Die Rolle von Vitamin D, wirklich ein Sunshine “Vitamin”?

“One of the great mysteries in human biology is the fact that most human breast milk is deficient in vitamin D. How could Nature overlook such an important nutrient in the “perfect food”?”

~Vitamin D Council

Das Wort “Vitamin” ist positiv geprägt. Man assoziert in der Regel positive Gedanken mit diesem Begriff. Vitamine sind gut, gesund und man könnte nicht genug davon nehmen. Wer genügend Vitamine zu sich nimmt, erfreut sich über beste Gesundheit.

Nichts dagegen einzuwenden, Vitamine sind in der Regel auch gesund. Aber ist Vitamin D überhaupt ein Vitamin ?

Vitamine sind organische Verbindungen, die der Organismus nicht als Energieträger, sondern für andere lebenswichtige Funktionen benötigt, die jedoch der Stoffwechsel zum größten Teil nicht synthetisieren kann

Der Körper kann jedoch Vitamin D selbst erstellen, also ist es im Grunde genommen kein Vitamin im strengen Sinne.

In Wahrheit ist Vitamin D ein Steroid und ein Hormon zugleich (also ein “Steroid Hormon”), wobei nur die aktivierte Form von Vitamin D (1,25D) als Hormon agiert.

Würde man statt von “Vitamin D” von einem “Hormon D” sprechen, wäre man wahrscheinlich vorsichtiger. Vor allem wenn es darum geht, Lebensmittel damit zu “bereichern” wie es in der USA der Fall ist. Dort ist praktisch jeder Milch Vitamin D  zugesetzt. In Deutschland ist das glücklicherweise nicht der Fall.  Wenn jemand Ihnen empfehlen würde,  sich einer Hormon-Substitution Therapie zu unterziehen, wären Sie bestimmt  skeptisch. Aber mit Vitamine ist man halt etwas grosszügiger, gerade weil das wort “Vitamin” Positives verspricht und ausserdem ist in aller Munde.

David Agus (der Onkologe von Steve Jobs) hat einen sehr guten Artikel über Vitamin D geschrieben in seinem Bestseller “Leben ohne Krankheit” (2013), wobei er gerade Vitamin D als Beispiel einer von Medien und einige Forscher erzeugten “Hype”.  Weiterhin empfehle ich den hervorragenden Artikel über vitamin D von Dr. Alan Gaby (April 2011).

Vitamin D ist eng gekoppelt mit unserem Immunsystem und innerhalb der Marshall Theorie für Autoimmunerkrankungen spielt sie eine zentrale Rolle. Daher ist es zweckmässig, wenn man sich mit dieser lebenswichtige Substanz näher beschäftigt. Siehe auch John White “Vitamin D Signaling, Infectious diseases and regulation of Innate Immunity”.

Der menschliche Körper kann es  selbst aus Cholesterin und Licht in der Haut erzeugen. Ja  genau, Cholesterin,  jene böse Substanz die man angeblich auf jeden Fall vermeiden muss wenn man an einer guten Gesundheit ernsthaft interessiert ist.

Das was wir unter “Vitamin D” kennen ist chemisch unter Cholecalciferol oder Vitamin D3 bekannt. Allerdings ist sie in dieser Form von Körper noch nicht ganz verwertbar, dazu gehören noch zwei Schritte die in der Leber bzw in den Nieren stattfinden:

  1. Vitamin D wird in der Leber zu 25D (25(OH) Vitamin D3) umgewandelt (Calcidiol)
  2. 25D wird wiederum in den Nieren zu 1,25(OH)2D3 (Calcitriol) umgewandelt (endocrine Vitamin D Erzeugung)
  3. Viele Gewebenarten sind ebenfalls in der Lage, selbständig Calcitriol aus Calcidiol zu erzeugen (paracrinale Vitamin D Erzeugung). Wahrscheinlich ist jeder Zelle mit Zellkern in der Lage, auf Vitamin D zu reagieren.
  4. Einige Immunzellen, wie z.B. Makrophagen, produzieren ebenfalls Calcitriol aus Calcidiol als Teil einer Immunantwort (ebenfalls paracrinale Vitamin D Erzeugung)

In diesem Blog wird der einfachkeitshalber 25D geschrieben und steht für 25 (OH) Vitamin D3 sowie von 1,25D was für 1,25 (OH)2 D3 steht.

25D ist also nur ein “Baustoff” um die aktive Form von Vitamin D (1,25D) zu bilden. Ansonsten hat es keine Funktion. Es wird in Körper gespeichert und bleibt dort einige Monate.  Die wichtigste Form von Vitamin D ist die 1,25D und nicht die 25D.

Daher ist 1,25(OH)2 VitD3 (hier der einfachheitshalber 1,25D genannt) das “aktive” Metabolit, denn nur 1,25D die Eigenschaft hat den Vitamin D Rezeptor VDR in den Zellen zu “aktivieren”, d.h. die Transkription von Genen in Gang zu setzen. Der VDR ist für die Transkription von mehr als 1000 Genen verantwortlich und ist unerlässlich für eine gute Gesundheit und für das Immunsystem. Siehe dazu mehr in diesem Posting.

Die biologische Wirkung von 1,25D wird direkt in Zellkern entfaltet, daher ist die Rolle von den frei zirkulierbarer 1,25D nicht ganz geklärt. Vermutlich wird 1,25D bei Bedarf direkt in Zellkern erzeugt und auch verbraucht.  Das in Blut frei zirkulierende 1,25D kommt also aus den Zellkern selbst und ist durch die Zellwand in die Blutbahn diffundiert. Nach der gängigen Meinung diffundiert umgekehrt 25D aus der Blutbahn zu dem Zellkern, wo es bei Bedarf in 1,25D konvertiert wird. Innerhalb des Zellkern selbst sind die Konzentrationen aus 25D und 1,25D vergleichbar und liegen in der Grössenordnung von 1-10 nanomolar. Mittlerweile wurde durch Chinesischen Forscher bestätigt, dass nicht nur die Leber ist in der Lage, aus Vitamin D3 25D zu produzieren. Zahnfleischzellen konnten unter Laborbedinungen selbständig 25D aus Vitamin D3 produzieren und 1,25D ebenfalls. Die komplette “Vitamin D Kette” kann also ohne zu tun der Leber und Nieren funktionieren. Quelle:  Kaining Liu et al, 2013

Sowohl 1,25D als auch 25D sind an das Vitamin D-bindendes-Protein gebunden (DBP). Gentechnisch präparierte Labormäuse ohne DBP haben kein zirkulierendes 25D/1,25D in Blut und haben trotzdem einen normalen Kalziumstoffwechsel (!). Daher spielt vermutlich das frei zirkulierende 1,25D in Blut eine geringe Rolle. Trotzdem kann es als “Marker” nach dem Marshall Model für Autoimmunerkrankungen verwendet werden, aus Gründen die wir später sehen werden.

Ursprünglich hatte die Medizin das Vitamin D Metabolit  1,25D nur mit dem Calcium Stoffwechsel in Verbindung gebracht. Seit 1995 weiss man jedoch, dass 1,25D eine sehr wichtige Rolle beim Immunsystem spielt.   Siehe Casteels et al. Das Calcium Stoffwechsel wird wiederum vom Parthormon PTH reguliert und 1,25D ist ebenfalls beteiligt, wobei sie eine viel geringere Rolle spielt als von der Allgemeinheit angenommen.

Vitamin D und Immunsystem: Stärkung oder Schwächung – Was ist nun richtig?

Liest man die allgemein bekannte Vitamin D Literatur, kommen sehr oft Sätze vor wie:

Vitamin D stärkt das Immunsystem, sie ist unerlässlich für die Knochengesundheit, sie wirkt entzündungshemmend und beugt bestimmte Krebsarten vor. Vitamin D Mangel ist wird von Experten mit höherer Sterblichkeit   assoziert sowie mit  einem höheren Risiko für Herz/Kreislauf- sowie für Autoimmunerkrankungen”.

Es wird  also  nahezu wie eine Panacea beschrieben, also einer Art Wundermittel was gegen fast alle Krankheiten hilft .

Besonders interessant ist die Erwähnung in gleichen Satz von “Immunsystem Stärkung” und “Entzündungshemmung“. Eine “Entzündung” ist eine Reaktion des Immunsystems. Wenn eine Substanz das Immunsystem “stärkt”, kann sie wohl nicht gleichzeitig  entzündungshemmend wirken, den die Entzündungshemmung “bremst” ja das Immunsystem (z.B. Cortison, die stärkste entzündungshemmende Substanz schlechthin erreicht dieser Effekt durch Supprimierung, also “Bremsung” des Immunsystems)

Wie kann also Vitamin D immunsystemstärkend und gleichzeitig immunsystembremsend sein?   Ist das nicht paradox?

Diese Frage kann nicht so einfach beantwortet werden, aber es spricht vieles dafür, dass des Rätselslösung in der Tatsache liegt, dass wir mit zwei Substanzen zu tun haben, nämlich  mit den Metaboliten 25D und 1,25D die unterschiedlich wirken und auch sich gegenseitig beeinflussen. Ein Aspekt, was in der populären Meinung über Vitamin D  (“je mehr desto besser..”) völlig unbersücksichtigt bleibt.

In der Tat wird Vitamin D in bestimmten Konstellationen  zu stärkeren Immunreaktionen führen und in anderen  das Immunsystem bremsen, also “immunosupprimierend” und damit auch entzündungshemmend wirken.  Aber das muss nicht unbedingt positiv sein. Eine jahrelange Schwächung der angeborene Immunabwehr könnte kontraproduktiv wirken.

Vitamin D Supplementierung führt zu einer Erhöhung von IL-10 in Blut, eine anti-enzündliche Zytokine (Quelle Dissertation über Vitamin D Supplementierung, 2006), Cortison zeigt übrigens eine ähnliche Wirkung. “Anti-entzündlich” liest sich zwar positiv, Entzündungshemmung und “Bremsung” der angeborene Immunabwehr sind jdoch zwei Seiten der selben Münze.

Unter “Konstellationen” meine ich bestimmte Kombinationen zwischen 25D/1,25D in Blut.  Da wir mit zwei Dimensionen zu tun haben und noch die Funktionsfähigkeit des VDR Rezeptors berücksichtigt werden müsste, gibt es daraus keine einfache, generelle Antwort. Die recht simplistische Betrachtungsweise “je höher die 25D Werte desto besser” ist nur eine starke Vereinfachung eines wesentlich komplexeren Problems, die von der Wissenschaft bisher kaum ausgeleuchtet wurde.

Wissenschaftler haben z.B. herausgefunden, dass bestimmte Krebsarten wie Prostatakrebs umso agressiver sind, je höher Vitamin D Werte in Blut sind (Siehe Krebsabschnitt weiter unten). Die Vitamin D bedingte Immunosuppresion führt anderseits zu besseren “Wohlbefinden”, da Immunreaktionen ausbleiben. Über 80% dessen was wir unter “krank sein” verstehen, sind eigentlich Immunreaktionen. (Quelle:  Vitamin D the Alternative Hypothese)

Diese sehr interessanten Aspekten von Vitamin D werden in diesem Blog in unterschiedlichen Postings vertieft:  in “die Rolle der der Toll-like Rezeptoren in Autoimmunerkrankungen” wird auf die sogenannte “paracrinale” Erzeugung von 1,25D in anderen Geweben als die Nieren sowie speziell auf die Rolle von Vitamin D in Immunreaktionen es angeborenen Immunsystems eingegangen.

Viele Gewebearten – in der Regel solche die in Kontakt mit Erreger kommen – sind nämlich in der Lage,  selbständig 1,25D aus 25D zu erzeugen (Fachbegriff: ” 1-alpha Hydroxylase”).  Die immunosupprimierenden Effekten von Vitamin D werden ausführlich im Posting “Das Marshall Modell der Autoimmunerkrankungen”, denn Marshall zeigte sehr anschaulich, warum Vitamin D auch immunosupprimierenden Effekten aufweist.  Dies wird auch in der Veröffentlichung “Vitamin D, the alternative Hypothese” gezeigt.

Die angebliche vorbeugende Wirkung von Vitamin D auf Krebs wird schliesslich am Ende dieses Postings diskutiert.


Was ist nun ein “Vitamin D” Mangel?

Wenn man in der Literatur von “Vitamin D” Mangel liest, bezieht dies  sich in der Regel auf 25D. Man hat in der Vergangenheit in der Tat eine Korrelation zwischen niedrigeren 25D Werten und einer Vielzahl von Krankheiten festgestellt (von Autoimmun-Erkrankungen, bis zu Krebs)

Daraus schliesst man, dass eine Unterversorgung mit Vitamin D (obwohl man hier 25D meint) irgendwie  dafür  Verantwortlich ist. Richtigerweise sollte es heissen, ein “Vitamin D” Mangel kann erst geben, wenn die Konzentration von 1,25D in Blut niedrig ist.  Und gerade die hat man in den seltensten Fällen gemessen.

Warum wird dann von einem “Vitamin D” Mangel gesprochen, wenn man lediglich die “Vorsubstanz”, den “Baustoff” 25D meint ?

Das hat wohl historischen Gründen. In der Vergangenheit hatte man nur 25D und nicht 1,25D gemessen. Berühmte Studien wie die Framingham Studie hatten ja nur 25D Werte und nicht die dazugehörigen 1,25D.  Die Messung von 1,25D ist sehr aufwendig und fehleranfällig, Daher schaut man eher auf die 25D Werte und schliesst man daraus, dass wenn 25D erniedrig wohl weniger 1,25D vorhanden sein muss.  Ein Trugschluss.

Welche Werte sollen bestimmt werden, um ein Vitamin D Mangel festzustellen?

Nachdem die Vitamin D Literatur über Jahrzehnte sich auf 25D und nicht auf das aktive Metabolit 1,25 D, konzentriert hat, ist Einiges an Verwirrung entstanden, die sich leider auf einige Arztpraxen ausweitet.

Die Bestimmung von 25D in Blut ist einfach und  kostengünstig. Die Messung von 1,25D ist aufwendig (das Blut muss gefroren werden, die Konzentrationen von 1,25D sind sehr klein und deren Messung schwer)  Darüberhinaus sind die 25D Werte recht stabil und schwanken nicht so wie die von 1,25D, die von anderen Faktoren (z.B. PTH) beeinflusst werden. Daher ist sich die Wissenschaft einig, dass 25D ein recht guter Indikator für die Versorgung des Körpers mit 25D ist, wohlwissend, dass dies nur ein “indirekte” Indikator ist.

25D ist stabil, weil es ein Mass für das gespeicherte 25D in Körper ist. 1,25D kann nicht gespeichert werden, 25D schon. Der Körper wird dann bei Bedarf soviel 1,25D bilden, wie er benötigt. Die dazu notwendige Konzentration von 25D wird leicht überschätzt. Es befinden sich in Blut grob gesprochen 10000 mal mehr Molekülen von 25D als welche von 1,25D. Die Sorge es könnte nicht “genügend” Substrat für 1,25D, also nicht genügend Baustoff  ist schwer verständlich.

Der “Vitamin D Mangel” gemessen an das Metabolit 25D ist nicht anders als die Vermutung, es könnten u.U. nicht genügend 1,25D gebildet werden. Das ist alles. Nur was ist nun “genug” ?

Ist 25D niedrig, so könnte u.U. 1,25D ebenfalls niedrig sein, was gefährlich ist. Ist 25D in Ordnung, so wird es wohl 1,25D sein.  So die einfache Logik. Diese “indirekte” Logik wird in der Regel vielleicht gut funktionieren, solange das Vitamin D Stoffwechsel selbst nicht gestört ist (z.B. als Folge einer Autoimmunerkrankung oder latenten Th1-Entzündungen) Im letztern Fall könnte man höchst paradoxe Messwerten erhalten: Beispiel zu niedrige 25D Werte (also ein “Vitamin D Mangel”) jedoch normal oder sogar zu hohe 1,25D Werte. Also doch kein “Mangel” (?!)

Wird jedoch 1,25D direkt gemessen, so hat man gleich das aktive Metabolit, also genau jene Substanz, die als aktives Vitamin D von Körper verwertet wird über den Vitamin D Rezeptor.

Daher ist es sinnvoller, gleich die zwei Metaboliten zu messen, nämlich 25D und 1,25D. Da hat man ja das Gesamtbild. Menschen die gerne mit Vitamin D Supplementieren, sollten auch immer ihre Calcium Werte in Blut überwachen. Es besteht nämlich eine nicht verschwindende Wahrscheinlichkeit,  dass die Calciumwerte unter Vitamin D Supplementierung steigen, was zu schwerwiegende Folgen für die Nieren führen kann.  Gerade Menschen mit Autoimmunerkrankungen haben oft  einen disregulierte Vitamin D Stoffwechsel, eine Beobachtung die leider selbst bei Ärzten unbekannt ist. In solchen Fällen werden hohe bis sehr hohe 1,25D Werte gemessen (wenn es überhaupt zu Messung kommt). Hohe Calcitriolwerte in Blut führen  zu Knochenabbau und Osteoporose, durch verstärkte osteoklastische Aktivität.

Niedrige 25D Werte in Blut kommen gerade bei Autoimmun-Erkrankungen sehr oft vor, die dazugehörigen hohe 1,25D Werte (oft fälschlicherweise als “kompensatorische Erhöhung” tituliert) fallen in der Regel nicht sonderlich auf, z.T. weil die Labore Werte bis zu 80 pg/ml noch als “normal” betrachten. Siehe auch das Posting “Vitamin D Mangel etwas anders erklärt”

Wie man aus den letzten Paragraphen sieht, wird die bedeutung von zu niedrigen 25D Werte (klassisches Vitamin D Mangel) etwas relativiert, denn es enthält nur ein Teilbild.

Trevor Marshall äusserte die Vermutung, die niedrige 25D Werte sind gar nicht die Ursache von einer Krankheit, sondern deren Folge. Niedrige 25 D Werte (solange genügend 1,25D in Blut vorhanden ist) sind nur ein Symptom einer tiefergehende Erkrankung, die in den  nächsten Post näher erläuert wird.

Mehr Infos zu Vitamin D gibt es bei Wikipedia. In Englisch gibt es eine gute Übersicht bei Marshall

Sehr detaillierte Informationen finden sich in dieser Veröffentlichung (Adriana S. Dusso, Alex J. Brown and Eduardo Slatopolsky, Am J Physiol Renal Physiol 289:8-28, 2005. doi:10.1152/ajprenal.00336.2004) Sowie bei John White, ein annerkannte Vitamin D Experte.

Die Kontroverse um Vitamin D als Nahrungsergänzung ist sehr gut in der BioEssays Veröffentlichung von Marshall zu lesen. Sowie in der neuesten Veröffentlichung “Vitamin D: die Alternative Hypothese”  bei Autoimmunity Reviews,  Elsevier. Kritische Stimmen zu Vitamin D finden sich auch z.B. in Linden (1974)

Die ”Vitamin D Mangel Hypothese” von Holick/Hollis/Cannel/

Diese Hypothese besagt u.a,  dass ca. 50% der Weltbevölkerung unter ” Vitamin D Mangel” leidet, die unbedingt therapiert werden muss. Als “Mangel” gelten 25D Werte unterhalb 30 ng/ml.  Für die erwähnte These gibt es bisher nur Hinweise, aber keine wasserdichte Beweise. Sie wird sehr aktiv von den Vitamin D Council (eine private non-profit Organisation) betrieben.  Mittlerweile haben sich einige bekannte Ernährungswissenschaftler deren Ideen angeschlossen, obwohl Vitamin D streng genommen kein Ernährungsproblem ist. Sehr wenige Lebensmittel enthalten Vitamin D, dies dürfte für die Evolution des Homo-Sapiens nichts Neues sein.

Die  erwähnte These besagt, dass viele chronische Leiden, Diabetes,  Krebs sowie Autoimmunerkankungen  sich  durch genügend Vitamin D Supplementierung vorbeugen lassen.  Dabei gibt es kaum Studien, die den vermuteten vorbeugenden Effekt von externer Vitamin D Supplementierung  belegen.  Da jedoch die erwähnten Erkrankungen sehr niedrige Vitamin D in Blut aufweisen,  kommt man zu dem (Trug?) Schluss, man brauchte ja nur genügend Vitamin D  zu supplementieren um diese Krankheiten vorzubeugen. Ein Glaube, was in der Medizin schon des öfteren nicht funktionierte und sogar sich als kontraproduktiv erwies (Östrogensupplementierung, Beta-Karotin).

Ein anderes beliebtes Argument ist der Hinweis auf die enorme Wichtigkeit von Vitamin D auf den menschlichen Stoffwechsel, an sich eine absolut richtige Festellung, nur wird sie von den Anhänger der Vitamin D Mangel Hypothese so verstanden, dass der Stoffwechsel der Europäischen Bevölkerung (oder besser gesagt, 50% der Weltbevölkerung) ohne Supplementierung nicht richtig funktioniert. Dies ist wiederum nicht durch Studien wasserdicht belegt.

Als “Beweis” dazu wird hingegen argumentiert, dass in den hiesigen Breitengraden in Winter kaum Vitamin D gebildet wird, daher muss also supplementiert werden, als ob die Sonnenwirkung in Europa ein Effekt der Neuzeit wäre.  Dabei wird oft vergessen, dass der angeblich “Mangel” nur ein Mangel ist, weil die “Normwerte” für 25D so hoch “definiert” wurden.

Weiterhin wird auf die Inzidenz von Krebs in Abhängigkeit von Breitengrad als weiterer Hinweis für die Vitamin D Mangel Hypothese verwiesen. Länder mit mässige UVB bedingte Vitamin D Bildung dürften demnach mehr Krebsfälle aufweisen als Länder in der Nähe des Equators. Auch diese Annahme ist höchst widersprüchlich, eine aktuelle (2008) Studie aus Norwegen zeigte, dass eher umgekehrt ist, einige Krebssorten sind häufig in Equatornähe als in nördlichen Gegenden. Hier verbesserte sich allerdings auch gleichzeitig die Überlebenswahrscheinlichkeit in Equatornähe. Beispiel: zwei von drei Norweger haben 25D Werte niedriger als 20 ng/ml, trotzdem haben sie nur 50% der Lungenkrebsinzidenz als beispielsweise Australier. Länder wie USA, die aktiv Vitamin D Anreicherung in Lebensmittel betreiben, zeigen keineswegs deutlich bessere Zahlen was Diabetes/Herzkreislauf /Autoimmun oder Krebsleiden betrifft, was von den Anhänger der Vitamin D Mangel Hypothese dadurch erklärt wird, dass die Supplementierung immer noch nicht hoch genug ist.

Medizinische Fachstudien benutzen oft “Korrelationen”. D.h. sie messen zwei Parameter und beweisen  mit statistischen Mitteln, dass sie korrelieren bzw nicht korrelieren. Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Aus einer Korrelation auf einen kausalen Zusammenhang zu schliessen ist jedoch falsch. Zumindest geht es aus einer blossen statistischen Analyse nicht hervor. Um solche Aussagen zu refertigen brauchte man ein wissenschaftliches Model. Und sowas gibt es in den seltensten Fällen.

Es ist z.B. bekannt, dass während der Schwangerschaft oft niedrige Vitamin D Werte gemessen werden. Trotzdem käme niemand auf die Idee, Vitamin D als Verhütungsmittel einzusetzen, nur weil “Vitamin D Mangel” mit der Schwangerschaft korreliert. Klingt absurd, aber genau so ist die Logik der “Vitamin D Mangel” Hypothese (“…es könnten X % der Herzinfarkte/Krebsfälle/Diabetes vermieden werden, wenn man die Versorgung der Bevölkerung mit Vitamin D um Y % erhöhen würde... und ähnliches)  Raucher haben bekanntlich ebenfalls niedrige Vitamin D Werte, trotzdem werden die negative Auswirkungen des Rauchens nicht verschwinden, nur weil Vitamin D supplementiert wird.

Aus den genannten Beispielen geht es hervor, dass Vitamin D Werte offensichtlich empfindlich  auf besondere Vorgänge in Körper (z.B. Schwangerschaft) reagieren, sowie auf die Einnahme von bestimmten Biochemische Substanzen (Rauchen, aber auch Medikamente wie  Statine beeinflusst den Vitamin D Status. Insofern wäre nicht verwunderlich,  dass gerade  schwere oder chronische Krankheiten den Vitamin D Spiegel ebenfalls negativ beinflussen  könnten, ohne dass es ursächlich ist.

Die Vitamin D Mangel Hypothese basiert also hauptsächlich auf einer Reihe von verketteten Annahmen die sich entweder gegenseitig  ”beweisen” (Zirkelogik)  oder Kausalität aus Korrelationen suggerieren.

In der Vorbeugung von Knochenbrüchen bei älteren Menschen  sieht die Datenlage etwas besser aus, die Schweizerin Bischoff-Ferrari zeigte in Metastudien, dass bei älteren Menschen (> 65 Jahren) die Wahrscheinlichkeit für Knochenbrüche geringer ist bei Vitamin D.  Supplementierung.

Die Veröffentlichung  Holick 2006 gibt einen guten Überblick über die Vitamin D Mangel Hypothese.  Interessanterweise werden die nach Meinung von Holick “ideale” Vitamin D Werte von oberhalb 30 ng/ml in kaum einer Population der Welt mehrheitlich (also als Mittelwert) gemessen. Das wiederum ist nach Augen der Anhänger der Vitamin D Mangel Hypothese ein Problem von epidemiologischen Ausmassen das unbedingt durch Vitamin D Supplementierung korrigiert werden soll. In den folgenden Abschnitte wird näher auf die Vitamin D Mangel Hypothese eingegangen und vor allem die Frage beleuchte, wie diese Theorie auf die > 30 ng/ml als “idealwert” für 25D kommt.

In der Berichterstattung wird leider ausser acht gelassen, dass die Vitamin D Mangel Hypothese ja nur eine These ist, deren Beweis erst gebracht werden müsste. Sie wird oft als “der Stand” der Vitamin D Forschung vermittelt Dies ist jedoch nach der höchst widersprüchlichen Datenlage, vor allem nach dem fehlen von Studien die speziell die Supplementierung untersuchen (und nicht nur Korrelationen messen), nicht zutreffend.  Siehe auch den Englischsprachiger Artikel dazu “Skepticism Mounts on Needs of Vitamin D Supplementation“.

Es kommt erschwerend kommt, dass in der populärwissenschafltichen Presse  oft nicht zwischen 25D und 1,25D unterscheidet wird sondern generell über “Vitamin D” redet.  So werden beispielsweise positive Eigenschaften von 1,25D sehr schnell mit externer Vitamin D Einnahme in Verbindung gebracht, obwohl Calcitriol (1,25D) erst  in Körper gebildet wird und der Zusammenhang zwischen der Calcitriol (1,25D)  Erzeugung aus Calcidiol (25D) wesentlich komplexer ist als die einfache, durch die Medien suggerierte Empfehlung  ”je mehr Vitamin D desto besser”. Ein Blick in Deutschen Gesundheitsforum zeigt, dass es mittlerweile Menschen gibt die 25D Pegel um die 70-80 ng/ml anstreben, und zwar als Folge von (missverstandene) Vitamin D Supplementierungs Literatur. Siehe auch Forumsbeitrag dazu.

Das bring uns auf die nächste Frage:

Was sind nun normale, “natürliche” Vitamin D Werte ?

Was wären eigentlich “natürliche” Vitamin D Werte?  Meiner Meinung nach ist es sinnlos,   in Labor  nach einer bestimmten Methode künstlich konstruierte “optimale” Werte zu bestimmen.  Die so bestimmte Werte sind nur so gut, wie die Methode für ihre Bestimmung war.  Mich würde eher interessieren, welche Vitamin D Werte in der Natur vorkommen, insbesondere in Bevölkerungen die keineswegs supplementieren. Die Natur weiss in der Regel sehr gut was sie tut und warum sie das tut,  daher schauen wir uns mal einige beispielshaften Messdaten an.

Es gibt leider wenig Datenmaterial was sowohl 25D als auch 1,25D beinhaltet. Hier einige davon:

Studie Nr. 1: Chilenische Frauen (vor und nach dem Wechseljahren), Studie von 2007.
40. Gonzalez G, Alvarado JN, Rojas A, Navarrete C, Velasquez CG, Arteaga E. High prevalence of vitamin D deficiency in Chilean healthy postmenopausal women with normal sun exposure: additional evidence for a worldwide concern. Menopause. 2007 Feb 6.

Ergebnise: 27% der Frauen vor den Wechseljahren und 60% der Frauen nach den Wechseljahren hatten 25D Werte unter 20 ng/ml (waren also nach der US Definition “Defizient” an Vitamin D. Santiago de Chile ist übrigens ein recht sonniger Ort.

Studie Nr. 2: Junge Frauen aus Bangladesh:
Islam MZ, Akhtaruzzaman M, Lamberg-Allardt C. 2006. Hypovitaminosis D is common in both veiled and nonveiled Bangladeshi women. Asia Pac J Clin Nutr. 15(1):81-7. Studie aus 2006.

80% der jungen Frauen hatten 25D Werte unter 16 ng/ml. Also höchst defizient ebenfalls, nach der heutigen “Norm”.

Angaben aus der Veröffentlichung
http://trevormarshall.com/BioEssays-…l-Preprint.pdf Kapitel “What is a “natural” homeostasis of Vitamin D synthesis”
Werte habe ich in die geläufigen Einheiten konvertiert.

Studie Nr. 3 Türkische Studie über die Wechselwirkung von Statinen und Vitamin D, Testgruppe bestand aus 91 Personen (mittleres Alter 59 Jahre)  .die mehrzahl mit hohen Blutdruck. http://www.peerview-institute.org/ne…_uids=19543962.

Diese Testgruppe hatte einen mittleren 25D Wert von 14 ng /ml sowie einen mittleren 1,25D Wert von 22,9 pg/ml (+/- 11)

Die hier zitierten Studien sind nur als exemplarisch zu sehen. Es gibt eine Vielzahl von anderen Veröffentlichung die ähnliche Daten zeigen (vor allem 25D Werte unterhalb 20 ng/ml, 1,25D Messungen sind leider selten).

Studie Nr. 4: Vitamin D status in bestimmte Populationen in Indien, z.B. in Südindien, wo genügend Sonne wohl kein Problem darstellen sollte, lagen mittlere 25D Werte bei 20 ng/ml, also durchaus “normale”, aber nach der Definition von einigen Wissenschaftler schon in “Mangel” Bereich.

Studie Nr. 5: Vitamin D Versorgung in Honolulu, Hawai. Hier dürfte man annehmen, dass es wirklich nicht an Sonne mangelt. Trotzdem müssten nach den Thesen der “Vitamin D Mangel Theorie” 50% der untersuchten Bevölkerung in Honolulu Vitamin D Tabletten  zu sich nehmen, denn 50% der gemessenen Population Werte unter 30 ng/ml aufwies, also “Defizient” waren.

Also nach den Ergebnisen der genannten Studien waren 25D Werte von oder unterhalb 30 ng/ml in der Mehrzahl , daraus kann man durchaus folgen, dass in “natürlichen”, unsupplementierten Zustand “normale” 25D Werte zwischen 15 und 20 ng/ml pendeln, sie folgen auch Sonnenbedingte Schwankungen. Nur in sonnigen Hawai waren die Mittelwerte zwischen 20-30 ng/ml . Jetzt kann man natürlich daraus folgern, die waren alle “Defizient” und hätten Vitamin D supplementieren sollen, oder man akzeptiert, dass diese Werte nunmal “normal” sind im Sinne einer statistischen “Normalverteilung” der gemessenen Werte.

In seinem hervorragenden Kapitel über Vitamin D in “Leben ohne Krankheit”) geht David Agus auf diese Widersprüche ein und bemerkt, dass die Mittelwerte von 25D in Blut weltweit um die 20 ng/ml liegen. Erstaunlicherweise weichen oft die Werte innerhalb eines Landes sehr stark ab.

Warum gelten aber mittlerweile so hohe Werte wie  30 ng/ml bei Vitamin D Experten bereits als Mangel ? Schauen wir uns in den nächsten Abschnitten die Argumentation der hierzulande und in USA sehr beliebte Vitamin D Mangel Hypothese nochmal in Detail:

Die “Vitamin D Mangel  Hypothese” ist  nur so gut wie ihre Messdaten bzw ihre Messmethoden. Daher lohnt sich einen genauen Blick darauf zu werfen. Dazu nehmen wir zwei weitere Studien, die solche Vermutungen verbreiten.

Studie A) Hollis  2005Circulating 25-Hydroxyvitamin D Levels Indicative of Vitamin D Sufficiency: Implications for Establishing a New Effective Dietary Intake Recommendation for Vitamin D1“. J Nutr. 2005 Feb;135(2):317-22.

Diese Studie wird in einschlägigen Foren als “Beweis” für die Vitamin D Empfehlungen und wird sonst oft zitiert .

Die Studie nimmt eine Population von 40 Teilnehmer (also wesentlich niedrige Anzahl als die oben genannten) sowie eine Vergleichspopulation von 8 (!) Feldarbeiter (Förster, etc). Der Autor nimmt die Daten aus einer älteren Studie aus den 70er.   Hier ist ausserdem wichtig zu berücksichtigen, dass wenn diese Population aus USA stammt, sind höhere Vitamin D Werte zu erwarten, da dort die Lebensmittel mit Vitamin D “angereichert” sind. Die  Population von 40 Teilnehmer hatte einen mittleren 25D Wert von 27 ng/ml und die Feldarbeiter einen hohen Wert von 64 ng/ml.  Die bestand aber nur aus 8 Teilnehmer, wie schon erwähnt, insofern sind mit statistischen Fehler zu rechnen.

Hollis postuliert nun, dass die Feldarbeiter diejenigen sind, die “normale” Vitamin D Werte haben und alle anderen sind nunmal “Defizient”:

“I, however, interpret the original Haddad data differently; I suggest that the 25(OH)D levels in the lifeguards are normal and the “normals” are actually vitamin D deficient”.

Aus Schwarz wird nun Weiss und aus Weiss per Hollis Definition Schwarz.  Als Argumentation wird die beliebte These wiederholt, dass unsere Vorfahren in Afrika aus wesentlich sonnigen Gebieten stammen und sich vor 50.000 Jahren nach Europa marschierten, daher sind wir angeblich auf mehr Sonne angewiesen. Die  Zahl von  50.000 Jahren in der Hollis Veröffentlichung ist falsch, in Europa gab es Menschen (bzw ihre Vorläufer) schon vor seit 1.8 Millonen Jahren. Dazwischen waren auch etliche Eiszeiten von dem man sich kaum vorstellen kann, dass unsere Vorfahren wesentlich weniger Kleidung trugen als heute, denn es war verdammt kalt.

Darüber hinaus wissen wir seit Charles Darwin, dass es so etwas wie eine “Evolution” gibt die per Mutation und Selektion Lebewesen an neue Lebensbedingungen anpasst. In Prinzip besagen Anhänger der “Vitamin D Mangel” Hypothese nichts anders, als der Mensch nun Tabletten schlucken muss, um Defizite seiner Anpassung an die Natur auszugleichen.  Merkwürdige These.

Anhänger der Vitamin D Supplementierung argumentieren sehr gerne mit dem Hinweis, die heutigen Lebensbedingungen des modernen Menschen erlauben keine ausreichende Vitamin D Versorgung, anders als bei unsere Vorfahren. Dabei wird aber gerne vergessen, dass bisher niemand die Vitamin D Werte unsere Vorfahren gemessen hat. Die Annahme, sie seien höher als heute, ist lediglich eine Annahmen von vielen.

Hollis ging aber noch weiter: er versuchte nun eine mathematisch fundierte Methode  anzuwenden, die seine Behauptungen beweisen.  Dazu benutze er “Biomarkers”, u.A. die PTH (Parathormon) Werte  sowie 25D Werte aus einer anderen Veröffentlichung die wesentlich mehr Teilnehmer hatte (1741).  Die Anzahl der Daten  erlaubt statistisch signifikante Daten zu extrahieren.

Die Ergebnisse sind in der Abbildung 4 der zitierten Hollis Veröffentlichung dargestellt. Sie zeigen PTH in Abhängigkeit von 25D.  Aus Copyrightsgründen darf ich das Bild hier nicht einfügen, also der Leser möge sie direkt in der Veröffentlichung anschauen. Man sieht eine “Datenwolke” die in etwa eine Fläche bildet, wie ein Ellypsoid.  Das ist auch nicht verwunderlich, denn PTH hängt nicht direkt von 25D ab, sondern von 1,25D.  Daher streuen die Daten innerhalb einer Fläche und bilden keine Linie.

Hollis argumentierte, dass bei älteren Menschen mit Sekundären Hyperparathyreoidismus die steigenden PTH Werte sich gut mit der Zugabe von Vitamin D normalisieren. Also sucht er nach dem “Schwellenwert” ab dem dieser Effekt eintritt, falls ein “Schwellenwert” überhaupt gibt.

Er lässt leider ausser acht, dass Sekundären Hyperthyroidismus auch möglicherweise mit einer ungenügenden Bildung von Calcitriol in den Nieren zusammenhängt, was auch altersbedingt ist. Diese Zusammenhänge nun auf die Gesamtbevölkerung zu extrapolieren, ist äusserst fraglich.

Da Hollis unbedingt einen einfachen  funktionellen Zusammenhang extrahieren will, wendet er  “a complex mathematical model“  –  einen Fit mit der methoden der kleinsten Quadraten, wie jeder Excel Tabelle erstellen kann – und forciert nunmal eine Linie aus der  genannten Datenwolke ( immer noch Figure 4 aus Hollis  2005) .

Aus dieser (abfallenden) Linie bestimmt er einen 25D Wert, wo seiner Meinung nach PTH Normal ist (wohlgemerkt, das zeigen die Daten nicht, nur die Kurve die er hineininterpretiert hat)  Dieser Wert liegt in etwa bei einer Konzentration von 25D in Blut von  30 ng/ml. Das ist dann seine Empfehlung für “normale” Vitamin D Werte (25D), die jeder Mensch idealerweise haben sollte. Da grosse Teile der Bevölkerung nun 25D Wert unterhalb dieses Wertes aufweisen, leiden sie von  nun an einen “Vitamin D Mangel”.

Eine ähnliche Methode wendet er für die Calcium Aufnahme gegen 25D  Konzentration in Blut wobei die Daten ebenfalls stark streuen. Auch hier ist die Streuung nicht verwunderlich, da 25D nicht die aktive Form von Vitamin D ist, sondern 1,25D wie Hollis selbst schreibt.

Genau da liegt der Hauptwiderspruch dieser Veröffentlichung, denn er versucht alle Variablen gegen 25D aufzutragen und nicht gegen 1,25D. Das ist wohl verständlich, denn es gab einfach keine ähnliche Daten für 1,25D. Die Messungen sind aus den 70er Jahren. Betrachtet man aber die weitreichenden Schlussfolgerungen die aus solchen recht schwachen Auswertemethode extrahiert wedern, ist hier durchaus Skepsis angebracht.

Studie B) Holick 2006 ” High Prevalence of Vitamin D Inadequacy and Implications for Health”. Mayo Clinic Proceedings March 2006 vol. 81 no. 3 353-373

Es gibt mehrere Veröffentlichungen von ihm, aber die hier zitierte ist mit Fulltext verfügbar.  Er zeigt eine ähnliche Kurve zwischen PTH und 25D wie  Hollis, allerdings nur die Kurve und nicht die Originaldaten.  So kann man kaum erkennen, was wurde eigentlich gemessen und wie die Daten genau aussehen. Die PTH-25D Beziehung von Holick (Figure 2 in der genannten Veröffentlichung) zeigt eine recht eindeutige Beziehung zwischen beiden Biomarkers. Die Fehlerbalken sind sehr klein. Das ist umso erstaunlich, als die gleichen Daten von Hollis eine enorme Streuung aufweisen, was wohl dadurch zustande kommte, dass 25D ja nicht das aktive Metabolit von Vitamin ist. Diese Unsicherheit, die bei Hollis deutlich zu sehen ist, ist bei der Analyse von Holick nun  völlig verschwunden.

Es liegt hier die Vermutung nahe, dass er die gleiche Methode wie Hollis angewandt hat mit den gleichen Fehler. Das Fehlen von Originaldaten und deren Streuung suggeriert jedoch Eindeutigkeit und untermauert Holick´s Argumentation. Er kommt ebenfalls zu den gleichen Wert von 30 ng/ml als “Idealwert” für 25 D.  Es gehört zu soliden wissenschaftlichen Arbeiten dazu, dass man Messdaten auch zeigt und eine kritische Analyse über deren Fehler wiedergibt. Beides sucht man hier vergeblich.

Die jetzige Empfehlung für die ideale Werte von 25D in Blut, die man in fast jeden Laborzettel lesen kann kommen also von den genannten Veröffentlichungen und wurden mit der gleichen ( methodisch fragwürdigen Methode) erstellt. Seitdem postuliert man, dass 25D Werte unterhalb 30 ng/ml “Defizient” sind und man unbedingt supplementieren muss.

Die Empfehlungen werden dann kritiklos wiederholt und weitergegeben, als allgemeingültgen Gesetzen erklärt und als der Stand der heutigen Medizin dargestellt. Je höher die Vitamin D Empfehlungen sind um so mehr Bevölkerungsteile fallen  unter  der “Vitamin D Mangel” Kategorie, was wiederum als “Beweis” für die Richtigkeit der Hypothese, der heutiger Mensch erzeugt nicht genügend Vitamin D aus der Sonne . Eine Zirkellogik ohne Gleichen.

Warum war die Messmethode von Hollis / Holick fragwürdig ?

Der Fehler liegt meiner Meinung nach nicht an den Daten,  sondern aus deren Auswertung. Es ist aus den Veröffentlichungen von Hollis klar zu erkennen, dass er unbedingt einen funktionellen Zusammenhang zwischen PTH und 25D sehen wollte, was so aus den Daten nicht ersichtlich war.

PTH und 1,25D regulieren sich gegenseitig. Wohlgemerkt 1,25D und nicht 25D (!). 25D ist nur indirekt beteiligt und zwar als Substrat von 1,25D. 25D ist in Körper nicht aktiv und dient nur als “Substrat” für die Erzeugung von 1,25D.  Das ist unbestritten. Wenn 25D nicht aktiv ist, kann auch die Werte von PTH nicht beeinflussen und demnach kann es auch keinen direkten Zusammenhang zwischen 25D und PTH geben. Es gibt nur eine indirekte Wechselwirkung über das erzeugte 1,25D.

Der Zusammenhang ist also :

25D   erzeugt 1,25D  <—beinflusst –> PTH

Da der Körper versucht den Pegel von 1,25D (Calcitriol) in einem bestimmten Bereich zu halten, gibt es nicht unbedingt eine Proportionalität (also einen “linearen” Zusammenhang) zwischen 25D und 1,25D. Ein möglicher 1,25D Wert kann aus unterschiedlichen Konzentrationen von 25D entstehen (da 25D ein Depotcharakter hat). Daher gibt für jeden 25D Wert sehr viele möglichen PTH Werte und nicht nur einer.

Das ist aus den Daten (Figur 4 von Hollis  2005 ) klar und deutlich zu sehen. Es gibt lediglich einen Bereich mit möglichen PTH/25D Paare und sie bilden eine Fläche und keine Linie.  Das ist zumindest, was die Daten zeigen und auch plausibel ist.  Genauere Zusammenhänge kennt wohl niemand, aber das ist nunmal, was gemessen wurde.

Wenn es aber keine einfache Funktion gibt, sind die Schlussfolgerung aus einer künstlich konstruierten Funktion falsch.    Hollis und Holick  hatten wohl keine anderen Daten verfügbar denn sie haben ja nicht selbst gemessen, sondern Daten aus anderen Forscher übernommen. Und diese hatten wiederum nur 25D bestimmt. Die Wichtigkeit von 1,25D war in den 70er Jahren (aus dieser Zeit stammen die Messdaten) nicht so bekannt wie heute.

Es gibt eine gute Zusammenstellung über alle Versuche “ideale” 25D Werte aus Korrelationen zwischen PTH und 25D zu bestimmen in  Aloia et al (2006)

Natürlich war den Forscher wohl bekannt, dass 1,25D das aktive Metabolit ist und nicht 25D.  Allerdings ziehen sie die Messung von 25D vor, denn 1,25D könnte paradoxerweise höher sein bei niedrigen 25D Werten.  Auch diese Behauptung enthält Zirkellogik. Ich kann nicht behaupten, man sollte sich  vor niedrigen 25D schützen, weil sie möglicherweise zu ungenügend Calcitriol (1,25D) führen und gleichzeitig behaupten, ich messe Calcitriol nicht, weil der Wert zu hoch sein könnte. Wenn der Wert hoch sind, kann es nicht gleichzeitig zu niedrig sein. Darüberhinaus ist keineswegs gesagt, dass niedrige, künstlich unterdrücke PTH Werte gut für die Gesundheit wären (es stimmt allerdings, dass zu hohe PTH Werte Osteoporose verursachen)

“Some definitions of “sufficient” include the criterion that PTH levels be maximally suppressed—i.e., not lowered further by increasing 25(OH)D levels (Holick, 2007)—but PTH levels are rarely measured in clinical practice and even more rarely before and after vitamin D challenge. In any case, the desirability of keeping PTH levels at their nadir, incapable of reduction by further elevation of 25(OH)D levels, is philosophical: no study has demonstrated a health benefit of minimizing PTH levels in normal individuals”. Quelle: Journal of investigative Dermatology (2010)

Soweit zum Stand der Vitamin D Forschung und ihre Empfehlungen. Als Folge davon konsumieren Tausenden von Menschen Vitamin D Präparate, z.Teil von Arzt verordnet aufgrund “Vitamin D Mangel” oder als Folge von Selbstmedikation. Interessant zu sehen, aus welcher Datenbasis solche Empfehlungen basieren. Wer mehr von fehlerhaften Auswertemethoden sowie Denkfehler lesen will, er wird beim  Buch “Der Schein der Weisen: Irrtümer und Fehlurteile in täglichen Leben” bestimmt fündig.

Um Missverständnise vorzubeugen: es ist absolut unbestritten, dass Vitamin D eine zentrale Role für die Gesundheit darstellt und eine Vielzahl von lebenswichtigen Prozessen steuert (siehe auch dieses Posting). Vitamin D ist aber so wichtig, dass der Körper es selbst herstellen kann.

Die Argumentation, wir bekommen nicht genügend Sonne und müssen wir daher Nahrungsergänzungsmittel nehmen um unsere 25 D Werte auf 30 ng/ml zu bringen basiert auf  das fragliche Datenmaterial   sowie auf sehr kritikwürdigen mathematischen Auswertungsmethoden, wie man selbst mit einem detaillierten Blick auf die genannten Arbeiten erkennen kann.  Fraglich, weil die Authoren alle Biomarkers gegen ein bekanntliches inaktives Metabolit (25D) auftragen und nicht gegen das aktive (1,25D).  Kritikwürdig deshalb, weil hier funktionelle Zusammenhänge forciert werden die so aus den Daten nicht ersichtlich sind.  Eine solide Fehleranalyse sucht man in  diesen Veröffentlichung vergeblich.

Hätten Hollis und Holick den “Idealwert” für 25D mit dem Messfehler ihren Auswertungen versehen, also so was wie 30  +/- 20 mg/ml, wäre die grosse Unsicherheit ihrer Bestimmung offensichtlich, was die ganze Methodik ad absurdum führen würde. Jeder Messung ist mit Fehler behaftet, lernt jeder Student eines Naturwissenschaftlichen Faches.

Vorhandene statistische Auswertungen zeigen, dass 25D Werte unterhalb on 20 ng/ml in Populationen ohne Supplementierungen mehrheitlich vorkommen.  Sie als “Defizient” zu titulieren, ohne gleichzeitig wasserdichte Beweise zu liefern,  ist unangebracht.  Daher ist die Frage durchaus berechtigt:

Welche Studie mit einer Vitamin D Supplementierung von mindestens 1000 I.E. täglich über mindestens 10 Jahre hat jemals bewiesen, dass Vitamin D Supplementierung Krankheiten vorbeugt oder sonstige positive Effekte hervorbringt ? Die Antwort Stand März 2010: gar keine. Bisher wurde so eine Studie nicht durchgeführt. Es gibt sie einfach nicht. Das ist der aktueller Stand.

Dafür gibt es andere Studien die ähnliches versucht haben, z.B. Supplementierung mit Beta-Carotin. Auch damals hatte man niedrige Beta-Carotin Werte mit Krebs assoziert und wollte man durch Supplementierung “vorbeugen”. Das Ergebnis: noch mehr Krebsfälle, nicht weniger.  Also ist durchaus vorsicht angebracht, solange nicht ausreichende medizinischen Beweise über die positive Wirkung von Vitamin D Supplementierung nicht auf dem Tisch liegen.

Sowohl Hollis als auch Holick gehören zu den “World leading authorities on Vitamin D” und sind Mitglieder des Vitamin D Councils. Holick wurde für seine Arbeiten mit einer Vielzahl an Preisen honoriert. Er ist eine von den wichtigsten Väter der “Vitamin D Mangel ” Theorie. Siehe seine Veröffentlichung “Vitamin D Deficiency” von 2007. Es gelang Holick offensichtlich eine grosse Anzahl von Anhänger seine Vitamin D Mangel These zu gewinnen, nicht jedoch seine eigene Chefin, die ihn dafür kündigte und seine Wissenschaft als “Schund” bezeichnete (“schlock science”) Wer Holick “live” erleben will, siehe dieses YouTube Video.

Die  Vitamin D Supplementierungsempfehlung des IOM (Institute of Medicine of the national academies) von November 2010

Das IOM organisierte  eine Reihe von Anhörungen mit Vitamin D Experten aus der ganzen Welt, es wurden mehr als 1000 Vitamin D Studien analysiert und ausgewertet.Es handelt sich also hier wahrscheinich um die grösste Vitamin D Datensammlung der letzten Jahren. Die Ergebnisse liegen seit November 2010 vor. Sie stellte unmissverständlich klar, dass die überwiegende Mehrzahl der US Bevölkerung genügend Vitamin D aus Sonne und Lebensmittel erhält, so dass Supplementierung mit Vitamin D nicht notwendig ist. Wenn supplementiert werden muss, dann in der Regel nur mit 400 I.E. täglich. Die maximale tägliche Dosis liegt nun bei 4000 I.E. Siehe Pressemitteilung . Höhere Vitamin D Einnahmen wird mit Gesunheitsrisiken in Verbindung gebracht und werden daher nicht von der IOM empfohlen. Die von der “Vitamin D Mangel” Theorie weit verbreitete These, dass das menschliche Organismus wird nicht genügend Vitamin D in den hiesigen Breitengraden herstellt ist damit widerlegt. Die Ergebnisse der Studie kann hier angesehen werden. Die nationale Presse hat bereits darüber informiert.

Vitamin D und Gesamtmortalität

Studien mit Aussagen über Vitamin D und Gesamtmortalität sind besonders interessant, da sie in Prinzip alle mögliche Erkrankungen erfassen. Wie leider so oft in der Vitamin D Forschung, sind die Ergebnisse nicht eindeutig bzw widersprüchlich.

Eine Deutsche Metastudie (Zimmerman et al, Universität Bochum) sammelte Daten von insgesamt 62.548 Probanden und fand die niedrigste Mortalität in Bereichen von 30-34 ng/ml Vitamin D). Eine andere Dänische Studie (Durup et al) mit viermal mehr Probanden, insgesamt 247.574, fand hingegen die niedrigste Mortalität bei 20-24 ng/ml Vitamin D, wobei höhere Werte mit höheren Mortalität korrelierten, bis hin zu 42% höher bei  56 ng/ml). Alle Probanden stammten aus Kopenhagen wo die Sonneneinstrahlung wenig zu höheren Vitamin D Werte beitragen kann. Daher ist es anzunehmen, dass die höheren Vitamin D Werte nur durch Supplementierung erreicht wurden.  Beide Studien sind aus 2011-2012.

Vitamin D und Homocystein Werte

Hohe Homocystein Werte werden in Verbindung mit Herz- und Kreislauferkrankungen gebracht sowie mit dem Risiko an Osteoporose zu leiden. Niederländische Wissenschaftler schauten sich den Zusammenhang zwischen Vitamin D und Homocystein Werte an und fanden eine “U-förmige” Abhängigkeit zwischen den 25D Werten in Blut und die Homocystein Werte von älteren Menschen. Minimale Werte von Homocystein wurden in Bereich 25D = 20 ng/ml gefunden. Quelle: Kriebitzsch et al, 2011)

Die Konstellation von hohen 1,25D Werten und gleichzeitig niedrige 25D

Eine Frage bleibt jedoch bestehen: die statistische Korrelation zwischen niedriegen Vitamin D Werte (25D) und einer Vielzahl von Erkrankungen (z.B. die hier zitierten Framingham Studie).  Warum sind die 25 D niedrieg und gleichzeitig die 1,25D Werte hoch ?

Diese Konstellation kommt bei chronischen Erkrankungen sehr häufig vor. Im Volksmund wird sie oft “kompensatorische Erhöhung” genannt, was eigentlich falsch ist, denn 25D und 1,25D sind unterschiedliche Biochemische Substanzen die sich keineswegs “kompensieren” können. Vielmehr spricht einiges dafür, dass die niedrige 25D Werte eine Folge der hohen 1,25D Werte sind.   1,25D ist ein Hormon mit starker Wirkung auf dem menschlichen Stoffwechsel, 25D ist hingegen eine biologisch inaktive Substanz.  Es ist sehr gut möglich, dass die “negativen” Auswirkungen von niedrigen Vitamin D Werte (25D) nicht vom Vitamin D Mangel kommen, sondern lediglich von den dazugehörigen zu hohen 1,25D.  Beispiel Osteoporose: 25D nimmt an Calciumstoffwechsel nicht Teil, 1,25D dagegen schon und wirkt in hohen Konzentrationen osteklastisch und damit Knochenabbauend, was wiederum erklären würde warum Osteoporose mit niedrigen 25D Werte korreliert.  Es wären die “zugehörigen” hohe 1,25D Werte dafür verantwortlich.

In einer aktuelle Studie wurde Dialyse Patienten direkt Calcitriol (1,25D) gespritzt. Als Folge hatten sie niedrige (!) 25D Werte in Blut.  Es gibt auch Modelrechnung die dieses Verhalten erklären  Das ist das Thema dieses Postings. Patienten mit primären Hyperthyreoidismus zeigen ebenfalls zu hohen 1,25D sowie PTH Werte gekoppelt mit “Vitamin D” Mangel, was allerdings nach Entfernung des (meist gutartigen) Tumor in den Nebenschildrüsen verschwindet. Also können niedrige 25D Werte nicht ursächlich für die hohe PTH Konzentrationen gewesen sein, sondern umgekehrt. (Quelle Parathyroid.com)

In Internetforen wird des öfteren argumentiert, dass niedrige Vitamin D Werte “zwangsläufig” zu sekundären Hyperparathyrodismus führen, damit steigt  das PTH krankhaft  an, was wiederum zu höheren 1,25D Werte führt. Diese These lässt leider ausser acht, dass es etliche Patienten mit niedrigen 25D Werte gibt mit normalen PTH und gleichzeitig hohen 1,25D Werte gibt. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn die 1-alpha-hydroxylase (Konvertierung von 25D ins 1,25D mittels das CYP27A Enzym) wird nicht nur durch PTH begünstigt sondern besonders durch Interferon-Gamma, also als Folge von Immunreaktionen (Interferon Gamma ist ein Zytokin des angeborenen Immunsystems). Gentechnisch präparierte Mäuse ohne DBP (Vitamin D bindendes Protein) haben kein frei zirkulierendes 25D in ihren Blut und haben trotzdem einen normalen Kalzium Stoffwechsel.  Die “sekundären Hyperparathyroidismus” These deckt also nur ein Teilbereich der Problematik und ignoriert Immunreaktionen. Patienten mit dieser Erkrankungen haben in der Tat oft niedrige Vitamin D Werte (25D), was nicht unbedingt bedeutet, dass niedrige 25D automatisch zu sekundären Hyperpartyrodismus führen. Weiterhin kann man selbst in der Hollis Studie sehr gut erkennen, dass keinen einfachen Zusammenhang zwischen 25D und PTH gibt wie schon in den oberen Abschnitten diskutiert wurde.

Vitamin D und Kalziumaufnahmen im Darm

In der Vitamin D Literatur und auch in den hiesigen Foren wird oft behauptet, nur mit hohen 25D Werte in Blut ist eine vernünftige Kalziumaufnahme in Darm möglich.  Wie passt das zusammen mit dem Bild, eigentlich ist 1,25D das aktive Metabolit, demnach dürfte es keine grössere Abhängigkeit von 25D geben ? Heaney et al entwickelten dazu eine Messmethode mit dem sie herausfanden, dass die Kalziumaufnahme erst ab 25D Werten von 30 ng/ml richtig in Fahrt kam. Die Ergebnisse wurden wiederum als “Beweis” angesehen, dass die ideale 25D Werte erst bei 30 ng/ml waren.

Leider wie so oft, hatte die Messmethodik selbst einen zu grossen Einfluss auf die Daten. Aloia et al untersuchten  2010 die Kalziumabsortion in Darm mit neuesten, auf Ca-Isotopen basierte Messmethoden und revidierten damit die Ergebnisse von Heaney. Die Kalziumabsortion in Darm hängt nicht von 25D ab. Nur bei sehr geringen 25D von 4 ng/ml geht die Absorbtion von Kalzium zurük. Die Kalziumaufnahme in Darm eignet sich demnach nicht für die Bestimmung von “idealen” 25D Werten, obwohl es immer noch als Argument dafür verwendet wird. Sie hängt u.a. von 1,25D ab, wie es nach der Biochemie auch sein sollte, denn nur 1,25D ist das aktive Metabolit. Darüberhinaus hängt der Kalziumstoffwechsel sehr stark vom Östrogenrezeptor ab, was auch durch die Studie bestätigt wurde.  Zitat aus der Alioa Veröffentlichung:

“There was no relation between serum 25(OH)D concentrations

and calcium absorption efficiency. In development of a multivariate

model, the 4 major determinants of calcium absorption

efficiency were menopausal status, calcium intake, and serum estradiol

and serum 1,25(OH)2D concentrations.”

Siehe auch die sehr gute Diskussion über ideale Vitamin D Werte vom Alan Gaby.

Vitamin D Supplementierung und Osteoporose

In der Bevölkerung (und vermutlich bei vielen Ärzten auch) ist der Glaube weit verbreitet, Vitamin D Supplementierung ist ein wirksames Mittel für die Vorbeutung von Osteoporose. Sucht man jedoch nach wissenschaftlichen Arbeiten, die diese Vermutung  untermauern, wird man selten fündig.

Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass in einer Vielzahl von Studien Vitamin D und Calcium gleichzeitig eingenommen wurde. Hinterher ist es unmöglich zu bestimmen, ob es an Calcium oder an die Vitamin D lag.  Neueste Untersuchungen suggerieren, dass Calcium in der Tat hilft, Vitamin D jedoch nicht.

Eine Analyse von mehr als 68.000 Patienten (mittleres Alter 69.9 Jahre) ergab, dass Vitamin D Supplementierung (bis zu 1600 I.E. täglich) alleine ergaben keine Reduktion in Frakturen, nur Vitamin D und Calcium zusammen. Eine aktuelle Studie aus Norwegen bestimmte die Knochendichte aus mehr als 400 übergewichtige Teilnehmer nach einem Jahr Vitamin D Supplementierung. Es wurde keinen Unterschied in der Knochendichte festgestellt. Die Arbeiten von Bischoff-Ferrari zeigten nach mathematische Auswertungen von vorhandenen Studien eine geringe Zunahme der Knochendichte (um die 80 mg/cm, Bild 6 von Hollis 2005, dargestellt sind Differenzen, keine Absolutwerte) bei höheren Vitamin D Werte.

Folgt man den relevanten Biochemischen Prozessen der Knochen Bildung und Knochenabbau (zusammenspiel zwischen Osteoklasten und Osteblasten) sieht man, dass hauptsächlich  PTH (Parathyroid-Hormon), Calcitonin und vor allem Östrogen für den Knochenaustausch verantwortlich sind. Vitamin D ist nur marginal beteiligt, und zwar so, dass PTH von Vitamin D Rezeptor VDR transkribiert wird.  Die Kalziumaufnahme in Darm wird zwar durch 1,25D gefördert (und nicht durch 25D, wie oft zitiert wird), das ist nur ein Faktor von Vielen.  Neueste Studien zeigen deutlich, dass die Kalziumabsortion durch 1,25D beeinflusst wird und nicht durch 25D (Siehe Aloia et al 2010).

Hohe Calcitriol Werte in Blut, wie sie in chronischen entzündlichen Prozesse entstehen, fördern ebenfalls die Bildung von Osteoklasten, was dem Knochenabbau begünstigt.  Eine dänische Studie mit 500 Frauen in den Wechseljahren zeigte eine inverse Beziehung zwischen Calcitriol (1,25D) und Knochendichte. Je höher die Calcitriolwerte in Blut, umso niedriger die Knochendichte.

Siehe Abschnitt “TH1 Entzündungen” in  dieses Posting . Hier eine sehr gute Beschreibung des Knochenstoffwechsels (in Englischer Sprache).  Ein möglicher Grund für Osteoporose ist also nicht der “Vitamin D” Mangel, sondern entzündliche Prozesse, die wiederum niedrige Vitamin D Werte zu Folge haben. Ein Artikel in der Pharmezeutische Zeitung beschreibt es recht gut.

Eine aktuelle Studie aus 2009:
Vitamin D and vitamin D analogues for preventing fractures associated with involutional and post-menopausal osteoporosis. (Cochrane Database Syst Rev. 2009 Apr 15;(2):CD000227.)  Die Forscher kamen zu dem Schluss:

“Vitamin D alone is unlikely to prevent fracture. Overall there is a small but significant increase in gastrointestinal symptoms and renal disease associated with vitamin D or its analogues. Calcitriol is associated with an increased incidence of hypercalcaemia”.

Also: eher schädliche Nebenwirkungen.

Eine andere kummulative Studie aus drei australischen Universitäten umfasste 64.000 Probanden. 92% davon Frauen.   Ergebnis:

  • Calcium hilft in Dosen von 800-1200 mg täglich
  • Vitamin D hilft nicht mit Dosen unterhalb 800 IE, allerdings ist es fraglich, dass höheren Dosen helfen

Interessante Formulierung über die Wirkung von Vitamin D. Anders gesagt: es hilft nicht. Die Studie (in englischer Sprache) kann man hier lesen. Sie wurde von der iQwiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) in Deutschland in Auftrag gegeben.

Auch die Ergebnisse von der Womans Health Initiative von 2006 zeigten ähnliche Ergebnisse. Bei der Vitamin D und Calcium Supplementierung von mehr als 36.000 Frauen (Alter 50-79) zwar wurde eine leichte Verbesserung der Knochendichte gemessen, es reichte aber nicht um die Anzahl der Beckenbrüchen signifikant zu reduzieren. Es wurde in übrigen keinen “schützenden” Effekt gegen Darmkrebs festgestellt. Es war ist auch ein beliebtes Argument der Anhänger von Vitamin D Supplementierung, dass es angeblich gegen Krebs schützt.

Eine andere Studie aus Norwegen (2010) mit 321 Teilnnehmer brachte auch nichts neues, Vitamin D Einnahme führte nach einem Jahr zu keinerlei Besserung der Knochendichte. Die Studie ist insofern interessant, weil sie mit “Doppelblind” Methoden durchgeführt wurde, d.h. weder die Probanden noch das Studienpersonal wussten wer Vitamin D bekam und wer Placebo.

Siehe ergänzend dazu:
Calcium, vitamin D supplementation, and physical function in the Women’s Health Initiative.


Calcium/Vitamin D Supplementation and Cardiovascular Events


Calcium Plus Vitamin D Supplementation and Mortality in Postmenopausal Women: The Women’s Health Initiative Calcium–Vitamin D Randomized Controlled Trial

Zusammenfassend: keine von diesen Studien konnte einen Vorteil von der zusätzlichen Vitamin D Einahme bei den untersuchten Frauen finden.

Interessanterweise werden diese Studien in Buch von Dr. Nicolai Worm: “Heilkraft D. Wie sie das Sonnenvitamin vor Herzinfarkt, Krebs und anderen Zivilisationskrankheiten schütz” im Kapitel “Länger leben” zitiert und zwar bei einer kleinen Untergruppe von Frauen, deren 25D Lebels exakt bestimmt wurde (2285 Frauen). Der Author spricht von einer “statistisch signifikante” Reduktion der Sterblichkeit bei diesen Frauen.

Die offizielle Aussage der Studie jedoch war:

“In the WHI CaD trial, supplementation did not have a statistically significant effect on mortality rates but the findings support the possibility that these supplements may reduce mortality rates in postmenopausal women. These data can neither support nor refute recommendations for higher dose vitamin D supplementation to reduce cancer or total mortality”.

“länger leben” ist was anders. Die mageren Ergebnissen, werden wiederum mit den relativ niedrigen Dosen von der Vitamin D Supplementierung (rund 500 I.E.) erklärt.  Ob es allerdings bei höheren Dosen auch günstigere Ergebnisse gegeben hätte, ist offen.

Es gibt jedoch eine recht gut belegte Auswirkung auf die Muskelkraftzunahme sowie eine reduzierte Sturzwahrscheinlichkeit bei älteren Menschen (meiner Meinung nach eher eine Folge der Muskelkraftzunahme als durch höhere Knochendichte). Vitamin D ist ein Steroid und Steroide werden auch als Dopingmittel unzulässigerweise in Sport verwendet.

Vitamin D und Allergien

In den 50-60er Jahre war die massive Vitamin D Supplementierung bei Babies mit Dosen über 100.000 I.E. weit verbreitet, als Teil einer Prophylaxe gegen Rachitis. Das wird heute noch als Hinweis für die geringe Toxizität von Vitamin D angesehen. 20 Jahre später, in den 80er Jahren, gab es die höchsten jemals gemessenen Fällen von Allergien, ein Problem was bis heute andauert. Die allergischen Erkrankungen sind ein Leiden des 20ten Jahrhundert, früher war sie so gut wie unbekannt.  Daher kamen einige Finnische und Deutsche Wissenschaftler auf die Idee, Allergien und Vitamin D Supplementierung bei Babies und Kinder  hängen möglicherweise zusammen.

Statistische Untersuchungen sowohl in Finnland als in Deutschland bestätigten diese Korrelation, je mehr Vitamin D supplementiert wurde, umso mehr litten Kinder später an allergischen Erkrankungen. Da kommt die Frage auf, ob es doch nicht von der Natur beabsichtig ist, dass Muttermilch recht wenig Vitamin D hat. Es gibt auch ein interessanter Deutschsprachiger Artikel über das Thema “Induziert Vitamin D Allergien ?”, gleicher Author wie die erwähnte Deutsche Studie.

Das Thema wurde auch von Deutschlandradio aufgegriffen, geriet jedoch in Vergessenheit, wie vieles Kritisches über Vitamin D. Die erwähnten Studien werden in der üblichen Vitamin D Literatur kaum zitiert.

Es war anderen Wissenschaftler bereits in Versuche mit Mäusen aufgefallen, dass die Vitamin D Gabe das TH1/TH2 Gleichgewicht richtung TH2 verschiebt, was typisch für allergische Erkrankungen ist. Das Beispiel mit dem Allergien verdeutlich wie wichtig ist Supplementierungsfolgen über einen längeren Zeitraum als 10 Jahren zu betrachten.  Solche langfristige Studien gibt es jedoch kaum.

Einige werdende Mutter möchten am liebsten mit der Vitamin D Supplementierung schon in in der Schwangerschaft anfangen. Dies könnte kontraproduktiv sein, da das Risiko von Schwangerschaft bedingte Brustkrebs mit zunehmendem Vitamin D Spiegel steigt, wie die erwähnte aktuelle Studie zeigt.

Eine neue Untersuchung (2013) aus Leipzig zeigte wiederum, dass werdende Mütter mit 25 D Werte um 60 ng/ml in Blut Kinder auf die Welt brachten, die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit (3 x mehr) an Lebensmittelallergie in zweiten Lebensjahr litten.

Vitamin D Supplementierung und Krebs

Wissenschaflter haben Korrelationen zwischen vermehrtes Auftreten von bestimmten Krebssorten und gleichzeitig niedrigen Vitamin D Werte festgestellt. Nicht verwunderlich, denn eine Vielzahl von Krankheiten korreliert mit niedrigen 25D- Werte in Blut. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass man nur mehr Vitamin D einnehmen muss, um solche Krankheiten vorzubeugen. Es könnte sogar kontraproduktiv sein, wie wir hier sehen werden.

Trotzdem wird aus den genannten Korrelationen  die beliebte These aufgestellt, hätte man mit Vitamin D supplementiert, wären möglicherweise weniger Krebsfälle aufgetreten.  Eine These, die erst zu beweisen wäre, und zwar mit langfristigen, statistisch aussagekräftige Studien. Nun gerade die gibt es leider nicht, selbst wenn viele Vitamin D Bücher das anders sehen.

Eine vielfach zitierte Studie die den “Beweis” des angeblichen schützenden Effekt von Vitamin D auf Krebs suggeriert, wurde von den US Wissenschaftlern Lappe et al durchgeführt.

Die Studie streckte sich über den relativ kurzen Zeitraum von 4 Jahren.  Die Supplementierung erfolgte mit Vitamin D und Calcium gleichzeitig, so dass der “reine” Effekt von Vitamin D nur durch Mathematik bestimmt werden kann. Dazu kam noch, dass die Krebsfälle in ersten Jahr aus der Statistik herausgenommen wurden (wohlgemerkt, alle Krebsfälle von einem aus den vier Jahren). Insgesamt wurden 37 Krebsfälle diagnostiziert, dabei suggerierte die Studie, dass die Gruppe mit Vitamin D + Calcium Supplementierung weniger Krebsfälle hatte als die mit Placebo.

Das ist nun die “Vorzeigestudie” die von etlichen Vitamin D “Päpste” zitiert wird als klare Hinweise, möglichst viel mit Vitamin D zu supplementieren. Dies ist meiner Meinung nach verfrüht.  Wissenschaftler die mit statistischen Auswertemethoden vertraut sind wissen, dass so was wie ein “statistisches Rauschen” gibt. D.h. der Zufall alleine verursacht Streuung von Messdaten in eine oder andere Richtung (“zufällig”), daher ist es unbeding erforderlich, eine für statistische Aussagen hinreichende Anzahl von Probanden zu haben.  Die geringe Anzahl von Krebsfällen in dieser Studie, zumal noch über drei Jahre verteilt (also pro Jahr rund 11 Fälle) ist für eine statistisch gesicherten Auswertung einfach zu wenig, um genaue Aussagen zu treffen.  Trotzdem wird diese Studie sehr viel Gewicht und Aussagekraft hineininterpretiert, vielmehr, als die tatsächlich vorhandenen Messdaten hergeben. Gehen wir hier etwas mehr in Detail:

Sieht man z.B. die Abbildung 1 der genannte Studie sieht man einen beeindruckende Effekt, die “Placebo” Kurve ist deutlich unterhalb der “Vitamin D + Calcium” Kurve. Man beachte, dass keinerlei Messdaten zu sehen sind, sondern nur Auswertungen.  Soweit so gut, sieht man jedoch die Y- Achse,  dann fällt auf, dass sie nicht bei “Null” anfängt, sondern bei 0.9 (also 90%). Sowas nennt sich eine “unterdrückte Null” und ist eine beliebte Methode  um Messdaten eindruckvoller vorzustellen, als sie eigentlich sind.  Misst man den absoluten Abstand zwischen der Placebo Kurve und die Vitamin D im Jahr 4, ist es grob ein Effekt von 6%.  Also haben angeblich die Vitamin D+Calcium Supplementierung Gruppe ein 6% geringere Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken.

Ein schützender Effekt von 6 %  klingt gut, aber leider ist schon alleine das statistische   “Rauschen” aufgrund der geringen Anzahl von Krebsfällen  deutlich grösser als 6%,  diese Aussage kann man also in dieser Genauigkeit gar nicht treffen.  Trotzdem wird sie publiziert und vielfach zitiert.  Soweit zu einigen (hoffentlicht  nicht representative) wissenschaftliche Studien über die Wirkung von Vitamin D. Wie sagt eine beliebte Redewendung ? “traue keine Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“.  Da ist wohl was Wahres dran.

Andere Wissenschaftler fanden sogar das Gegenteil: Finnische Forscher veröffentlichten im Jahre 2004 verblüffendes:  zwar beobachteten sie die bekannte Korrelation mit niedrigen 25D Levels und Krebs aber zusätzlich stellten sie fest, dass sehr hohe 25D Werte ebenfalls mit Prostatakrebs korrelieren. Die Kurve folgte also eine “U” (Tuohimaa P , Tenkanen L , Ahonen M , et al . Both high and low levels of blood vitamin D are associated with a higher prostate cancer risk: a longitudinal, nested case-control study in the Nordic countries . Int J Cancer .2004 ; 108 ( 1 ): 104 – 108).  Andere Wissenschaftler versuchten diese überraschende Erkentnisse (die leider kaum zitiert werden in der üblichen Vitamin D Literatur) auf dem Grund zu gehen.  Siehe z.B.  Ahn et al 2008 (Serum Vitamin D Concentration and Prostate Cancer Risk: A Nested Case – Control Study, publiziert in den Oxford Journals für Medizin). Ihre Folgerung:

“Higher levels of serum 25-hydroxyvitamin D may not reduce the

risk of prostate cancer; indeed, it is possible that higher levels are

associated with increased risk of aggressive disease.

Was salopp übersetzt bedeutet, dass hohe 25D Werte in Blut nicht zu einer Senkung des Prostatakrebsrisiko führen, es ist sogar möglich, dass sie das Risiko von agressiven Formen erhöhen. In Gegensatz zu den 37 Krebsfälle der hier erwähnten Lappe et al Studie, wurden hier 749 Krebsfälle berücksichtigt, d.h. rund zwanzig mal mehr, was ihre statistische Signifikanz deutlich erhöht.  Sie führten auch einen zustäzlichen Aspekt ein, nämlich die Agressivität der Erkrankung, und sie korrelierte mit steigenden Werte von 25D in Blut und zwar für 25D Werte in Blut höher als 15 ng/ml (!).  Wir erinnern uns an die Empfehlungen der Vitamin D Experten: 25D Werte unterhalb von 20 ng/ml gelten als “Mangel”.  Soweit zum Thema Vitamin D und Krebs Vorbeugung. Ein guter Deutschsprachigen Überblick über die Studien über Vitamin D und Krebs bietet Giovanlucci.  Holick hingegen behauptet weiterhin, mit Vitamin D Supplementierung gäbe es 40% weniger Krebsfälle.  Studien, die das belegen gibt es nicht (von der erwähnten Lappe Studie mit unzureichenden Statistik mal abgesehen).

Jetzt versuchen wir zu verstehen, was die o.g. Studie mit “aggresive” meint und was die mögliche Ursachen dafür sind. Eine Krebserkrankung ist “agressiv”, wenn sie schnell in Körper Metastasen bildet. Die Studie von Ahn et al wurde wiederum neulich bestätigt, zum zweiten Mal wurde die erwähnte Korrelation von Prostatakrebs Risiko und hohes Vitamin D in Studien Nachgewiesen ). Quelle: Serum 25-Hydorxyvitamin D and Prostate Cancer Risk in a Large Nested Case-Control Study, Demetrius Albanes et al, 2011

Glücklicherweise haben wir ein Gen, was eine schützende Wirkung gegen Metastasen ausübt, es hat den Namen “Metastase Suppressor Gen” (MTSS1″) und dieser Gen wird von Vitamin D Rezeptor VDR transkribiert. Also schützt Vitamin D doch gegen Krebs ? Vitamin D (1,25D) ja,  aber nicht unbedingt durch übermässige Supplementierung! Überschüssiges 25D aktiviert nicht den Rezeptor, sondern verdrängt möglicherweise den wahren Aktivator 1,25D von Rezeptor weg was zu einer verminderten Transkription des MTSS1 führt mit der möglichen Folge, dass der schützenden Effekt wiederum neutralisiert wird. Das könnte die Ursache sein, warum zuviel 25D zu agressiveren Krebsverläufe führt und nicht zu einem Schutz. “Viel hilft Viel” könnte wiederum als ein Trugschluss erwiesen, wie leider so oft.

Nun ist leider so, dass bei Krebs die Transkription des VDR selbst niederreguliert wird und damit ist der schützende Effekt ebenfalls vermindert. Eine Studie über Eierstockkrebs zeigte, dass die der VDR um 60% in Tumorgewebe niederreguliert wurde.

Siehe auch: “The VDR and metastasing Cancer” als Transkript und als Video

In Januar 2010 wurde die grösste Europäische Studie über Darmkrebs veröffentlicht, mit 1248 Krebsfälle. Die Studie berücksichtigte auch Supplementierung mit Vitamin D. Die Ergebnisse: zwar wurde die bekannte korrelation zwischen niedrige Vitamin D Werte (25D) in Blut und das Krebsrisiko bestätigt, der Einfluss von zusätzlicher Vitamin D Supplementierung war gleich Null. Das Risiko an Darmkrebs zu erkranken korrelierte nicht (weder positiv noch negativ) mit der Supplementierung. Eine neueste Studie des National Cancer Insitute in USA (Sept 2010) untersuchte anhand der Daten der NHANES III Studie (1988-2006) den angeblichen “schützenden” Effekt von Vitamin D auf Krebserkrankung. Das Ergebnis: kein eindeutiger Zusammenhang. Bei Frauen gab es einigen Populationen (Frauen in Sommermonaten) gab es einen schwachen inversen Zusammenhang zwischen den 25D Werte und Krebsmortalität, bei anderen Männer Populationen jedoch das Gegenteil. Je höher die 25D Werte in Blut um so höher die Krebsmortalität. O-Ton: “These findings argue for caution before increasing 25(OH)D levels to prevent cancer.

Mittlerweile gibt Dr. Cannel (Direktor des vitamin d council) offen zu, dass die Studienlage über Vitamin D und Krebs uneinheitlich ist. Seine Erklärung: in den Krebs Studien bisher wurde vermutlich Vitamin A beigemischt, was die positive Wirkung der Vitamin D unterminiert hat. “Evidenz” sieht jedoch anders aus.

Wer sich für den Zusammenhang zwischen Vitamin D und Krebs interessiert, dem sei die hervorragende Zusammenfassung des National Cancer Institute in USA empfohlen.

Vitamin D zusammengefasst in 10 Punkten:

  1. Der Vitamin D Stoffwechsel spielt eine zentrale Rolle in einer Vielzahl von biochemischen Prozesse. Der Vitamin D Rezeptor VDR ist für die Transkription von knapp 1000 Genen verantwortlich
  2. Vitamin D ist keine Vitamin, sondern ein Hormon (1,25D). Sie kann von Körper selbst hergestellt werden
  3. Es gibt zwei Metaboliten, 25D und 1,25D. Nur 1,25D ist biologisch aktiv. 25D wird u.a. in Fettgewebe gespeichert und hat einen Depot charakter
  4. Studien haben gezeigt, dass eine Vielzahl von Erkrankungen mit niedrigen Vitamin D Werte korrelieren, daraus folgt aber keineswegs, dass niedrige  25D Werte  die Ursache sind und erst recht nicht, dass Supplementierung einen vorbeugenden oder heilenden Effekt hat.
  5. Die “Vitamin D Mangel Hypothese” ist wie der Name sagt, nur eine Hypothese die bisher hauptsächlich durch Korrelationen und nicht durch Kausalität bewiesen wurde. Sie wird sehr aktiv von Mitglieder des Vitamin D Council betrieben. Nach dieser These sollen die 25D Werte in Blut möglichst höher als 30 ng/ml sein. Dazu empfehlen sie bis zu 4000 I.E. täglich an  Vitamin D.
  6. Die IOM Studie (Institute of Medicine of the National Institue of Health, USA) untersuchte in Auftrag der US/Canada Regierungen im Jahre 2010 das bis dato vorliegendes Studienmaterial über Vitamin D und kamen zu dem Schluss, dass 25D Werte von 20 ng/ml ausreichend sind. Höhere, durch Supplementierung künstlich eingestellte Werte wurden als “möglicherweise schädlich” eingestuft. Studien aus Populationen die nicht supplementieren zeigen, dass “normale” 25D Werte in Bereich 15-20 ng/ml liegen.
  7. Je höher die künstlich hergestellte Vitamin D “Normalwerte” liegen, umso mehr Menschen leiden angeblich an einen  ”Vitamin D Mangel”
  8. Menschen mit chronischen Erkrankungen die Vitamin D Supplementieren sollten sowohl ihre 1,25D Werte als auch die Kalziumwerte in Blut gut überwachen. Hyperkalzemie tritt zwar selten auf, dafür ist sie umso gefährlicher. Nierensteine sowie Nierenschwäche kann die Folge sein. Die Messung von 25D alleine reicht nicht aus.  Das ausbleiben von Hyperkalzemie bedeutet wiederum auch nicht, dass Supplementierung langfristig sicher ist.
  9. Vitamin D kann sowohl zur einer Aktivierung des angeborenen Immunsystems als auch zu Immunosuppresion führen. Das hängt mit der kombinierten Wirkung der zwei Metaboliten 25D und 1,25D zusammen. Immunosuppresion wirkt entzündungshemmend und schmerzlindernd, kann aber langfristig kontraproduktiv sein.
  10. Vitamin D Supplementierung hat möglicherweise keinen vorbeugenden Effekt gegen Krebs, Studien (Prostatakrebs) mit einer ausreichenden Anzahl von Probanden zeigten sogar kontraproduktive Effekte in Bezug auf die Aggressivität der Erkrankung .

Zum Vitamin D Unterforum der UGESA e.V.

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