erniedrigte Konzentration von 25D. Letzteres hat man bereits sehr wohl in vielen medizinschen Studien gemessen und dies wird bereits mit einer Vielzahl von Krankheiten assoziert (von Krebs bis Arteriosklerosis, siehe zum Beispiel diese Studie) Man weiss, dass niedrigere 25D Werte schädlich sind, allerdings wird das fälschlicherweise für einen “Vitamin D” Mangel gehalten, der durch Einnahme von Vitamin D angeblich gelöst wird.

Solange es genügend 1,25D in Blut gibt, kann es laut Marshall Model kein Vitamin D Mangel geben, denn nur 1,25D,  die aktive Form von Vitamin D reguliert das Immunsystem . Darüberhinaus würde hier die weitere Zufuhr von Vitamin D zwar Immunsupprimierend (also ähnlich wie Kortison, von Marshall durch molekulardynamische Simulationen gezeigt) wirken, was u.U. eine gewisse Linderung bringt, langfristig jedoch die Krankheit nur noch schlimmer macht: Je mehr 25D vorhanden ist um so mehr wird 1,25D durch die Makrophagen (sowie durch die Keratozyten Zellen der Haut) erzeugt. Die TH1 Entzündung wird also schlimmer, da man sozusagen “Benzin ins Feuer giesst”.

Dieser Prozess setzt sich jedoch nicht unbegrenzt fort. Wenn Patienten sehr grosse Mengen an Vitamin D zu sich nehmen, wird irgendwann ein Punkt erreicht, wo der umgekehrte Prozess erfolgt. Die 1,25D Werte fangen an zu fallen.

Der Grund dafür ist der gleiche wie der Immunosupprimerenden Effekt von Vitamin D in ihre 25D Form. Ab hohe Konzentrationen fängt sie an den VDR zu deaktivieren und damit wird allmählich die 1-alpha Hydroxylase in den Makrophagen reduziert, also weniger 25D in 1,25D umgewandelt. Das hört sich zwar positiv an, eine Blockierung des VDR´s hat jedoch andere negative Folgen, da genauso andere Prozessen deaktiviert werden.

Vitamin D Mangel oder disregulierten Vitamin D Stoffwechsel?

Bei Patienten mit einem disregulierten Vitamin D Stoffwechsel (etwa als Folge der TH1-Entzündung) passiert was höchst paradoxes.  Zum einen wird ein Vitamin D Mangel festgestellt (niedrige 25D Werte in Blut) daraus schliesst man,  dass möglicherweise “zu wenig” 1,25D produziert werden könnte (obwohl man das Metabolit ja messen kann und offensichtlich ist, dass es nicht “zu wenig” ist)  Dann werden in der Regel grosse Mengen Vitamin D verschrieben, was aufgrund des disregulierten Vitamin D Stoffwechsel zu noch höheren, krankhaften 1,25D Werte in Blut führen. Möglicherweise versucht der Körper selbst den Pegel an 25D niedrig zu erhalten (In dem es selbst weniger 25D in der Leber aus externen Vitamin D produziert) in der vergeblichen Hoffnung indirekt damit weniger 1,25D zu produzieren.  Was wiederum dem Patient oder Arzt zu der Schlussfolgerung führt, Vitamin D “wirke” ja nicht genug, da sich die 25D Werte nicht so ändern wie gewünscht.   Zusätzliches externes Vitamin D führt wiederum dazu, dass noch mehr 1,25D in den entzündeten Gewebe produziert wird und der Teufelkreis setzt sich fort, bis irgendwann soviel 25D vorhanden ist um immunosupprimierend zu wirken (ab etwa 25D Werte 25 ng/ml), ab da werden die 1,25D Werte wieder fallen.

Das erklärt auch warum die Einnahme von Vitamin D bei Autoimmunerkrankungen anfänglich zu einer deutlichen Verschlechterung der Symptome führt, was aber nach einigen Wochen nachlässt. Erst dann kommt die “lindernden” Effekten von Vitamin D, was nicht anders sind als die Folgen eines supprimierten Immunsystems. Die Patienten fühlen sich “wohl”, weil sie weniger Symptome haben. Die wahren Ursachen sind aber damit längst nicht beseitigt, nur supprimiert.

Vitamin D und Osteoporose in Lichte des Marshall Modells

Übermässiges Vitamin D3 in ihrer 1,25D Form begünstigt die Bildung von Osteoklasten aus den Stammzellen des Knochenmarktes, was das Gleichgewicht von Osteoblasten (Knochenbildner) und Osteoklasten (Knochenresorbtion) zulasten der Osteoblasten verschieben kann. http://de.wikipedia.org/wiki/Osteoklast

Mir ist ein Beispiel aus einem Deutschen Patienten Forum bekannt, wo einer Patientin (Hashimoto) mit “grenzwertig” normalen 1,25D (51 ng/l) die  tägliche Einnahme von 3000 I.E. Vitamin D empfohlen wurde um ihren “Vitamin D Mangel” zu behandeln. Als Folge davon stiegen ihre 1,25 D Werte in Blut auf 101 ng/l also jenseits des von Labor empfohlenen Maximum und damit in ein Bereich, was höchst bedenklich ist.  Die Forumsteilnehmerin wunderte sich selbst, dass “ihre Zähne immer durchsichtiger wurden”. Dieser Effekt ist bekannt, siehe diese Studie aus 1998.

Es ist ein grosser Unterschied ob Menschen mit normalen Vitamin D Stoffwechsel grosse Mengen an Vitamin D aufnehmen als Menschen mit einem disregulierten Vitamin D Stoffwechsel, möglicherweise als Folge der Krankheit selbst. Leider differenziert die öffentliche Meinung hier kaum, so dass grundsätzlich kräftig Vitamin D empfohlen wird, unabhängig davon, wie das Krankheitsbild des Patienten aussieht. Die Folgen können in der Tat bedenklich werden.

Schiesst man also “über das Ziel hinaus”, erhält man möglicherweise das Gegenteil dessen, was man erreichen wollte, nämlich stabilere Knochen.

Die Immunosupprimierende Wirkung von Vitamin D (25D) nach Marshall

Der “immunosupprimierender” Effekt von 25D kommt aus den Marshallschen Studien. Er hatte durch moleklulardynamische Simulationen gezeigt, dass 25D ab einer Konzentration von 20 ng/ml als Antagonist zum VDR Rezeptor wirkt. D.h. es konkurriert mit dem aktiven Vitamin D 1,25D (Agonist). Ab einem Wert von 20 ng/ml blockiert das angeborene Immunsystem . Siehe zur Vertiefung Originalposting. Diese theoretische Erkenntnis korrelierte mit der Beobachtung bei den Patienten unter der Marshallschen Behandlung, die erwünschte Immunantwort kam erst wenn wenn 25D Werte unter 25 ng/ml waren.

Es gibt übrigens Beobachtungen von russischen Forscher die besagen, das Immunantworten als Folge von Impfungen in Sommer geringer waren als in Winter. Das schreibt  Dr. John Cannell, Direktor des Vitamin D Councils:

Studies …suggest higher Vitamin D levels may prevent a vaccine from causing an immune response, the whole idea of a vaccine.”

Der Immunosuppresive Effekt lässt sich sogar sehr anschaulich erklären. Die 25D und 1,25D Form von Vitamin D sind chemisch sehr ähnlich. In Prinzip, sie sind fast identisch mit Ausnahme einer OH Gruppe (25D hat zwei und 1,25D drei davon (daher der Name Calcidiol und Calcitriol. Um den Vitamin D Rezeptor VDR zu aktivieren ist allerdings die dritte OH Gruppe unerlässlich. Ohne dieses chemisches Element wird der Rezeptor nicht aktiviert. Also kann 25D in hohen Konzentrationen genau so am Rezeptor “andocken” wie 1,25D, jedoch ohne Wirkung. Vielmehr hält das “gute” 1,25D fern von ihm, was immunosupprimierend wirkt.

Vergleich der zwei Vitamin D Metaboliten, 25D und 1,25D. Man beachte, dass nur 1,25D die dritte Hydroxylgruppe (OH) besitz, die unerlässig ist um den Vitamin D Rezeptor VDR zu aktivieren

Vergleich der zwei Vitamin D Metaboliten, 25D und 1,25D. Man beachte, dass nur 1,25D die dritte Hydroxylgruppe (OH) besitzt, die unerlässig ist um den Vitamin D Rezeptor VDR zu aktivieren

Nach dem Marshall Modell wird also bei hohen Vitamin D Einnahme der Rezeptor noch stärker blockiert, damit werden weniger Pathogenen getötet und es kommt zu einer Linderung der Symptome was von den Patienten als “wohltuend” empfunden wird.

Aber warum sollte eine hohe Dosis von 1,25D schädlich sein ? War es nicht so, dass den VDR aktiviert und sich damit positiv auf das angeborene Immunsystem wirkt ? Es ist alles eine Frage der Konzentration. Viel zu hohe Dosis von 1,25D fangen an andere Rezeptoren zu aktivieren (Glucocorticoid GCR , Alpha- und Beta Thyroid Rezeptoren) die sich wiederum negativ auswirken. Siehe z.B. Diese Studie. Darüberhinaus wirkt es Immunosupprimierend, wie diese diese Studie aus Braunschweig, Deutsches Forschungszentrum für Biotechnologie, zeigt.

Es ist im Rahmen des Modells auch verständlich, dass je mehr Makrophagen infiziert sind, um so mehr 1,25D wird man messen (wenn auch eine direkte proportionalität nicht zu erwarten ist).

Es gibt wenige statistischen Daten über die “normalen” Werte von 1,25D im Blut. Eine der Wenigen ist eine Dänische Studie von 1999 (Brot C, Jorgensen NR, Sorensen OH: The influence of smoking on vitamin D status and calcium metabolism. Eur J Clin Nutr Dec 1999, 53(12): 920-6 PMID: 10602348), diese zeigte einen Mittelwert von von 1,25D von 29 pg/ml)

Da 1,25 D auch ein Basishormon für eine Vielzahl von anderen Hormonen (wie z.B. das PTH Hormon, was den Calciumhaushalt reguliert hier ist der VDR ebenfalls massgeblich beteiligt. Bei hohen 1,25D Werte dürften die PTH Parathormon niedrieger sein), sind auch andere Folgeprozesse gestört. Daher kommen übrigens auch die erhöhte Calcium Werte bei Sarkoidose Patienten, was wiederum Osteoporose, Nierensteine und andere Leiden mit sich zieht. Siehe diese Studie

Die Gegenwart von noch mehr Vitamin D in ihrer 25D Form bildet nur noch den Rohstoff für weitere 1,25D Produktion, mehr als der Körper verkraften kann. Es gibt übrigens Enzyme in Körper die die Konzentration von 1,25D im Blut regulieren, die Produktion dieses Enzyms (CYP3A4 sowie CYP27B1) ist jedoch durch die “Blockierung” des VDR Rezeptor durch Bakterien (mittlels Capnine) jedoch gestört. Daher gerät die Produktion von aktivem Vitamin D (1,25D) “ausser Kontrolle”. Der Körper versucht wiederum die hohen 1,25D Werte auszugleichen, indem es immer weniger 25D produziert. Bei gesunden Menschen wird damit auch ein Gleichgewicht erstellt, bei einem kranken Organismus führt dies jedoch zu immer niedrigeren 25D Werte. Das ist was die Ärzte dann (fälschlicherweise) als “Vitamin D” Mangel diagnostizieren. Als Folge davon bekommen die Patienten immer mehr Vitamin D verschrieben um die niedrigen 25D Werte zu vermeiden.

Ab einer Konzentration von 20 ng/ml wirkt jedoch 25D wie schon beschrieben immunosupprimierend, d.h. es konkurrieren jetzt gleich drei Substanzen um den VDR:

a) 1,25D, sozusagen die “richtige” Form von Vitamin D die aktivierend auf den VDR wirkt

b) von Bakterien verursachten Capnine (schädlich)

c) 25D, was zwar eine gewisse Affinität zum VDR hat, kann jedoch es nicht aktivieren

Je mehr externe Vitamin D zugefügt wird, umso mehr ist dann der VDR gerade durch das überschüssige 25D blockiert, was als Folge hat das erst recht keine Bakterien durch das angeborene Immunsystem vernichtet werden.

Eine Blutanalyse in diesem Zustand wird vermutlich auch ein gegen Null gehendes CRP (C-reaktive Protein) zeigen, was Ärzte und Patienten zu der falschen Schlussfolgerung führt, es wären gar keine Bakterien / Entzündungen vorhanden.

Im nächsten Posting über die Marshallsche Behandlungsmethode werden wir daher lesen, dass aus den hier genannten Gründen sehr wichtig ist, jede Form von externen Vitamin D zu vermeiden. Dies gilt jedoch nicht generell, sondern für ein bestimmtes Krankheitsbild, nämlich der hier bereits beschriebenen  ”TH1 Entzündung”, die laut Marshall die tieferliegende Ursache der Autoimmunerkrankungen darstellt.

Wer die Diskussion um Vitamin D verfolgt hat, wird merken das Marshall genau das Gegenteil dessen behauptet was üblicherweise empfohlen wird. Das ist eine von den Gründen, warum das Marshall Modell in bestimmten Kreisen nicht auf Zustimmung stösst, gerade in USA, wo sämtliche Milch mit Vitamin D “angereichert” wird. Hier muss man jedoch differenzieren, Marshall empfiehlt die Vitamin D Abstinenz für Patienten die seine Behandlungsmethode folgen. Gesunde Menschen können auch Vitamin D problemlos vertragen. Hier liegt ein weitverbreitetes Missverständnis des Marshall Protokolls.

Das Neue am Marshall Modell ist die Feststellung, dass niedrige 25D Werte nicht die Ursache einer Krankheit sind, sondern deren Folge.

Also kann man durch zusätzlichen Bluttests von Calicitriol (1,25D) und Calcidiol (25D) einen “Marker”, also eine “Messlatte” für die Schwere der Krankheit gewinnen. Da das Marshall Model in Deutschland so gut wie unbekannt ist, wird das nicht durchgeführt. Schade eigentlich, den ein einfacher Bluttest ist an sich harmlos und könnte nähere Einblicke in die Schwere der TH1- Entzündung erlauben. Vielmehr ist es so, dass bei Ermittlung der 25D/1,25D Werte bei Autoimmun Patienten meistens der niedrige 25D auffällt, was in der Regel als “Vitamin D” Mangel missinterpretiert wird. Die hohen 1,25D Werte regen zwar ein gewisses Interesse (weil sie in der Regel ausserhalb des Maximums liegen) werden aber nicht mit einer bestimmten Erkankung in Verbindung gebracht (Ausnahme: sekundären Hyperthyroidismus)

Anderseits ist dies auch verständlich, denn die hier genannten Informationen wurden erst in den letzen 8 Jahren gewonnen, sie sind also in praktisch keinem Lehrbuch zu finden.

Je höher der 1,25 D Wert ist, umso mehr Schaden richtet die Krankheit an. Das Merck Manual gibt einen Maximum Wert von 45 pg/ml für die 1,25D Konzentration in Blut, was nach Ansicht von Marshall auch völlig korrekt ist.

Deutsche Labore geben hingegen ein Maximum für die Konzentration von 1,25 D in Blut von bis zu 80 pg/ml, also ein Bereich was nach dem Marshallschen Model höchst pathologisch ist (interessanterweise ist das “Maximum” für den 1,25D Wert von Labor zu Labor verschieden, einige geben 45 pg/ml, andere 60 und andere bis 80 pg/ml). Zur Vertiefung über die Benutzung von den der Konzentration von 1,25D / 25D in Serum als “marker” für die Kranheit, siehe den Vortrag von Greg Blaney im 6th International Congress on Autoimmunity, Porto, Portugal, Sept 10-14, 2008

Der gestörte Vitamin D Stoffwechsel von Autoimmunpatienten hat noch weitere Folgen. Sie entwickeln nach Meinung von Marshall auch Symtome der Hypervitaminosis D bei viel niedrigeren Dosis von Vitamin D als bei gesunden Menschen. Das erklärt auch die Lichtempfindlichkeit mancher Patienten. Siehe auch Symptome der Hypervitaminosis (auf Englisch) in der Marshalprotocol Website

Dies lässt sich einfach mit der vermehrten Produktion von 1,25D in den Makrophagen erklären. Bei einem gesunden Menschen, der nur 1,25D in den Nieren produziert, braucht man Unmengen an Vitamin D um eine Hypervitaminosis D zu erzeugen. Ein kranker Organismus hingegen produziert schon alleine aufgrund der Krankheit viel mehr 1,25D. Also je mehr 25D vorhanden ist, um so mehr 1,25 D wird in den Makrophagen (und auch in der Haut) erzeugt, was wiederum die Krankheit verschlimmert.

Die erhöhte Produktion von 1,25D in den Makrophagen war übrigens bereits von anderen Forschern bemerkt worden, siehe zum Beispiel diese Studie. Trotzdem gehen die wenigsten Ärzte darauf ein. Wahrscheinlich, weil die Forschnung von 1,25 D recht neu ist, nachdem man sich (fälschlicherweise) jahrzentenlang auf die Messung von 25D fokussiert hat.

Siehe z.B. diesen Beitrag von Dr. med. habil. Volker Nehls, Zitat: “Aktivierte Makrophagen bei der Sarkoidose exprimieren das Enzym 1-alpha-Hydroxylase, das die Vorstufe 25-OH-Vitamin D3 zu der eigentlich aktiven Wirkform 1,25-Dihydroxy-Vitamin D3 (Calcitriol) umwandelt. Hierdurch kommt es bei einigen Sarkoidose-Patienten zu einer Hyperkalzämie, Hyperkalziurie und Nephrokalzinose. Die erhöhte Calcitriol-Synthese durch Sarkoidose-Makrophagen wird als Versuch des Organismus aufgefasst, die T-Zell-Aktivität bei Entzündungen einzudämmen” . Mittlerweile ist es klar, warum Calcitriol produziert wird, nämlich um die Produktion von körpereigenen Bakteriziden (LL-37, Beta Defensin) anzukurbeln. Siehe Posting “Die Rolle der Toll-like Rezeptoren in Autoimmun-Erkrankungen

Marshall kommt hier zu anderen Schlussfolgerungen, nämlich das die zusätzliche 1,25D Produktion krankhaft ist, und zwar weil sie ausser Kontrolle gerät. Warum sie ausser Kontrolle gerät wird im Posting “Vitamin D Mangel etwas anders erklärt”   Bei einem gesunden Mensch wird zwar kurzfristig 1,25D von Makrophagen erzeugt als Teil des körpereigenes Abwehrmechanismus (siehe detailliertes Posting dazu). Bei Autoimmun Patienten hingegen wird ununterbrochen 1,25D im infizierten Gewebe erzeugt.

Erstaunlicherweise hat die Wissenschaft bisher sich nur marginal mit diesem Thema beschäftigt. z.B. wurden die 1,25D anormalen Blutwerte von anderen Autoimmun-Krankheiten wie Hashimoto noch nie untersucht.

Ein anderer Vitamin D Forscher, John White, kam ebenfalls zu dem Schluss, überschüssiges 1,25D stammt aus dem Macrophagen, allerdings seiner Meinung nach von der Natur so gewollt, da das negative Feedback Mechanismus (über das CYP24 Enyzm was 1,25D inaktiviert) bei den Macrophagen nicht voll funktionsfähig ist aus noch unbekannten Gründen. Siehe seine  Studie über angeborerne Immunität und Vitamin D. Allerdings betrachtet White nur die Sarkoidose als Beispiel und keine andere AI´s.

Vertiefung: die Original Marshall Protocol Study Site

Infiziertes Monozyt. Die schwarze Pfeile zeigen die Infektion des Monozyts mit L-Form Bakterien. Aus Wirostko et al, 1989 Columbia University TEM. Folie aus Transkript von Marhsall in der Metagenomics 2007

Infiziertes Monozyt. Die schwarze Pfeile zeigen die Infektion des Monozyts mit L-Form Bakterien. Aus Wirostko et al, 1989 Columbia University TEM. Folie aus Transkript von Marhsall in der Metagenomics 2007

Die “AutoAntikörper” im Lichte des Marshall Models

Die genaue Ursache von den sogenannten “AutoAntikörper” (ANA´s) stellt die Wissenschaft immer noch vor offenen Fragen.  Warum stellt der Körper plötzlich Antikörper gegen ihn selbst ?    Dazu muss man wieder berücksichtigen, dass wir mit zwei untereinander kooperierenden Immunsystemen zu tun haben: das angeborene sowie das adaptive. Nur das adaptive Immunsystem reagiert auf Antikörper, das angeborene erkennt körperfremde Substanzen mit Hilfe der Toll-Like Rezeptoren (siehe Posting dazu ) Antikörper sind die Domäne des adaptiven immunsystem.  Nach dem Marshall-Model entstehen Autoimmunerkrankungen zunächst als eine Reaktion es angeborenen Immunsystems:

1) Das angeborene Immunsystem greift die intrazelullären Erreger an und vernichtet (durch Phagozytose) sie zusammen mit den von ihnen befallenen Körperzellen  Dabei entstehen Zytokinen sowie DNA Brückstücken, sowohl von Bakterien als auch von körpereigenen Material.

2) Die entstandenen Zytokinen (z.B. Interferon-gamma) aktivieren nun die Antwort des adaptiven Immunsystem, was nun aus den gefundenen Bruchstücken Antikörper erzeugt (siehe Artikel “Uralte Bakterienkiller mit doppelter Mission“). Da die Brückstücke auch körpereigenen material enthalten, werden sie nun als Fremd erkannt. Das adaptive Immunsystem sieht die Zelle als Fremd an, da sie infiziert war.

3) Das adaptive immunsystem generiert nun Antikörper gegen die gefundenen Substanzen, u.a. Körpereigen.

Siehe zur Vertiefung das Video zu diesem Thema, vorgestellt in den International Congress of Antibodies in Beijing, 2009.

In der genannten Presentation wurden Beispiele gezeigt, wie bei Patienten unter der Marshall-Behandlung die Anzahl der “Autoantikörper” zunächst gestiegen ist, als Folge des aktivierten angeborenen Immunsystem, um später wieder auf sehr niedrige Werte zu fallen, was auch von den Patienten als eine Genesungsphase identifiziert wurde.

Die Anzahl der gefundenen Antikörper ist jedoch nicht eindeutig. Bei Sarkoidose erkrankten z.B. wurde in den schlimmsten Monaten der Krankheit die geringste Anzahl von Antikörper gemessen.  So gesehen scheinen sie   entweder sehr fortgeschrittene Stadien zu reflektieren, wo das Immunsystem sehr schwach reagiert und kaum Antikörper produziert, oder sehr gute, wo die Anzahl der Antikörper zurückgeht mit einer Abnahme Pathogenenanzahl aufgrund einer verstärken Abwehr.

Wie aber schon erwähnt, der Hauptakteur im Marshall-Modell ist das angeborene Immunsystem, das adaptive ist nur ein Nebenkriegsschauplatz.

Es ist für mich ohne Zweifel, dass Marshall hier ein denkwürdiges Modell der Autoimmunerkrankungen aufgestellt hat, was eine Vielzahl von Beobachtungen sehr gut erklärt. Darüberhinaus basiert das Modell lauf einem solidesn Molekular Modell des Vitamin D Stoffwechsel. Einige Aspekte waren schon bekannt, andere hingegen sind völlig neu.

Das Modell lässt sich jedoch nicht so einfach prüfen, denn die L-Form Bakterien lassen sich kaum “in Vitro” isolieren und züchten. Daher lässt sich das Modell nicht direkt nachweisen, sondern nur indirekt durch Übereinstimmung seinen Vorhersagen mit experimentellen Ergebnissen.

Das Modell wird in fachspezifischen Tagungen über Autoimmun Erkrankungen regelmässig vorgestellt. Aufzeichnungen von diesen Vorträgen lassen sich auch im Web finden. Auf Deutsch gibt es kaum Literatur über das Marshallsche Modell. Das ist übrigens ein Grund, weshalb ich diese Seite ins Leben gerufen habe. Eine von den wenigen Informationen auf Deutsch ist von Wolfang Maes (siehe letztes Posting in Borreliose Forum, steht als PDF Beilage) verfügbar. Es gibt Hinweise, dass varianten Erreger der Borreliose Borrelia burgdorferi ebenfalls intrazellulär wirkt und zwar in der L-Form. Siehe diese Studie . Vergleiche diese Anmerkungen über die “L-Form” des Borreliosen Erregers .

Diese Erkenntnisse finden nur extrem langsam Akzeptanz in den zuständigen medizinischen Kreise (siehe Posting “Die Kontroverse um Marshall“), Das ist leider in der Medizin nicht neu, auch der Nobelpreisträger von 2005, Barry Marshall hatte extrem gegen Skeptiker gekämpft. Als vor Jahren behauptet wurde, Magengeschwüre hätten eine bakterielle Ursache, stiess er auf ähnliche Skeptiker. Heute ist erwiesen, dass Helicobacteri Pylori der Erreger war. Der genannte Erreger kommt ebenfalls in seiner L-Form vor.

Es gibt in der Tat viele Parallelen zwischen den beiden Marshalls (Barry und Trevor Marshall). Beide zeigten, dass Bakterien eine viel grössere Rolle in der Entwicklung von Krankheiten spielen, beide wurden anfänglich nicht ernst genommen. Barry Marshall musste sogar selbst Bakterien schlucken um seine Theorie zu beweisen. Aber er bekam schliesslich den Nobelpreis.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Marshall Modell für Autoimmun Erkrankungen sich extrem langsam durchsetzt, wenn überhaupt. Schade eigentlich.

Bild eines infizierten Monozytes (Bildmitte), aus dem Video von Trevor Marshall in der Gene 2008

Bild eines infizierten Monozytes (Bildmitte), aus dem Video von Trevor Marshall in der Gene 2008

Comments are closed.