Vitamin D und Kalziumaufnahme: eine kurze Übersicht

Vitamin D spielt bekanntlich eine wichtige Rolle bei der Aufnahme von Kalzium in menschlichen Darm. Die Frage die vielen Menschen beschäftigt, ist ab welchen Vitamin D Spiegel in Blut die Kalzium Aufnahme optimal verläuft.

Wenn man die übliche Vitamin D Literatur zu Rate zieht kommt man ziemlich schnell zu dem Schluss, dass dafür mindestens 30 ng/ml 25D in Blut notwendig sind. Unterhalb funktioniert die Kalzium Aufnahme nicht optimal. Soweit die Literatur und unzählige Postings in den hiesigen Foren.

Wie oft bei solchen Richtwerten ist eine Lektüre der dazugehörigen Quellen hilfreich. Wer hat das gemessen und wie ? Eine kurze Internetrecherche kommt zu dem Ergebnis, dass ein Wissenschaftler namens Robert Heaney für diese Empfehlung verantwortlich ist. Die dazugehörige Quelle ist seine Arbeit  ”Vitamin D in health and disease”. (Clin J Am Soc Nephrol 2008;3:1535–4). Eine gute Zusammenfassung seiner Thesen kann man in seiner Website “Grassrootshealth” lesen.  Diese Arbeit wurde dann in unzähligen Vitamin D Bücher zitiert und zigmal als Beleg für die erwähnten Richtwerte genommen.

Aus seinen Daten kann man für jeden klar und umissverständlich erkennen, dass die Kalziumaufnahme im menschlichen Darm erst ab einer Vitamin D Konzentration von 30 ng/ml richtig in Fahrt kommt. Darunter fällt sie stark ab, vermutlich, weil angeblich nicht genügend Substrat für die Erzeugung des aktiven Metabolit 1.25D verfügbar ist.  Ist das aber wirklich so? Schauen wir uns kurz was anderen Messungen zum Thema berichten.

Ein anderer Vitamin D Wissenschaftler, John Aloia, untersuchte  exakt die gleiche Problematik, kam aber zu ganz anderen Ergebnissen. Sie wurden 2010 veröffentlicht in:

Serum vitamin D metabolites and intestinal calcium absorption efficiency in women

Wer hat denn nun Recht ? Heaney oder Aloia ? Sollte man jetzt Vitamin D supplementieren um die gewünschen 30 ng/ml zu erreichen damit die Kalziumaufnahme optimal funktioniert ? Oder ist diese Empfehlung überholt?

Es lohnt sich wohl,  einen genaueren Blick in die Messmethode zu werfen. Hier fällt auf, dass Heaney eigentlich gar  keine eigene Messungen durchgeführt hatte, sondern die Ergebnisse von anderen Wissenschaftlern  in seinem berühmten Bild zusammen getragen hatte. Davon waren zwei aus genauen Messung mit radioaktiven Calciumisotopen, der niedrigste Punkt war aus einer Messung extrahiert, was aus Kalcium in Urin (und nicht in Blut) extrahiert wurde. Zwei andere aus einer anderen Messmethoden. Kurz zusammengefasst: die “Heaney Kurve” aus der Kalziumaufnahme im Darm bestand aus 5 Messpunkten die wiederum aus 3 unterschiedlichen Quellen stammten,  die wiederum mit drei unterschiedlichen Messmethoden gewonnen wurden. Diese Zusammenstellung ist Meßtechnisch höchst problematisch, wenn man ernsthaft  einen Zusammenhang erkennen will.

John Aloia hingegen benutzte eine einzige Messmethode mit Radioaktiven Calcium. Das funktioniert so: 430 Teilnehmer die ein Getränk mit Orangensaft der geringen Mengen an einen radioaktiven Kalzium Isotop enthielt.

Nach fünf Stunden wurde Blut entnommen und über die die gemessene (geringfügige) Radioaktivität die Kalziumaufnahme gemessen. Da radioaktives Kalzium nur mit dem Getränk aufgenommen wurde, konnte dieses Kalzium im Blut nur aus dieser Quelle stammen.  Aus dem Verhältniss des gemessenen Kalzium mit der ursprünglichen Menge lässt sich die Kalzium Aufnahme in Darm damit bestimmen. Die Genauigkeit ist damit sehr hoch. In Blut wurde wiederum  die Vitamin D Metaboliten 25 D und 1,25D gemessen. Damit konnte man eine eventuelle Abhängigkeit zwischen der Kalziumaufnahme über den Darm und die Vitamin D Konzentration in Blut (1,25D, 25D) genau bestimmen.

Das Ergebniss ist für die Vitamin D Industrie sehr unbefriedigend, denn es gab überhaupt keine Abhängigkeit zwischen der Konzentration von 25D in Blut und die Kalziumaufnahme im menschlichen Darm:

We observed no relation between serum 25(OH)D concentrations and calcium absorption efficiency in a large sample of healthy women over a wide age range. On the basis of this finding, calcium absorption efficiency was not useful as an indicator for vitamin D sufficiency

Frei übersetzt: “wir haben keine Abhängigkeit zwischen der Konzentration von 25(OH) D und die Kalziumaufnahme  in einer grossen Population von gesunden Frauen und unterschiedlichen Alter beobachtet. Die Effektivität der Kalziumaufnahe war nicht zweckmässig als ein Indikator für die Vitamin D Versorgung”.

Neulich wurde ein anderes Experiment durchgeführt, hier wurde absichtlich Vitamin D Supplementiert in Dosen von 400 bis 2400 IU und die Kalziumaufnahme vermessen. Auch hier konnte die angebliche “Schwelle” der Kalziumaufnahme in Darm in Abhängigkeit von 25D wie von Heaney beschrieben wurden, nicht bestätigt. Quelle: Vitamin D does not increase calcium absorption in young women: a randomized clinical trial, J Bone Miner Res. 2014;29(5):1081-7. doi: 10.1002/jbmr.2121.

Und schliesslich eine aktuelle  Studie aus Wisconsin mit 230 Frauen , Hansen et al, JAMA Intern Med. 2015;175(10):1612-1621)  Die Vitamin D Supplementierung war entweder 800 I.E. täglich oder 2x 50.000 I.E. monatlich, so dass ein Vitamin D Status über ein Jahr oberhalb  30 ng/ml lag. Entsprechend wurde die Kalziumaufnahme mit Hilfe von Radioisotopen gemessen. Auch hier wurde keine nennenswerte Änderung festgestellt (1% Zunahme bei den hohen Dosen, dafür eine Abnahme von 2% bei den niedrigen Dosen. Das dürfte innerhalb der Fehlergrenzen sein.

In der Wissenschaft gelten Beobachtungen erst als gesichert, wenn sie von anderen Wissenschaftlern und idealerweise mit unterschiedlichen messmethoden reproduziert werden können. Dies ist mit dem Heaney Daten leider nicht der Fall.

 

 

 

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