Die Rolle der Toll-Like Rezeptoren in Autoimmun-Erkrankungen

Im Jahre 2006 führte ein Forschungsteam aus California (Department of Microbiology, Immunology, and Molecular Genetics; University of California at Los Angeles) ein bemerkenswertes Experiment. Die Studie ist vielfach zitiert in der Fachwelt.  Es ging um die Antwort des angeborenen Immunsystem auf die Reizung durch ein Bakteriums. Doch bevor wir uns mit seinen interessanten Experiment beschäftigen ist es wichtig, die Unterscheidung zwischen dem angeborenen und das adaptive Immunsystem zu kennen (Englisch: “innate and adaptive immunity”)

Das angeborene Immunsystem recht “primitiv” aufgebaut (Fruchtfliegen haben das gleiche System wie wir stolze Homo Sapiens) Evolutionstechnisch ist es älter als das adaptive Immunsystem, also jenes System was lernfähig ist und Antikörper gegen bekannte Erreger entwickelt. Das angeborene Immunsystem wirkt sofort und ist die erste “Verteidigungslinie” des Organismus.

Das angeborene Immunsystem ist sofort einsatzbereit, es liefert eine Antwort innerhalb von sekunden und kann fremde Organismen durch den Einsatz von körpereigene Antibakterielle Substanzen (Calcethidin, LL-37). Das Adaptive immunsystem reagiert langsamer, innerhalb von Tagen, und hat eine spezifische Antwort auf jeden von ihm erkannten Erreger. Wenn wir von “Antikörper” des Immunsystems reden, meinen wir das adaptive immunsystem. Die angeborene Abwehr kennt keine Antikörper, sondern reagiert sofort auf eine Reihe von definierten Fremdsubstanzen.

Das angeborene Immunsystem braucht einen bestimmten Erreger nicht zu “kennen” um Alarm zu schlagen, sondern wird aktiv sobald eine fremde Substanz mit den Toll-Like Rezeptoren in Kontakt kommt.

Geschichtlich gesehen haben die “Antikörper” sowie “Auto-Antikörper” die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich gezogen, aber es könnte sehr gut sein, dass dies nur ein Nebenkriegschauplatz ist.   Daher ist es ratsam, sich etwas genauer mit unsere “primitiven” Abwehr zu beschäftigen und insbesondere wie Vitamin D sie beeinflusst.

Das angeborene Immunsystem “sieht” die Erreger mit Hilfe der sogenannten Toll-Like Rezeptoren (Vertiefung, siehe dieser Artikel) Diese Rezeptoren sind ein Teil der sogenannten “Pattern Recognition Receptors”, also Rezeptoren die genau auf ein bestimmtes molekular-Muster (also auf bestimmte Stoffe) reagieren, und zwar auf Biochemische Substanzen die oft in Erreger vorkommen.

Z.B. TLR4 (Toll-Like-Receptor 4) reagiert auf polysacharide, eine Substanz die an der Oberfläche von Gram-negativen Erreger zu finden ist. Andere TLR´s reagieren auf andere Fremdsubstanzen, wie z.B. virales RNA. usw.  Die TLR  Rezeptoren befinden sich auf Zellen, die im Körper üblicherweise mit Erregern in Kontakt kommen, z.B. in den Makrophagen. Es gibt auch innerhalb der Zelle selbst TLR Rezeptoren, damit können intrazellulärbakterien detektiert und bekämpft werden.  Es sind also die TLR Rezeptoren genau der Ort, wo das Organismus zwischen Körpereigen und Körperfremd unterscheidet.

Nun zurück zu dem Experiment von Liu et al 2006 (full text hier und hier)

Der Amerikanische Forscher untersuchte wie genau das angeborene Immunsystem auf Reizung eines Bakteriums reagiert. Dazu benutzte er  ein Erreger (Mycobacterium tuberculosis) damit die TLR Rezeptoren angeregt werden. Was er beobachtete war folgendes:

  1. Die Aktivierung der Toll-Like Rezeptoren induzierte wiederum mittels eines Enzyms eine Produktion von 1,25D (aktives Metabolit aus Vitamin D) aus 25D (über den Gen Cyp27B1)
  2. Das  erzeugte 1,25D führte (mittels den Vitamin D Rezeptor) zur Bildung von den Körpereigenen Antibiotika Cathelcidin

Kurz zusammengefasst: Erreger werden durch die TLR Rezeptoren “entdeckt”, das Makrophage wird aktiviert und fängt zusätzliches 1,25D zu produzieren (also lokal) was wiederum zur Erzeugung des Bakterizids (Cathelcidin) führt, mit dem der Erreger abgetötet wird.  Es ist interessant zu sehen, dass der Körper selbst bakterizide (also Substanzen, die Bakterien vernichten können) herstellt. Sie sind höchsteffiziente körpereigene Antiobiotika, die wir ständig bei Bedarf erzeugen können. Das System ist es sehr effektiv, solange es richtig funktioniert.

Folgen für die Vitamin D Supplementierung

Die Experimente von Liu wurden mit Blut aus Caucasischen Probanden (”weisse”) sowie mit Menschen afro-amerikanischer Herkunft durchgeführt. Bei den Caucasischen Probanden lagen die 25D Werte in Blut rund um 30 ng/ml, bei den afro-amerikanischen unter 10 ng/ml.  Die entsprechende Produktion von Cathelcidin (also das körpereigene Antibiotikum) war bei den Caucasischen Probenden zwei Mal höher.  Aus diesen experimentellen Ergebnissen folgt die These, dass die Immunantwort des angeborenen Immunsystem umso höher ist, je höher das 25D Substrat ist.  Anhänger der Vitamin D Supplementierung extrapolieren diese Ergebnisse bis in Bereiche, die nicht gemessen wurden, also ob der gemessene Effekt sich beliebig erweitern liesse.  Das geht aus dem Daten nicht hervor, Liu hat die Bereiche von 25D nur bis 30 ng/ml untersucht. Daraus kann man keinerlei Aussage treffen, ob der Effekt bei  z.B. 25D > 60 ng/ml  sich genau so verdoppelt, wie es zwischen  25D 10 und 30 ng/ getan hatte.

Darüberhinaus wurde das Experiment “in Vitro” durchgeführt, d.h. ausserhalb des menschlichen Körpers. Es ist auch eine bekannte Tatsache, dass man “in vitro” Experimente nicht beliebig auf die Vorgänge innerhalb des Organismus übertragen kann.  Weiterhin werden in Experiment gekaufte Zellen (THP-1) mit Blut aus Probanden gemischt, d.h. Blut und Zellen stammen nicht aus dem gleichen Individuum, gerade bei den Schlussfolgerungen aus den afro-amerikanischen Probanden wäre hier vorsichtig angebracht, da man offensichtlich zwei unterschiedlichen Genomen in Experiment vermischt wurden.

Das Liu Experiment ist ohne Zweifel ein sehr wichtiger Schritt in der Erforschung und Verständnis der humanen Immunantwort des angeborenen Immunsystem (”innate Immunity”), es ist auch aus aus Patientenberichte bekannt, dass Vitamin D Gabe Immunantworten verstärken kann. Es gibt offensichtlich ein Bereich, wo eine gewisse Proportionalität zwischen der Konzentration von  25D  in Blut und der  Stärke der Immunantwort gibt, sie kann jedoch nicht beliebig extrapoliert werden. Zumindest, das geht nicht aus der Messung hervor.

Die hier gemessenen Effekten jedoch  dafür zu benutzen, massive Vitamin D Supplementierung zu betreiben, nach dem Motto “Viel hilft Viel” ist keineswegs angebracht.

Die Folgen für die Forschung der Autoimmun-Erkrankungen

Besonders wichtig für die Autoimmun-Erkrankungen war jedoch eine andere Beobachtung von Liu: in der Gegenwart eines VDR Antagonisten (also eines Stoffes die den VDR “blockiert” bzw inaktiviert) reduzierte sich die Produktion von Cathelcidin um 80%. Damit wäre das Bakterium vermutlich gar nicht abgetötet worden.

Ich bin sicher, dass dem Forscher selbst nicht klar war, dass er damit ein fehlendes “Puzzleteil” entdeckt hatte. Nämlich die Bestätigung von Marshall´s Vermutung, dass blockierte VDR Rezeptoren zu einer “Abschaltung” des angeborenen Immunsystem führen.

Liu zeigte zwar nicht, dass ein Bakterium diese Antagonisten zum VDR produzieren, wohl aber,  dass eine Blockierung des VDR´s zu einer verminderten Produktion von körpereigenen Bakteriziden führt. Das hatte viele Jahren zuvor Marshall postuliert.

Es ist ebenfalls bekannt, dass die Aktivierung der TLR Rezeptoren zu Autoimmunerkrankungen führen kann (siehe zum Beispiel diese Studie aus der Schweiz, Lang et al 2005)

Wie in anderen Postings dieses Blogs gezeigt wurde, findet man einen Überschuss aus 1,25D in den Blut von Autoimmunpatienten. Aus dem Arbeiten von Liu (und aus anderen) wird jetzt klar, woher diese extra-renale 1,25D stammt und warum es erzeugt wurde, nämlich aus einem (vergeblichen) Versuch, einen Erreger zu töten, oder weil sonstige Substanzen diese TLR angeregt haben.

Und folgt man der Studie von Liu, dann wird auch klar, warum es möglicherweise der Erreger auch nicht zerstört wurde, nämlich weil sich an “Ort und Stelle” ein VDR Antagonist befand.  Was würde es dann passieren ?

Möglicherweise wird dann die Produktion von 1,25D gar nicht mehr gestoppt. Das angeborene Immunsystem produziert dauernd 1,25D in der vergeblichen Hoffnung, es wird den Erreger irgendwann töten. Und wenn dies nicht erfolgt? Dann hat man eine chronische Entzündung. Und sind Auto-immunerkrankungen nicht anders als chronische Entzündungen, die von Immunsystem stammen?

Die hohen 1,25D Werte in Blut von Autoimmun-Patienten kämen also genau vom Mechanismus, was von Liu et al beobachtet wurde, nämlich aus der Produktion von diesem Metabolit aus Folge einer Reizung der TLR Rezeptoren. Was könnte also die TLR gereizt haben? In Gegensatz zu Antikörper, die möglicherweise körpereigenen Gewebe “verwechseln” und dann angreifen, sind TLR Rezeptoren recht spezifisch auf körperfremde Substanzen. D.h. die Tatsache, dass sie gereizt wurden ist ein deutlicher Hinweise, dass in der Tat körperfremde Substanzen gefunden wurden.

Forscher suchen vergeblich nach anderen Möglichkeiten

Obwohl die o.g. Erklärung eigentlich plausibel erscheint, konzentriert sich momentan die Forschung auf die Frage: was führt zu der Erregung der Toll-Like Rezeptoren. Sie suchen ob möglicherweise RNA aus dem Zellkern “fälschlicherweise” die TLR Rezeptoren anregt (siehe Dean et al 2006) oder ob andere Substanzen möglicherweise diese Rezeptoren anregen.

Meiner Meinung nach ist diese Suche vergeblich. Der menschliche Körper produziert nun mal keine Substanzen, die er als schädlich ansieht. Ansonsten hätten wir ständig Autoimmun-Reaktionen. Genetische Veränderung sind in Prinzip möglich, aber es ist kaum glaubhaft, dass 5% der Bevölkerung Genetische Mutationen aufweist, die zu solchen Verhalten führen.

Wenn die TLR Rezeptoren angeregt werden, dann ist doch die Vermutung naheliegend, dass sie sehr wohl in Kontakt mit einer Körperfremdesubstanz gekommen sind, und zwar eine Substanz auf die die TLR Rezeptoren spezialisiert sind. Die TLR Rezeptoren reagieren also ganz genau wie sie reagieren sollen. Warum der Erreger nicht getötet wird, warum er sich weiterhin verstecken kann, warum es in Blut nicht nachgewiesen werden kann, das sind stets offene Fragen, wobei wir hier schon eine Hypothese haben. Nämlich die Blockade des VDR´s, genau so wie Marshall viele Jahre vor Liu ´s Entdeckung bereits postuliert hatte.

Zur Vertiefung, siehe auch diese israelische Veröffentlichung von 2004 Toll-like receptors and their role in the development of autoimmune diseases.  Eine sehr gute Zusammenfassung über die TLR´s bietet der Artikel “TLR eröffnen neue Möglichkeiten” von der Pharmazeutischen Zeitung

Eine andere Theorie die die Entwicklung von Autoimmunerkrankugen via das angeborene Immunsystem ist die “Molecular Mimicry” Theorie. Siehe auch  On the Role of the Innate Immunity in Autoimmune Disease

Vitamin D und Wundheilung

Mittlerweile scheinen immer mehr Wissenschaftzweige die herausragende Rolle von 1,25D in Zusammenhang mit dem Immunsystem zu erkennen. Richard Gallo, professor für Dermatologie in   San Diego, California, veröffentlichte in Februar 2007 eine Studie über Vitamin D und Wundheilung, diesmal bezogen auf Hautwunden.   Genau wie Liu et al beobachtete Richard Gallo das gleiche Verhalten. Als Folge von Kontakt eines Erreger (die durch die Wunde in Körper eindringen) lösen die TLR Rezeptoren die vermehrte Produktion von 1,25 aus 25D Substrat, was die Wundheilung begünstigt da mehr Calcethidin ebenfalls produziert wird.

Die Studie fand auch einiges an Echo in der Deutsche Medienlandschaft, siehe z.B. Focus Gesundheit.

Das Beispiel von der zusätzlichen Produktion von 1,25D zeigt deutlich, wie langsam sich neue Erkenntnisse in der Wissenschaft durchsetzen. Mittlereweile dürfte es klar sein, dass die Lokale Produktion von 1,25D  (also extra-renal, ausserhalb der Nieren) eng gekoppelt mit einer Immunantwort des angeborenen Immunsystem ist. Trotzdem werden hohe 1,25D Werte in Blut meistens ignoriert, z.T. als Folge der recht hohe Grenzwerte die in Deutschland noch  als “normal” gelten (bis 80 pg/ml)

Neues aus der Tagung Gene 2008 in Foshan, China


Keynote Presentation at the 2008 World Gene Congress from Trevor Marshall on Vimeo.

Vor einigen Wochen fand die Gene 2008 in Foshan, China statt (5-7 Dezember 2008)  

http://www.bitlifesciences.com/wcg2008/event_report_program.htm

Eine von den Keynotes war die von Trevor Marshall, der die letzten Ergebnissen seiner Methode für Autoimmun-Erkrankungen vorstellte. Titel der Keynote war: “Understanding Human Disease requires study of a Metagenome, not just the Human Genome”

Das Video dazu (leider nur in English) kann man sehen in:

http://www.vimeo.com/2585394

Interessante Stellen:

10:17 Informationen über die die Erfolge in der Behandlung von Sarkoidose

12:29 über intrazellular Bakterien

15:49 sehr interessante Bilder von infizierten Zytoplasmen, aufgenommen mit hochauflösenden Mikroskopen

18 35 Die Rolle von Vitamin D Rezeptor VDR in Autoimmun Erkrankungen

26:00: Vitamin D Stoffwechsel und VDR

sowie viele molekulardynamischen Simulationen und sonstige interessante Informationen für Leute die sich für Autoimmun Erkrankungen interessieren.


   

 

 

Die Behandlung von Autoimmun-Erkrankungen mit dem Marshall Protokoll

“The precise operation of the human metabolism is infinitely more complex than any of us can ever hope to comprehend…  The more we understand, the more we realize we don’t know… Trevor Marshall.

Nach dem wir in diesem Posting das Marshall Modell verstanden hatten, geht es in diesem darum das sogenannte “Marshall Protokoll” (ein “Protocol im Englischen Kontext ist eine Behandlungsmethode, also keine Notizen oder ähnliches).

Die Behandlung hat folgende Ziele:

  1. Den “Teufelkreis” der zusätzlichen 1,25D Produktion in den Makrophagen zu stoppen
  2. Die Wiederaktivierung des VDR Rezeptors damit der Körper selbst sich gegen die L-Form Bakterien wehren kann
  3. Die negativen Auswirkungen der in 1-2 erzeugten Immunreaktion zu mildern (sogennante Herxheimer Reaktion)

Doch bevor ich auf die Details des Marshall Protokolls eingehe, hier eine deutliche Warnung:

Das Marshall Protokoll ist von der FDA (Food & Drugs Administration) in USA nicht zugelassen. Es befindet sich im Versuchsstadium. Patienten die diesen Behandlungsmethoden folgen tun das unter ärztlicher Aufssicht eines Arztes ihres Vertrauens. Es wird hier dringend abgeraten, diese Methode ohne Unterstützung eines Arztes ganz oder teilweise anzuwenden .

Da zusätzliches Vitamin D (25D) die schädliche Produktion von weiterem 1,25D in den Makrophagen fördert, müssen Patienten unter Behandlung des Marshall Protokoll sämtliche externen Quellen von Vitamin D in der Nahrung vermeiden (wohl gemerkt, solange genügend aktive Vitamin D in ihre 1,25D Form vorhanden ist, kann es keinen Vitamin D Mangel geben). Darüberhinaus fand Marshall heraus, dass 25D ab Konzentrationen von 20 ng/ml immunosupprimierend wirkt, d.h. es wirkt der 1,25D Form entgegen und fängt an das  ”gute” Vitamin D (1,25D) vom VDR fernzuhalten, womit das angeborene Immunsystem gebremst wird. Das kann kurzfristig zu einer Linderung der Symptomen führen (wahrscheinlich deswegen wirkt sich die Einnahme von Vitamin D positiv aus), langfristig macht die Krankheit nur noch schlimmer. Es versteht sich von selbst, dass dies einer der meist kontrovers diskussiertesten Punkte der Marshallschen Methode ist, da es komplett entgegengesetzt der allgemein gültige Meinung über Vitamin D ist. Das Problem scheint zu sein, dass man sehr schnell Vitamin D mit 25D gleichsetzt, was falsch ist. Selbstverständlich ist Vitamin D extrem wichtig, aber in ihre 1,25D Form.

Als Medikament setzt Marshall das in Deutschland bekannte Anti-hypertensivum Olmetec (in Englisch unter dem Namen BENICAR bekannt), mit dem Wirkstoff Olmesartan, allerdings in viel höhere Dosis, ein. Details über die Wirkung von Olmetec an den VDR Rezeptor finden sich in dieser Studie.

Olmetec kann ebenfalls an den VDR  ”andocken” und damit in Konkurrenz zu den bakteriell erzeugten Substanzen (Capnine) treten (von Marshall in Molkelulardynamischen Simulationen gezeigt, siehe sein Paper dazu). Damit wird das schädliche Capnine entfernt und den VDR “aktiviert”.

Da die Makrophagen für die krankhafte Produktion von 1,25D Angiotensin II benötigen, wirkt Olmetec diesem Prozess entgegen, da es selbst Angiontensin II blockiert (daher ruht ja seine anti-hyptertensiven Wirkung). Die Eigenschaft von Olmetec (Benicar/Olmesartan) als Agonist zum VDR Rezeptor war nicht bekannt, es steht nicht in den Packungsbeilagen und wurde von Marshall selbst entdeckt. Das Medikament kann viel mehr als nur Blutdruck senken. Die Wirkung ist auch Dosisabhängig, und zwar:

  1. Bei niedriger Dosis: setzt die Angiotensin II Blockade und wirkt als Blutdrucksenker
  2. Bei mittleren Dosen: aktiviert den VDR Rezeptor, Immunsystem wird re-aktiviert. Bei welcher Dose dies genau erfolgt hängt auch davon ab, wieviel konkurrierendes 25D sich am Rezeptor befindet.
  3. Bei hohen Dosen: hat eine schützende Wirkung gegenüber von schädlichen Zytokinen, es wirkt lindernd im Falle der Herxheimer Reaktionen als Folge von 2 (siehe unten). Es wirkt Anti-entzündlich.

Die Anti-entzündliche Wirkungen von Olmetec wurden neulich (2010) von einer Japanischen Forschungsgruppe bestätigt

Die anti-bakterielle Wirkung kommt also durch das Anregen des angeborenen Immunsystem, was nun selbst in der Lage ist genügend antibaktieriellen Substanzen (LL-37) zu produzieren um die Erreger zu töten. Gleichzeitig wird der möglicherweise gefährlichen  ”Zytokinensturm” durch das Medikament selbst gemildert, da Olmesartan (Olmetec) die NF Kappa-B transkription unterdrückt. Weiterhin wird die Produktion von TNF-Alpha bei den Makrophagen ebenfalls vermindert, allerdings nicht in der gleichen Art und Weise wie herkömmlichen TNF-Alpha tun, damit werden die Nebenwirkungen von gewöhnliche TNF-Alpha Blocker vermieden. Für Details siehe “How Benica works” in Englischer Sprache.  Die Unterdrückung der NK-Kappa B macht sich auch möglicherweise bemerkbar in der OTherapie der Artheriosklerose, hier hat Olmesartan (Olmetec) ebenfalls eine positive Wirkung gezeigt.

Das Einnehmen von Olmetec in Kontext des “Marshall Protokolls” bei hohen Dosen und in regelmässigen Zeitabständen (alle 8 stunden) wird in Marshall Protokoll  “Angiontensin Blockade” genannt. Da Olmetec an den VDR höchstens 6- 7 Stunden “andockt”, muss nach dieser Zeit das Medikament wieder eingenommen werden, daher die Notwendigkeit es häufiger zu nehmen. Vertiefung: Original Posting

Mittlerweile hat die “herkömmliche” Klinische Forschung die Vorteile von Blutdruckmittel als Therapie gegen Autoimmunerkrankungen wohl entdeckt, siehe z.B. erste ermutigende Ergebnisse der Abteilung für Neuroimmunologie im Heidelberger Universitätsklinikum.

Damit ist der menschliche VDR (Vitamin D Rezeptor) wieder aktiv und der Körper gewinnt wieder seine Fähigkeit, selbst Bakterien zu bekämpfen. Bakterien werden getötet und setzen Proteine und Zytokine frei, was die Symptome der Krankheit kurzfristig verstärkt. Es kommt zu einer Jarish-Herxheimer Reaktion.

Diese Reaktion war schon bekannt bei der Behandlung von Patienten mit Antibiotika, z.B. bei Syphillis oder Borreliose.

Das ist eine der Hauptnachteile der Marshallschen  Methode, da je nach Schwere der bakteriellen Infektion diese Reaktion mehr oder weniger stark ausgeprägt auftritt. Hier wirkt Olmetec hoch dosiert mildernd, so dass dies den Patienten zusätzlichen Schutz bietet. Trotzdem sind  die auftretenden Reaktionen ernst zu nehmen und müssen unbedingt mit einem Arzt besprochen werden. Hier ist es extrem wichtig, dass die Patienten regelmässig Olmetec einnehmen (idealerweise jede 6 Stunden), denn es ist der einziger Schutz gegen entzündungsfördernden Zytokinen die sonst Organschäden verursachen könnten.

Die bisher erwähnten Schritte werden als die “Phase 1″ des Marschallschen Protokolls genannt. In einer “Phase 2″ kommen niedrig dosierte Antibiotika zum Einsatz (Minocykline), die dem Immunsystem helfen mit der bakteriellen Überlast fertig zu werden.

Die genauen Details von der Phase 2 sind jedoch in Web nicht zugänglich, wohl um zu vermeiden, dass Leser in Selbstversuchen ohne Kontakt zur Forschungsgruppe sich selbst behandeln.

Interessant ist hier die Tatsache, dass Olmetec ein häufig verschriebenes Medikament ist (Anti-Hypertensivum). In der Regel gibt es selten Nebenwirkung. Wird jedoch diese Arznei an Patienten die an Autoimmunerkrankungen leiden verschrieben (möglicherweise wissen die Patienten selbst nicht, dass sie an diese Kranheit leiden), werden bei mittlerer Dosis (z.B. 20 mg/tag) die o.g. Prozesse in Gang gesetzt. Der Patient wird vermutlich über “Nebenwirkungen” klagen, obwohl die Symptome eigentlich eine Folge von Herxheimer Reaktionen sind und von der Krankheit selbst kommen, nicht vom Medikament. Trotzdem ist hier   Vorsicht anzuraten. Da das Marshallsche Model in Deutschland so gut wie unbekannt ist, ist auch diese Tatsache nicht bekannt.

Wenn ein Patient Olmetec einnimmt und starke, unerklärliche Nebenwirkungen auftreten, wäre es angebracht die Vitamin D Werte zu messen (25D/1,25D), es könnte eine TH1-Entzündung vorlegen vor (25D wird knapp am unteren Wert sein, 1,25D wiederum am Anschlag). Bei gesunden Menschen dürfte Olmetec so gut wie keine Nebenwirkungen haben.

Marshall selbst vermutet, dass praktisch alle beobachteten “Nebenwirkungen” von Olmetec von Personen stammen, die TH1-Entzündungen haben, möglicherweise ohne es zu wissen.

Zusammenfassung des Marshall Protokolls:

  1. Vermeidung von externen Vitamin D sowohl in Nahrungsergänzung als in der Nahrung selbst
  2. Aktivation des VDR Rezeptor mit hochdosierten Olmetec (Benicar/ Olmersartan/ Votum)
  3. “pulsierte” Antibiotika Behandlung mit Minocycline (3 Monate)
  4. Antibiotika Behandlung mit “pulsierten” Dosen von Azitrhromycin (oder Clindamycin, 9 Monate)
  5. Niedrige Dosen von den kombinierten o.g. Antibiotika bis zur völligen Genesung

Original Marshall “Mino+Zith+Clindy is the optimal antibiotic combination. Everyone should be taking it as soon as they are able to handle the Immunopathology. Mino blocks the 30S Ribosomal subunit, Clindy blocks the 50S subunit at the peptydyl transferase center and Zith blocks the protein exit route of the 50S. All three work symbiotically.”

Vor allem die Empfehlung, die 25D Werte in Blut unter 20 ng/ml zu halten sorgt bei oberflächlichen Betrachtung zu Skepsis, dann die Empehlung liegt gerade entgegen des geläufigen “Dogma” der Vitamin D Supplementierung. Bei einer genaueren Betrachtung sieht man jedoch, dass die Wiederherstellung des Vitamin D Stoffwechsel selbst das eigentliche Ziel des Marshall Protolls ist. Es ist der körpereigene Vitamin D Stoffwechsel was die Heilungsprozesse in Gang setzt, und zwar durch die Aktivierung des angeborenen Immunsystem (”innate Immunity“) durch Olmetec als Agonist von Vitamin D Rezeptor VDR. Die benutzen Antibiotika wirken “bakteriostatisch”, d.h. sie schwächen die Bakterien soweit, dass sie von (nun reaktivierten) Immunsystem vernichtet werden können.  Die Pathogenen werden damit “von zwei Seiten angegriffen” und effektiv bekämpft. Es ist aber leider so, dass es unmöglich ist intrazellulären Bakterien zu vernichten ohne Verlust ihre Wirtszellen, was wiederum kurzfristig zu Symptomverschlechterung führt.

Die Darstellung des Marshall-Protokolls in diesem Posting  ist stark vereinfacht.  Die Gesamtbehandlung streckt sich über drei unterschiedlichen Phasen, die sehr detailliert beschrieben sind (Englisch). Für Ärzte ist ein spezieller Bereich in den Marshall-Foren vorgesehen.

Siehe weiter unten für Deutschsprachigen Versionen.

Während der Behandlung ist mit Herxheimer Reaktionen zu rechnen die je nach Schwere der Erkrankung schwächer oder stärker auftreten können. Sie sind unvermeidlich und einer Folge der Krankheit selbst. Sie wird damit “sichtbar”. Marshall prägte den Begriff “Immunopathology”, d.h. Krankheitssymptomen die aus dem Immunsystem selbst stammen. In Prinzip sind z.B. die Symptome eines Schnupfen  nicht anders als die Wirkung des Immunsystems.

Die Antibiotika Behandlung beim Marshall erfolgt “pulsiert”, d.h. statt eine gleichmässigen Konzentration des Medikaments zu streben werden sie jede 48 Stunden in kleinen Dosen eingenommen. z.B. in der Phase 1 des MP fängt man mit 25 mg Monocyclin jede 48 Stunden und steigert die Dose bis auf 100 mg (Details in der CuremyTH1.org site).  Damit wurde die höchste antibaktierielle Wirkung erzielt. Die Wirkung der Antibiotika wird durch den Einsatz von Olmesartan potentiert, d.h. sie entfalten damit ein Vielfaches an Wirkung.

Vertiefung: “Cell Wand deficient Bacteria and the MP”

Siehe auch das Video im 6th International Congress on Autoimmunity in Porto, Portugal (Sept 10-14, 2008), dazu gibt es auch ein PDF Transkript. Laut dieser Studie kam es bei 81%  der Teilnehmer zu einer Besserung ihrer Symptome nach 18 - 53 Monaten. Die größte Versuchsgruppe waren Patienten mit Arthritis, Rheumatoidis sowie Hashimoto Thyroiditis, gefolgt von Patienten von Uveitis.

Molekulardynamisches Model von menschlichen VDR mit Olmetec Molekül. Aus dem Marshall Video in der Gene 2008

Molekulardynamisches Model von menschlichen VDR mit Olmetec Molekül. Aus dem Marshall Video in der Gene 2008

Neu! Infos auf Deutsch von Joyce Waterhouse (Autoimmunity Research). Übersetzung des Artikels “The Marshall Protocol for Lyme Disease and Other Chronic Inflammatory Conditions” aus dem Magazin „Townsend Letter“ vom Mai 2007

mppart1german .pdf (Teil 1)

mppart2german .pdf (Teil 2)

Weitere Informationsquellen über das Marshall Protokoll (in Englischer Sprache)

Knowledge Base Marshall Protocol (in Aufbau)

Geschichte des Marshall Protokolls

Flash Video über das Marshall Protokolls: mit Video Aufnahmen von L-Form Bakterien. Hier das Dokument als PDF

Ergebnisse des Marshall Protokolls wie sie in den 6th Autoimmunity Congress in Porto 2008 vorgestellt wurden

Bei dem genannten Autoimmunity Congress in Porto wurden die vorläufigen Ergebnissen des Marshall-Protokolls vorgestellt. In der Testphase nahmen mehr als 1000 Patienten teil, wobei etwa die hälfte sind weiterhin aktiv. Davon wurden 100 representativen Ergebnissen zusammengefasst:

Ergebnisse des Marshall Protokolls

Die Originalpresentation kann hier eingesehen werden (tranksript), oder als Video.

Die grösste Anzahl von Teilnehmer litten unter Rheumatoide Arthritis , gefolgt von Patienten mit Hashimoto Thyroiditis, Uveitis sowie Psoriasis. Die Mehrzahl der Teilnehmer hatte in den ersten zwei Jahren deutliche Verbesserungen ihre Symptome. Ingesamt zeigten 83% der Teilnehmer Verbesserungen zwischen den 15 und 53ten Monat der Behandlung. Alle hatten “immunopathologie” vermutlich aufgrund von Herxheimer Reaktionen als Folge der wachsenden Anzahl von getöteten Bakterien.



Das Marshall Modell der Autoimmun-Erkrankungen

…oder warum Paul Ehrlich mit seinem “Horror Autoxicus” doch Recht hatte.

Nach dem üblichen Verständnis von Autoimmun-Erkrankungen greift das Immunsystem aus bisher unbekannten Gründen irrtümlicherweise körpereigenes Gewebe an.

Interessant ist das Wort “Irrtümlicherweise”. Der Körper macht also einen Fehler und greift eigenes Gewebe an, was laut Paul Ehrlich eigentlich nicht vorkommen sollte. Er prägte den Begriff “Horror Autoxicus”, d.h. der menschliche Organismus hat eine wahre Abneigung, sich selbst anzugreifen. Was an sich verständlich ist.

Es gibt also eine verborgene, bisher “unbekannte” Ursache für dieses merkwürdige Verhalten des Immunsystems. Eigentlich sollte man erwarten, dass nach Jahrmillionen Evolution das Immunsystem sehr wohl wissen sollte was körpereigen und was körperfremd ist. Insofern ist dieses Verhalten schon etwas seltsam.

“Irgendetwas” führt dazu, dass das Immunsystem ausser Kontrolle gerät. Was ist nun dieses mysteriöse “Etwas”?

Trevor Marshall identifizierte dieses “Irgendetwas” als eine lebenslange Kumulation von unterschiedlichen Erreger “Metagenomic Microbiota”, unter anderem Bakterien in der L-Form. (d.h. Erreger die die “L-Form eingenommen haben),  die bestimmte Prozesse des Immunsystems, wie z.B. den Vitamin D Stoffwechsel soweit stören, so dass Autoimmunerkrankungen überhaupt erst entstehen können. Die Vermutung, dass Autoimmunerkrankungen von Pathogenen verursacht werden ist allerdings nicht von Marshall, sondern etliche andere Forscher haben diese Vermutung schon seit dem 19. Jahrhundert geäussert (z.B. Boeck bei der Sarkoidose) Vergleiche auch das Werk von Lida Mattman “Cell Wand Deficient Forms - Stealth Pathogens“. Sie wurde für den Nobelpreis von Medizin nominiert.  Siehe beispielhaft für andere Forscher die diese These vertreten, . Rook et al  1992 (”slow bacterial infection or autoimmunity ?“) sowie der bereits erwähnte US Arzt Thomas McPherson Brown.

Damit hätten sämtliche Autoimmun-Erkrankungen ein und dieselbe Ursache:  Eine Bakterielle Infektion durch L-Form Bakterien. Diabetes von Typ 1, Rheuma, Sarkoidose, Hashimoto, Colitis Ulcerosa und möglicherweise sogar Parkinson hätten die gleiche Ätiologie. Die Vielfalt der Erkrankungen enstehen durch die unterschiedlichen Gewebearten, die das Immunsystem angreift, möglicherweise auch durch die Kombination von verschiedene Erregern. Es gibt laut Marshall nicht den Erreger (nach den “Koch Postulaten” gibt es für jeder Erreger-induzierte Krankheit nur ein Pathogen), der die Autoimmunerkrankung XYZ erzeugt, sondern gleich mehrere spezies intrazellulären Bakterien, die letzlich zu der Krankheit führen. Das erklärt auch warum soviele Autoimmunerkrankungen zusammen auftreten (z.B. Hashimoto und Psoriasis, etc). Original Zitat:

“It became pretty clear to me that all the chronic inflammatory diseases were arising from a common pathogenesis which, I figured, had to be a failure of the innate immune system. And we found that it had to be a Th1-dominant cytoplasmic, metagenomic microbiota. And in particular, that persistent phagocytic infection had to be the cause” (Trevor Marshall beim Prag Vortrag über Chlamydien April 2009)

Die Marshallsche Vermutung basiert z.T. auch auf experimentelle Daten. Im Jahre 1989 untersuchte der amerikanische Wissenschaftler Emil Wirostko von der Columbia-Presbyterian Medical Center in New York das Blut von Sarkoidose-, Arthritis Rheumatoides- sowie Lupus- Patienten mit hochauflösenden Elektronenmikroskopen. Er fand überall das gleiche: infizierte Makrophagen mit lebenden Mollicut-Bakterien in ihren Zytoplasmen  (also innerhalb der Immunzelle, siehe Bild in diesem Posting “The Wirotsko Studies”).   Der US Arzt Thomas McPershon Brown hatte ebenfalls cell-wand-defiziente Pathogenen als Ursache für Arthritis Rheumatoides vermutet.

Im Gegensatz zu den Koch Postulaten, wodurch eine bestimmte Krankheit durch nur ein Erreger spielen laut Marshall mehrere Erreger eine Rolle.  Das Immunsystem wird also durch kleinsten Pathogenen irregeleitet und fängt an, eigenes Gewebe zu zerstören. Die eigentliche Erreger mögen ansonsten recht harmlos sein, es ist die Reaktion des Immunsystems was den Schaden anrichtet.

Marshall stellte auch ein Modell auf, wobei er genau beschreibt, warum die intrazelullären Bakterien überleben können und damit die Verteidigung des Immunsystems ausser Kraft setzen können:

“We carry around bacterial, viral, phage, and fungal DNA. The manner in which this metagenomic DNA manages to persist as an intra-phagocytic community determines the disease symptoms we will accumulate as we age.

The bacterial species collect in symbiosis, progressively disabling our immune systems (so as to ensure the microbiota’s survival) and affecting the way our cells work”  - Trevor Marshall

Das Auftreten von einer ganzen Reihe von Erreger (Bakterien in L-Form, Viren, Pilze) würde auch erklären, warum die Versuche nur “einen einzigen” Erreger als Auslöser von bestimmten Autoimmunerkrankungen bisher scheiterten.

Historisch gesehen entstand das Marshall-Modell aus dem Studium der Sarkoidose. In 2002 erschien eine Veröffentlichung aus Schweden (Nilsson), die zeigte wie Rickettsien innerhalb von Sarkoid-Granulomen experimentell beobachtet wurden.  Diese Beobachtung stimmte genau mit den Vermutungen die Marshall selbst aufgrund microbiologischen Modellen aufgestellt hatte “Quelle: The history of the Marshall Protocol)

Der australischer Forscher beschränkte sich nicht nur auf Ursachenforschung, sondern entwickelte auch eine Behandlungsmethode.  Das erste “Versuchkaninchen” war er selbst, denn er litt 30 Jahre lang an Sarkoidose.

Seine Krankheit war soweit fortgeschritten, dass er nach Meinung seinen Ärzten nur noch 18 Monate zu leben hatte.   Es gelang ihm erstens sich selbst zu heilen und dann Hunderten von Patienten die seiner Behandlungsmethode, dem sogenannten Marshall Protokoll, folgten. Anfänglich waren hauptsächlich Sarkoidose Patienten darunter, später zeigte sich deutlich, dass die Symptome und Blutbild bei vielen anderen Erkrankungen ebenfalls auftrat, was die Vermutung brachte, sie hätten eine ähnliche Ursache.

Doch bevor wir uns mit der Behandlung befassen, ist es wichtig das Marshallsche Model für Autoimmun-Erkrankungen zu verstehen. Dazu es ist notwendig, die vorherigen Postings in diesem Blog gelesen zu haben, und zwar:

Das Marshall Model ist hier sehr vereinfacht dargestellt:

  1. Autoimmun Patienten sind u.a. mit L-Form Bakterien intrazellulär infiziert. Wir erinnern uns, dass “L-Form” ist nur eine spezielle Form die einige Bakterienarten einnemen können und keine eigene Bakterienart, wie leider oft verwechselt wird. Es ist vermutlich nicht nur ein Pathogen, sondern eine statistische Kombination von sehr vielen (Bakterien, Pilze, Viren).  Die kumulation der Pathogenen erfolgt über Jahrzehnte, also Folge einer immer schwächer werdende Immunabwehr (angeborene Immunität). Die statistische Kombination von Pathogenen wird in Marshall Modell  als Metagenomic Microbiota bezeichnet. Die Kochschen Postulaten verlieren ihre Gültigkeit.
  2. Die Bakterien sitzen bevorzugt in den Makrophagen , je nach Krankheit auch in anderen Geweben.  Sie greifen die Zellen intrazellulär an, d.h. sie leben in der Zelle selbst. Dort werden sie vom Immunsystem nicht erkannt und auch nicht angegriffen. Bei den Makrophagen ist der programmierte Zelltod (apoptose) auch verändert, so dass sie länger überleben. Makrophagen sind ein Teil des angeborenen Immunsystems, das ist evolutionstechnisch das älteste Immunsystem, was wir Menschen besitzen (im Gegensatz zu dem “Adaptiven” Immunsystem, was Antikörper generiert und auch darauf reagiert)
  3. Das angeborene Immunsystem hätte eigentlich die Aufgabe gehabt solche Bakterien zu töten. Die Bakterien produzieren jedoch capnine, eine Substanz die an den Vitamin D Rezeptor (VDR) “andockt” (durch Computersimulationen gezeigt) und die Erzeugung von zelleigenen Bakteriziden (körpereigene Antibiotiken) dämpft. Der VDR ist also in seiner Funktionsfähigkeit gestört. Marshall selbst betrachtet Capnine nur stellvertretend für von Bakterien verursachten Antagonisten des VDR Rezeptors. Es kann durchaus andere Substanzen geben als Capnine. DerVDR ist auch nur einer von vielen Genen, dessen transkription gestört ist, aber vermutlich die folgereichste.
  4. Das Immunsystem reagiert wiederum auf die Erreger mit einer Immunantwort von Typ TH1, dabei werden TH1 typischen Zytokinen produziert (Zytokinen sind Substanzen die von der Zelle selbst hergestellt werden und für inter-zelullären Kommunikation von Immunzellen verwendet werden, sehr vereinfacht geschrieben) Th1 Zellen sind T-Helferzellen (CD4-Lymphozyten). Das löst eine ganze Kette von Autoimmunreaktionen aus die die Entzündung verursachen.  Deswegen spricht man hier von “TH1 Entzündung/Inflamation” (Englischen TH1 Immflamation)  Eine TH1 Immunreaktion ist typisch für intrazelullären Erreger
  5. Weiterhin wird vermehrt Interferon Gamma (ein Zytokin) freigesetzt sowie TNF-Alfa und IL2, weitere Zytokinen. Damit wandeln die Makrophagen zusätzlichen 1,25 D (Vitamin D in ihre aktive Form) aus 25D um (Fachbegriff: Enzym 1-alpha-Hydroxylase)  Das ist der Grund, warum bei Autoimmunerkrankungen die Konzentration von 1,25 D in Blut erhöht wird. Aus 25D wird zusätzlich 1,25 D erzeugt (*). (zusätzlich zu dem 1,25D was in den Nieren produziert wird, also “paracrinal”) Unter Wirkung von Interferon Gamma wird die Konversion von 25D in 1,25D bis zu 30-fach erhöht.
  6. Die von bakteriellen Substanzen blockierten VDR wiederum führt zu weitere Konsequenzen (nicht alle bekannt), u.A. wird der Umkehrprozess zu der 1-Alpha Hydroxylase (Bildung von 1,25D aus 25D) gestört, so dass 1,25D unkontrolliert wächst.

(*) Die Produktion von 1,25D als Folge von Entzündungen ist nicht neu, sie wurde aber bis vor einigen Jahren nicht ganz verstanden, oder  als ein Versuch des Immunsystems sich selbst zu regulieren. Dies ist möglicherweise falsch, die 1,25D Produktion wird angekurbelt, um körpereigene Bakterizide herzustellen, wie Beta-Defensin und Calcethidin. Sie Posting über die Immunreaktion des angeborenen Immunsystems.

Die Blockierung des VDR´s hat unmittelbare Folgen für die Konzentration von 25D in Blut, da der Gen CYP24A1 nicht exprimiert, also Folge sinkt der Level von 25D (es wird weniger 25D erzeugt) was von nun als der bekannte “Vitamin D Mangel” identifiziert wird. Details können in Marshall´s BioEssays Veröffentlichung gelesen werden. Dazu gibt es auch in diesem Blog ein anderes Posting “Vitamin D Mangel anders erklärt

Nach Marshall haben Autoimmun-Erkrankungen und viele “idiopathische” Erkrankungen also eine pathogenetische Ursache. Dies ist an sich nicht neu, andere Forscher hatten bereits diese Vermutung geäussert und auch Bakterien im infizierten Gewebe von Autoimmun-Patienten nachgewiesen, siehe z.B. Nilsson et al .

Wenn Autoimmun Erkrankungen durch intrazellulären Erreger verursacht werden, dann sollten doch ihre Symptome ähnlich sein als jene Krankheiten, die eindeutig durch solche Pathogenen verursacht werden. Schauen wir uns z.B. die Symptome der Borreliose an. Diese Krankheit wird bekanntlich durch Erreger verursacht, die z.T. ebenfalls in der L-Form vorkommen. Die Symptome sind z.T. ähnlich als die von Hashimoto-thyreoiditis, wie Hashi Patienten selbst entdecken “Originalzitat “ Borreliose symptome gleichen hashi symptomen wirklich sehr!!!“.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Erreger genau der Gleiche ist. Ganz im Gegenteil, Marshall postuliert, dass Autoimmunerkrankungen nicht durch einen Erreger sondern durch eine Kombination unterschiedlichen intrazellulären Erreger verursacht werden.  Die Kombinatorik der Erreger bestimmt die Krankheit. z.B. Erreger A +B +C +D = Autoimmunerkrankung X, Kombination B+E+D = Autoimmunerkrankung Y.  Es ist daher kein Zufall, dass co-morbiditäten oft vorkommen, d.h. wer eine Autoimmunerkrankung hat hat eine höhere Wahrscheinlichkeit eine andere zu haben.

TH1 Entzündung - TH1 Immflamation

Da wir mit einer TH1 Immunantwort zu tun haben, spricht Marshall generell von einer “TH1 Entzündung” (TH1-Immflamation). Eine TH2 Immunantwort wäre ein Hinweis auf extrazelulläre Erreger. Mittlerweile hat man auch eine weitere Immunantwort entdeckt, die Th17 (Posting dazu ist in Vorbereitung). T-Zellen werden in Thymus erzeugt (daher das “T” im Namen) und sind zuerst “naiv”, d.h. ohne Differenzierung. Erst der Kontakt mit dem Erreger bestimmt, welche Immunantwort gegeben wird, und zwar in welche Richtung die T-Zellen differenziert werden. Aus “naiven” T-Zellen werden dann TH1/2 oder TH-17 Zellen). Das “Zytokin Profil” zeigt, welche Immunntwort vorliegt (z.b. Interferon Gamma, TNF-Alfa und IL2 für TH1). Siehe dieses Anschauliches Bild zur Vertiefung (Englisch), oder dieses Tutorial

Die Blockierung des Vitamin D Rezeptor VDR als Teil einer Verteidigungsstrategie des intrazelullären Bakteriums

Da durch die Bakterien der Vitamin D Rezeptor VDR teilweise “blockiert” ist (durch Capnine, siehe Posting), laufen im Körper auch andere Prozesse nicht richtig, da bestimmte Enzyme und Proteine für die der VDR verantwortlich ist nicht, bzw teilweise nicht gebildet werden können. Der VDR Rezeptor wird natürlich nicht einfach “abgeschaltet” (das hätte fatale Konsequenzen) sondern im Laufe der Jahren verliert immer mehr an Funktionsfähigkeit, je nach Schwere der Erkrankung. Das ist ein schrittweise Prozess was Jahre dauern kann, daher entwickelt sich die Krankheit auch schleichend. Wir erinnern uns aus dem VDR Posting, dass der menschliche Vitamin D Rezeptor VDR eine zentrale Rolle für die Gesundheit darstellt, da es für die Transkription von mehr als 1000 Genen verantwortlich ist. Es ist im Kern des angeborenen Immunsystems (vermutlich der Kern selbst).

Die durch Bakterien verursachter teilweise Blockierung des VDR hat weitreichende Folgen, die auch nicht vollständig bekannt sind. Ein Prozess funktioniert mit an sicherheitsgrenzender Wahrscheinlichkeit, nämlich die Fähigkeit des angeborenen Immunsystem Pathogenen zu vernichten.  In diesem Blog wird hier salopp von “Blockierung” des VDR gesprochen, richtigerweise sollte es heissen, verminderte Gen-Expression des Vitamin D Rezeptors VDR..  Dieser schädliche Effekt kann nicht nur von Bakterien herrrühren, sondern auch von Viren. Mittlerweile ist dieser Effekt auch experimentell nachgewiesen (Juni 2009)

  • Der Epstein-Blarr Virus z.B. vermindert die Expression des VDRs um nicht weniger als ein Faktor 10(!). Siehe diese Oncologie Studie aus Schweden/Ukraine
  • lebende Borrelien vermindern die Expression des VDRs um einen Faktor 50. Siehe Salazar et al. Vergleiche die kurze Presentation von Marshall in Singapore (Sept 2009)
  • Eine neueste Studie aus USA zeigte, dass nach einer Genome Transkriptions Analyse von L-Formen von Escherichia coli nicht weniger als 450 Genen (!) in ihre Transkription gestört sind, und zwar hochreguliert (94,9%) und unterreguliert (5,1%).  Unter anderem auch die die für den Eisenstoffwechsel verantwortlich sind
  • Eine Chinesische Studie zeigte, dass das Mycobacterium Tuberculosis änderte die Transkription von nicht weniger als 463 Genen, davon der VDR, dessen Transkription um einen Faktor 3.3 niederreguliert wurde.

Nach diesem Model ist es auch verständlich, warum viele “Autoimmun-Erkrankungen” eine bisher nicht verstandene Abhängigkeit zu Vitamin D haben, wie MS, Lupus, Crohn, Arthritis-Rheumatoides sowie einige Tumorarten wie Darmkrebs. Eine aktuelle Studie aus Oxford fand heraus, dass der VDR in der Trankription von jenen Genen beteiligt ist, die bereits in Verbindung mit vielen der erwähnten Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.

Der VDR ist dann nur einer von vielen Genen, deren Funktionsfähigkeit von den Bakterien / Viren gestört wird.  Die Borreliose ist natürlich keine Autoimmunerkrankung, aber sie wird durch Erreger verursacht die ebenfalls in der L-Form vorkommen und intrazellulär agieren, daher ist sie ein gutes Versuchskaninchen.Die Bakterien sitzen also genau in jenen Zellen die für Ihre Vernichtung zuständig wären. Sie werden nicht vernichtet, daher sind keine Antikörper in Blut vorhanden (Marshall beobachtete in Sarkoidose Patienten, dass sie um so weniger Antikörper zeigten je fortgeschrittene die Krankheit war).

Die “Blockierung” des Vitamin D Rezeptors verursacht z.B. eine verminderte Transkription des Toll-Like Rezeptor 2 (Siehe Posting “Die Rolle der Toll-like Rezeptoren in Autoimmun-Erkrankungen), damit “sieht” normalerweise das angeborene Immunsystem Erreger wie  z.B. die Chlamydien.  Also können sie sich ungehindert vermehren, da ihre Entlarvung erschwert wird. Sollten sie jedoch von Immunsystem entdeckt werden, ist wiederum die Produktion der Körpereigenen Antibiotika Cathelcidin für deren Vernichtung vermindert, ebenfalls durch die VDR Blockierung. So bahnt sich die Infektion ihren Weg. Den intrazellulären Erreger hätte eine noch perfidere Verteidungsstrategie nicht einfallen können (Quelle: Marshall Vortrag über Chlamydien Infektionen in Prag, April 2009)

Der so  infizierter Makrophage produziert wie hier bereits beschrieben, wiederum Interferon Gamma, was aber in Blut auch kaum nachweisbar ist. Da Interferon Gamma die Produktion von 1,25D durch 1-alpha Hydroxylase beschleunigt, sind die erhöhten 1,25D Werte ein Hinweis auf die erhöhte Interferon Produktion. Hier sollte man allerdings differenzieren, im Falle von erhöhten PTH Werte als Folge eines sekundären Hyperthyroidismus könnte PTH die 1-alpha Hydroxylase in den Nieren ebenfalls ankurbeln.

Die von Marshall beschriebene Mehrproduktion an 1,25D erfolgt jedoch paracrinal in den makrophagen oder in infizierten Gewebe selbst. In Körper können mehr als 20 unterschiedliche Gewebearten selbst 1,25D aus 25D produzieren. In der Regel sind solche Gewebearten in potentiellen Kontakt mit Pathogenen (Haut, Endometrium, Lunge, etc)

Die durch Baktieren modifizierten Gen-Expression macht es auch verständlich, warum man oft bei Autoimmunerkrankungen von einer “genetischen Veranlagung” ausgegangen ist.  Es sind Genen in Spiel, aber nicht als “Veranlagung”, sondern als gestörte Funktionsfähigkeit aufgrund von Bakterien.  Ganz im Gegenteil, die bisherige Untersuchungen am menschlichen Genom haben wenige Hinweise auf die “Genetische Ursache” von solchen Erkrankungen gefunden.

Die paracrine Produktion von Vitamin D in ihrer 1,25D Form ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf den Angriff von  Pathogenen

Eine neue Studie von Liu et al (2006) beschäftigt sich mit der extra-renale Produktion von 1,25D direkt in den Makrophagen. Der amerikanische Forscher zeigte sehr interessante Aspekten der zusätzliche Produktion von 1,25D, nämlich das dieser Prozess von den TLR (Toll-Like Rezeptoren) gestartet wird unter Einfluss von 1,25D. Gleichzeitig wird Calcethcidin erzeugt (körpereigenes Antibiotikum). Original Liu:

By demonstrating that TLR stimulation of human macrophages induces (i) the enzyme that catalyzes conversion of 25(OH)D3 to active 1,25(OH)2D3; (ii) the expression of the vitamin D receptor (VDR); and, (iii) relevant downstream targets of VDR (including cathelicidin), the present results provide an explanation for the action of vitamin D as a key link between TLR activation and antibacterial responses in innate immunity”

Die TLR Rezeptoren bilden eine Rezeptorfamilie die zur angeborenen Immunsystem gehört und auf bestimmte Erreger spezialisiert sind. Ohne Erreger ist kaum verständlich, warum die TLR Rezeptoren die Immunreaktion starten. Es gibt einige Vermutungen, dass Körpereigene Substanzen dies ebenfalls bewirken, bewiesen ist das jedoch nicht.

In der Literatur wird oft die erhöhte Produktion von 1,25D in den Makrophagen in Kontext von Tuberkulose oder auch in der Sarkoidose erwähnt, es ist jedoch bei anderen Autoimmun-Erkrankungen bekannt (z.B. Morbus Crohn) das sie ebenfalls hohe 1,25D Werte in Blut aufweisen. Das Muster wiederholt sich (wobei es leider noch keine gesicherten statistischen Daten, die eine hohe Anzahl von Autoimmunerkrankungen umfassen)

Disregulierten Vitamin D Stoffwechsel als Folge einer chronischen Entzündung

Autoimmun Patienten haben also laut Marshall  einen gestörten Vitamin D Stoffwechsel. Typisches Zeichen ist die erhöhte Konzentration von 1,25D im Blut (was jedoch in den seltensten Fällen gemessen wird, deswegen ist es wahrscheinlich wenigen aufgefallen) sowie eine erniedrigte Konzentration von 25D. Letzteres hat man bereits sehr wohl in vielen medizinschen Studien gemessen und dies wird bereits mit einer Vielzahl von Krankheiten assoziert (von Krebs bis Arteriosklerosis, siehe zum Beispiel diese Studie) Man weiss, dass niedrigere 25D Werte schädlich sind, allerdings wird das fälschlicherweise für einen “Vitamin D” Mangel gehalten, der durch Einnahme von Vitamin D angeblich gelöst wird.

Solange es genügend 1,25D in Blut gibt, kann es laut Marshall Model kein Vitamin D Mangel geben, denn nur 1,25D,  die aktive Form von Vitamin D reguliert das Immunsystem . Darüberhinaus würde hier die weitere Zufuhr von Vitamin D zwar Immunsupprimierend (also ähnlich wie Kortison, von Marshall durch molekulardynamische Simulationen gezeigt) wirken, was u.U. eine gewisse Linderung bringt, langfristig jedoch die Krankheit nur noch schlimmer macht: Je mehr 25D vorhanden ist um so mehr wird 1,25D durch die Makrophagen (sowie durch die Keratozyten Zellen der Haut) erzeugt. Die TH1 Entzündung wird also schlimmer, da man sozusagen “Benzin ins Feuer giesst”.

Dieser Prozess setzt sich jedoch nicht unbegrenzt fort. Wenn Patienten sehr grosse Mengen an Vitamin D zu sich nehmen, wird irgendwann ein Punkt erreicht, wo der umgekehrte Prozess erfolgt. Die 1,25D Werte fangen an zu fallen.

Der Grund dafür ist der gleiche wie der Immunosupprimerenden Effekt von Vitamin D in ihre 25D Form. Ab hohe Konzentrationen fängt sie an den VDR zu deaktivieren und damit wird allmählich die 1-alpha Hydroxylase in den Makrophagen reduziert, also weniger 25D in 1,25D umgewandelt. Das hört sich zwar positiv an, eine Blockierung des VDR´s hat jedoch andere negative Folgen, da genauso andere Prozessen deaktiviert werden.

Vitamin D Mangel oder disregulierten Vitamin D Stoffwechsel?

Bei Patienten mit einem disregulierten Vitamin D Stoffwechsel (etwa als Folge der TH1-Entzündung) passiert was höchst paradoxes.  Zum einen wird ein Vitamin D Mangel festgestellt (niedrige 25D Werte in Blut) daraus schliesst man,  dass möglicherweise “zu wenig” 1,25D produziert werden könnte (obwohl man das Metabolit ja messen kann und offensichtlich ist, dass es nicht “zu wenig” ist)  Dann werden in der Regel grosse Mengen Vitamin D verschrieben, was aufgrund des disregulierten Vitamin D Stoffwechsel zu noch höheren, krankhaften 1,25D Werte in Blut führen. Möglicherweise versucht der Körper selbst den Pegel an 25D niedrig zu erhalten (In dem es selbst weniger 25D in der Leber aus externen Vitamin D produziert) in der vergeblichen Hoffnung indirekt damit weniger 1,25D zu produzieren.  Was wiederum dem Patient oder Arzt zu der Schlussfolgerung führt, Vitamin D “wirke” ja nicht genug, da sich die 25D Werte nicht so ändern wie gewünscht.   Zusätzliches externes Vitamin D führt wiederum dazu, dass noch mehr 1,25D in den entzündeten Gewebe produziert wird und der Teufelkreis setzt sich fort, bis irgendwann soviel 25D vorhanden ist um immunosupprimierend zu wirken (ab etwa 25D Werte 25 ng/ml), ab da werden die 1,25D Werte wieder fallen.

Das erklärt auch warum die Einnahme von Vitamin D bei Autoimmunerkrankungen anfänglich zu einer deutlichen Verschlechterung der Symptome führt, was aber nach einigen Wochen nachlässt. Erst dann kommt die “lindernden” Effekten von Vitamin D, was nicht anders sind als die Folgen eines supprimierten Immunsystems. Die Patienten fühlen sich “wohl”, weil sie weniger Symptome haben. Die wahren Ursachen sind aber damit längst nicht beseitigt, nur supprimiert.

Vitamin D und Osteoporose in Lichte des Marshall Modells

Übermässiges Vitamin D3 in ihrer 1,25D Form begünstigt die Bildung von Osteoklasten aus den Stammzellen des Knochenmarktes, was das Gleichgewicht von Osteoblasten (Knochenbildner) und Osteoklasten (Knochenresorbtion) zulasten der Osteoblasten verschieben kann. http://de.wikipedia.org/wiki/Osteoklast

Mir ist ein Beispiel aus einem Deutschen Patienten Forum bekannt, wo einer Patientin (Hashimoto) mit “grenzwertig” normalen 1,25D (51 ng/l) die  tägliche Einnahme von 3000 I.E. Vitamin D empfohlen wurde um ihren “Vitamin D Mangel” zu behandeln. Als Folge davon stiegen ihre 1,25 D Werte in Blut auf 101 ng/l also jenseits des von Labor empfohlenen Maximum und damit in ein Bereich, was höchst bedenklich ist.  Die Forumsteilnehmerin wunderte sich selbst, dass “ihre Zähne immer durchsichtiger wurden”. Dieser Effekt ist bekannt, siehe diese Studie aus 1998.

Es ist ein grosser Unterschied ob Menschen mit normalen Vitamin D Stoffwechsel grosse Mengen an Vitamin D aufnehmen als Menschen mit einem disregulierten Vitamin D Stoffwechsel, möglicherweise als Folge der Krankheit selbst. Leider differenziert die öffentliche Meinung hier kaum, so dass grundsätzlich kräftig Vitamin D empfohlen wird, unabhängig davon, wie das Krankheitsbild des Patienten aussieht. Die Folgen können in der Tat bedenklich werden.

Schiesst man also “über das Ziel hinaus”, erhält man möglicherweise das Gegenteil dessen, was man erreichen wollte, nämlich stabilere Knochen.

Die Immunosupprimierende Wirkung von Vitamin D (25D) nach Marshall

Der “immunosupprimierender” Effekt von 25D kommt aus den Marshallschen Studien. Er hatte durch moleklulardynamische Simulationen gezeigt, dass 25D ab einer Konzentration von 20 ng/ml als Antagonist zum VDR Rezeptor wirkt. D.h. es konkurriert mit dem aktiven Vitamin D 1,25D (Agonist). Ab einem Wert von 20 ng/ml blockiert das angeborene Immunsystem . Siehe zur Vertiefung Originalposting. Diese theoretische Erkenntnis korrelierte mit der Beobachtung bei den Patienten unter der Marshallschen Behandlung, die erwünschte Immunantwort kam erst wenn wenn 25D Werte unter 25 ng/ml waren.

Es gibt übrigens Beobachtungen von russischen Forscher die besagen, das Immunantworten als Folge von Impfungen in Sommer geringer waren als in Winter. Das schreibt  Dr. John Cannell, Direktor des Vitamin D Councils:

Studies …suggest higher Vitamin D levels may prevent a vaccine from causing an immune response, the whole idea of a vaccine.”

Der Immunosuppresive Effekt lässt sich sogar sehr anschaulich erklären. Die 25D und 1,25D Form von Vitamin D sind chemisch sehr ähnlich. In Prinzip, sie sind fast identisch mit Ausnahme einer OH Gruppe (25D hat zwei und 1,25D drei davon (daher der Name Calcidiol und Calcitriol. Um den Vitamin D Rezeptor VDR zu aktivieren ist allerdings die dritte OH Gruppe unerlässlich. Ohne dieses chemisches Element wird der Rezeptor nicht aktiviert. Also kann 25D in hohen Konzentrationen genau so am Rezeptor “andocken” wie 1,25D, jedoch ohne Wirkung. Vielmehr hält das “gute” 1,25D fern von ihm, was immunosupprimierend wirkt.

Vergleich der zwei Vitamin D Metaboliten, 25D und 1,25D. Man beachte, dass nur 1,25D die dritte Hydroxylgruppe (OH) besitz, die unerlässig ist um den Vitamin D Rezeptor VDR zu aktivieren

Vergleich der zwei Vitamin D Metaboliten, 25D und 1,25D. Man beachte, dass nur 1,25D die dritte Hydroxylgruppe (OH) besitzt, die unerlässig ist um den Vitamin D Rezeptor VDR zu aktivieren

Nach dem Marshall Modell wird also bei hohen Vitamin D Einnahme der Rezeptor noch stärker blockiert, damit werden weniger Pathogenen getötet und es kommt zu einer Linderung der Symptome was von den Patienten als “wohltuend” empfunden wird.

Aber warum sollte eine hohe Dosis von 1,25D schädlich sein ? War es nicht so, dass den VDR aktiviert und sich damit positiv auf das angeborene Immunsystem wirkt ? Es ist alles eine Frage der Konzentration. Viel zu hohe Dosis von 1,25D fangen an andere Rezeptoren zu aktivieren (Glucocorticoid GCR , Alpha- und Beta Thyroid Rezeptoren) die sich wiederum negativ auswirken. Siehe z.B. Diese Studie. Darüberhinaus wirkt es Immunosupprimierend, wie diese diese Studie aus Braunschweig, Deutsches Forschungszentrum für Biotechnologie, zeigt.

Es ist im Rahmen des Modells auch verständlich, dass je mehr Makrophagen infiziert sind, um so mehr 1,25D wird man messen (wenn auch eine direkte proportionalität nicht zu erwarten ist).

Es gibt wenige statistischen Daten über die “normalen” Werte von 1,25D im Blut. Eine der Wenigen ist eine Dänische Studie von 1999 (Brot C, Jorgensen NR, Sorensen OH: The influence of smoking on vitamin D status and calcium metabolism. Eur J Clin Nutr Dec 1999, 53(12): 920-6 PMID: 10602348), diese zeigte einen Mittelwert von von 1,25D von 29 pg/ml)

Da 1,25 D auch ein Basishormon für eine Vielzahl von anderen Hormonen (wie z.B. das PTH Hormon, was den Calciumhaushalt reguliert hier ist der VDR ebenfalls massgeblich beteiligt. Bei hohen 1,25D Werte dürften die PTH Parathormon niedrieger sein), sind auch andere Folgeprozesse gestört. Daher kommen übrigens auch die erhöhte Calcium Werte bei Sarkoidose Patienten, was wiederum Osteoporose, Nierensteine und andere Leiden mit sich zieht. Siehe diese Studie

Die Gegenwart von noch mehr Vitamin D in ihrer 25D Form bildet nur noch den Rohstoff für weitere 1,25D Produktion, mehr als der Körper verkraften kann. Es gibt übrigens Enzyme in Körper die die Konzentration von 1,25D im Blut regulieren, die Produktion dieses Enzyms (CYP3A4 sowie CYP27B1) ist jedoch durch die “Blockierung” des VDR Rezeptor durch Bakterien (mittlels Capnine) jedoch gestört. Daher gerät die Produktion von aktivem Vitamin D (1,25D) “ausser Kontrolle”. Der Körper versucht wiederum die hohen 1,25D Werte auszugleichen, indem es immer weniger 25D produziert. Bei gesunden Menschen wird damit auch ein Gleichgewicht erstellt, bei einem kranken Organismus führt dies jedoch zu immer niedrigeren 25D Werte. Das ist was die Ärzte dann (fälschlicherweise) als “Vitamin D” Mangel diagnostizieren. Als Folge davon bekommen die Patienten immer mehr Vitamin D verschrieben um die niedrigen 25D Werte zu vermeiden.

Ab einer Konzentration von 20 ng/ml wirkt jedoch 25D wie schon beschrieben immunosupprimierend, d.h. es konkurrieren jetzt gleich drei Substanzen um den VDR:

a) 1,25D, sozusagen die “richtige” Form von Vitamin D die aktivierend auf den VDR wirkt

b) von Bakterien verursachten Capnine (schädlich)

c) 25D, was zwar eine gewisse Affinität zum VDR hat, kann jedoch es nicht aktivieren

Je mehr externe Vitamin D zugefügt wird, umso mehr ist dann der VDR gerade durch das überschüssige 25D blockiert, was als Folge hat das erst recht keine Bakterien durch das angeborene Immunsystem vernichtet werden.

Eine Blutanalyse in diesem Zustand wird vermutlich auch ein gegen Null gehendes CRP (C-reaktive Protein) zeigen, was Ärzte und Patienten zu der falschen Schlussfolgerung führt, es wären gar keine Bakterien / Entzündungen vorhanden.

Im nächsten Posting über die Marshallsche Behandlungsmethode werden wir daher lesen, dass aus den hier genannten Gründen sehr wichtig ist, jede Form von externen Vitamin D zu vermeiden. Dies gilt jedoch nicht generell, sondern für ein bestimmtes Krankheitsbild, nämlich der hier bereits beschriebenen  ”TH1 Entzündung”, die laut Marshall die tieferliegende Ursache der Autoimmunerkrankungen darstellt.

Wer die Diskussion um Vitamin D verfolgt hat, wird merken das Marshall genau das Gegenteil dessen behauptet was üblicherweise empfohlen wird. Das ist eine von den Gründen, warum das Marshall Modell in bestimmten Kreisen nicht auf Zustimmung stösst, gerade in USA, wo sämtliche Milch mit Vitamin D “angereichert” wird. Hier muss man jedoch differenzieren, Marshall empfiehlt die Vitamin D Abstinenz für Patienten die seine Behandlungsmethode folgen. Gesunde Menschen können auch Vitamin D problemlos vertragen. Hier liegt ein weitverbreitetes Missverständnis des Marshall Protokolls.

Das Neue am Marshall Modell ist die Feststellung, dass niedrige 25D Werte nicht die Ursache einer Krankheit sind, sondern deren Folge.

Also kann man durch zusätzlichen Bluttests von Calicitriol (1,25D) und Calcidiol (25D) einen “Marker”, also eine “Messlatte” für die Schwere der Krankheit gewinnen. Da das Marshall Model in Deutschland so gut wie unbekannt ist, wird das nicht durchgeführt. Schade eigentlich, den ein einfacher Bluttest ist an sich harmlos und könnte nähere Einblicke in die Schwere der TH1- Entzündung erlauben. Vielmehr ist es so, dass bei Ermittlung der 25D/1,25D Werte bei Autoimmun Patienten meistens der niedrige 25D auffällt, was in der Regel als “Vitamin D” Mangel missinterpretiert wird. Die hohen 1,25D Werte regen zwar ein gewisses Interesse (weil sie in der Regel ausserhalb des Maximums liegen) werden aber nicht mit einer bestimmten Erkankung in Verbindung gebracht (Ausnahme: sekundären Hyperthyroidismus)

Anderseits ist dies auch verständlich, denn die hier genannten Informationen wurden erst in den letzen 8 Jahren gewonnen, sie sind also in praktisch keinem Lehrbuch zu finden.

Je höher der 1,25 D Wert ist, umso mehr Schaden richtet die Krankheit an. Das Merck Manual gibt einen Maximum Wert von 45 pg/ml für die 1,25D Konzentration in Blut, was nach Ansicht von Marshall auch völlig korrekt ist.

Deutsche Labore geben hingegen ein Maximum für die Konzentration von 1,25 D in Blut von bis zu 80 pg/ml, also ein Bereich was nach dem Marshallschen Model höchst pathologisch ist (interessanterweise ist das “Maximum” für den 1,25D Wert von Labor zu Labor verschieden, einige geben 45 pg/ml, andere 60 und andere bis 80 pg/ml). Zur Vertiefung über die Benutzung von den der Konzentration von 1,25D / 25D in Serum als “marker” für die Kranheit, siehe den Vortrag von Greg Blaney im 6th International Congress on Autoimmunity, Porto, Portugal, Sept 10-14, 2008

Der gestörte Vitamin D Stoffwechsel von Autoimmunpatienten hat noch weitere Folgen. Sie entwickeln nach Meinung von Marshall auch Symtome der Hypervitaminosis D bei viel niedrigeren Dosis von Vitamin D als bei gesunden Menschen. Das erklärt auch die Lichtempfindlichkeit mancher Patienten. Siehe auch Symptome der Hypervitaminosis (auf Englisch) in der Marshalprotocol Website

Dies lässt sich einfach mit der vermehrten Produktion von 1,25D in den Makrophagen erklären. Bei einem gesunden Menschen, der nur 1,25D in den Nieren produziert, braucht man Unmengen an Vitamin D um eine Hypervitaminosis D zu erzeugen. Ein kranker Organismus hingegen produziert schon alleine aufgrund der Krankheit viel mehr 1,25D. Also je mehr 25D vorhanden ist, um so mehr 1,25 D wird in den Makrophagen (und auch in der Haut) erzeugt, was wiederum die Krankheit verschlimmert.

Die erhöhte Produktion von 1,25D in den Makrophagen war übrigens bereits von anderen Forschern bemerkt worden, siehe zum Beispiel diese Studie. Trotzdem gehen die wenigsten Ärzte darauf ein. Wahrscheinlich, weil die Forschnung von 1,25 D recht neu ist, nachdem man sich (fälschlicherweise) jahrzentenlang auf die Messung von 25D fokussiert hat.

Siehe z.B. diesen Beitrag von Dr. med. habil. Volker Nehls, Zitat: “Aktivierte Makrophagen bei der Sarkoidose exprimieren das Enzym 1-alpha-Hydroxylase, das die Vorstufe 25-OH-Vitamin D3 zu der eigentlich aktiven Wirkform 1,25-Dihydroxy-Vitamin D3 (Calcitriol) umwandelt. Hierdurch kommt es bei einigen Sarkoidose-Patienten zu einer Hyperkalzämie, Hyperkalziurie und Nephrokalzinose. Die erhöhte Calcitriol-Synthese durch Sarkoidose-Makrophagen wird als Versuch des Organismus aufgefasst, die T-Zell-Aktivität bei Entzündungen einzudämmen” . Mittlerweile ist es klar, warum Calcitriol produziert wird, nämlich um die Produktion von körpereigenen Bakteriziden (LL-37, Beta Defensin) anzukurbeln. Siehe Posting “Die Rolle der Toll-like Rezeptoren in Autoimmun-Erkrankungen

Marshall kommt hier zu anderen Schlussfolgerungen, nämlich das die zusätzliche 1,25D Produktion krankhaft ist, und zwar weil sie ausser Kontrolle gerät. Warum sie ausser Kontrolle gerät wird im Posting “Vitamin D Mangel etwas anders erklärt”   Bei einem gesunden Mensch wird zwar kurzfristig 1,25D von Makrophagen erzeugt als Teil des körpereigenes Abwehrmechanismus (siehe detailliertes Posting dazu). Bei Autoimmun Patienten hingegen wird ununterbrochen 1,25D im infizierten Gewebe erzeugt.

Erstaunlicherweise hat die Wissenschaft bisher sich nur marginal mit diesem Thema beschäftigt. z.B. wurden die 1,25D anormalen Blutwerte von anderen Autoimmun-Krankheiten wie Hashimoto noch nie untersucht.

Vertiefung: die Original Marshall Protocol Study Site

Infiziertes Monozyt. Die schwarze Pfeile zeigen die Infektion des Monozyts mit L-Form Bakterien. Aus Wirostko et al, 1989 Columbia University TEM. Folie aus Transkript von Marhsall in der Metagenomics 2007

Infiziertes Monozyt. Die schwarze Pfeile zeigen die Infektion des Monozyts mit L-Form Bakterien. Aus Wirostko et al, 1989 Columbia University TEM. Folie aus Transkript von Marhsall in der Metagenomics 2007

Die “AutoAntikörper” im Lichte des Marshall Models

Die genaue Ursache von den sogenannten “AutoAntikörper” (ANA´s) stellt die Wissenschaft immer noch vor offenen Fragen.  Warum stellt der Körper plötzlich Antikörper gegen ihn selbst ?    Dazu muss man wieder berücksichtigen, dass wir mit zwei untereinander kooperierenden Immunsystemen zu tun haben: das angeborene sowie das adaptive. Nur das adaptive Immunsystem reagiert auf Antikörper, das angeborene erkennt körperfremde Substanzen mit Hilfe der Toll-Like Rezeptoren (siehe Posting dazu ) Antikörper sind die Domäne des adaptiven immunsystem.  Nach dem Marshall-Model entstehen Autoimmunerkrankungen zunächst als eine Reaktion es angeborenen Immunsystems:

1) Das angeborene Immunsystem greift die intrazelullären Erreger an und vernichtet (durch Phagozytose) sie zusammen mit den von ihnen befallenen Körperzellen  Dabei entstehen Zytokinen sowie DNA Brückstücken, sowohl von Bakterien als auch von körpereigenen Material.

2) Die entstandenen Zytokinen (z.B. Interferon-gamma) aktivieren nun die Antwort des adaptiven Immunsystem, was nun aus den gefundenen Bruchstücken Antikörper erzeugt (siehe Artikel “Uralte Bakterienkiller mit doppelter Mission“). Da die Brückstücke auch körpereigenen material enthalten, werden sie nun als Fremd erkannt. Das adaptive Immunsystem sieht die Zelle als Fremd an, da sie infiziert war.

3) Das adaptive immunsystem generiert nun Antikörper gegen die gefundenen Substanzen, u.a. Körpereigen.

Siehe zur Vertiefung das Video zu diesem Thema, vorgestellt in den International Congress of Antibodies in Beijing, 2009.

In der genannten Presentation wurden Beispiele gezeigt, wie bei Patienten unter der Marshall-Behandlung die Anzahl der “Autoantikörper” zunächst gestiegen ist, als Folge des aktivierten angeborenen Immunsystem, um später wieder auf sehr niedrige Werte zu fallen, was auch von den Patienten als eine Genesungsphase identifiziert wurde.

Die Anzahl der gefundenen Antikörper ist jedoch nicht eindeutig. Bei Sarkoidose erkrankten z.B. wurde in den schlimmsten Monaten der Krankheit die geringste Anzahl von Antikörper gemessen.  So gesehen scheinen sie   entweder sehr fortgeschrittene Stadien zu reflektieren, wo das Immunsystem sehr schwach reagiert und kaum Antikörper produziert, oder sehr gute, wo die Anzahl der Antikörper zurückgeht mit einer Abnahme Pathogenenanzahl aufgrund einer verstärken Abwehr.

Wie aber schon erwähnt, der Hauptakteur im Marshall-Modell ist das angeborene Immunsystem, das adaptive ist nur ein Nebenkriegsschauplatz.

Es ist für mich ohne Zweifel, dass Marshall hier ein denkwürdiges Modell der Autoimmunerkrankungen aufgestellt hat, was eine Vielzahl von Beobachtungen sehr gut erklärt. Darüberhinaus basiert das Modell lauf einem solidesn Molekular Modell des Vitamin D Stoffwechsel. Einige Aspekte waren schon bekannt, andere hingegen sind völlig neu.

Das Modell lässt sich jedoch nicht so einfach prüfen, denn die L-Form Bakterien lassen sich kaum “in Vitro” isolieren und züchten. Daher lässt sich das Modell nicht direkt nachweisen, sondern nur indirekt durch Übereinstimmung seinen Vorhersagen mit experimentellen Ergebnissen.

Das Modell wird in fachspezifischen Tagungen über Autoimmun Erkrankungen regelmässig vorgestellt. Aufzeichnungen von diesen Vorträgen lassen sich auch im Web finden. Auf Deutsch gibt es kaum Literatur über das Marshallsche Modell. Das ist übrigens ein Grund, weshalb ich diese Seite ins Leben gerufen habe. Eine von den wenigen Informationen auf Deutsch ist von Wolfang Maes (siehe letztes Posting in Borreliose Forum, steht als PDF Beilage) verfügbar. Es gibt Hinweise, dass varianten Erreger der Borreliose Borrelia burgdorferi ebenfalls intrazellulär wirkt und zwar in der L-Form. Siehe diese Studie . Vergleiche diese Anmerkungen über die “L-Form” des Borreliosen Erregers .

Diese Erkenntnisse finden nur extrem langsam Akzeptanz in den zuständigen medizinischen Kreise (siehe Posting “Die Kontroverse um Marshall“), Das ist leider in der Medizin nicht neu, auch der Nobelpreisträger von 2005, Barry Marshall hatte extrem gegen Skeptiker gekämpft. Als vor Jahren behauptet wurde, Magengeschwüre hätten eine bakterielle Ursache, stiess er auf ähnliche Skeptiker. Heute ist erwiesen, dass Helicobacteri Pylori der Erreger war. Der genannte Erreger kommt ebenfalls in seiner L-Form vor.

Es gibt in der Tat viele Parallelen zwischen den beiden Marshalls (Barry und Trevor Marshall). Beide zeigten, dass Bakterien eine viel grössere Rolle in der Entwicklung von Krankheiten spielen, beide wurden anfänglich nicht ernst genommen. Barry Marshall musste sogar selbst Bakterien schlucken um seine Theorie zu beweisen. Aber er bekam schliesslich den Nobelpreis.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Marshall Modell für Autoimmun Erkrankungen sich extrem langsam durchsetzt, wenn überhaupt. Schade eigentlich.

Bild eines infizierten Monozytes (Bildmitte), aus dem Video von Trevor Marshall in der Gene 2008

Bild eines infizierten Monozytes (Bildmitte), aus dem Video von Trevor Marshall in der Gene 2008

Von Gedankenexperiment zu Gen Modellen: die Entdeckung des Capnines

Im Posting über den VDR Rezeptor (Vitamin D Rezeptor) hatte ich folgendes Gedankenexperiment vorgestellt. Angenommen es gäbe eine körperfremde Substanz, die ebenfalls durch ihre chemischen und geometrischen Eigenschaften genau an den menschlichen VDR Rezeptor “andocken” kann und seine Wirkung zum Schaden des Organismuns sabotieren könnte, und zwar als Teil der Verteidigungsstrategie des Bakteriums.

Das Gedankenexperiment sowie etwas Spekulation ergab, dass es durchaus denkbar wäre, dass ein Bakterium evolutionstechnisch solche Fähigkeiten durch Mutation und Selektion hätte entwickeln können.

Jetzt gehen wir an die Sache etwas genauer vor. Man kennt einige Bakteriengenome, d.h. die exakte genetische Folge eines Bakteriums.  Also man weiss, welche Gene ein Bakterium genau aufweist. Damit ist im Prinzip auch bekannt, welche Biochemischen Substanzen theoretisch dieser Eindringling durchden Transkription “erstellen” kann.

Es wäre durchaus denkbar mit der Information aus dem Genom (oder genau gesagt, aus einem Abschnitt davon) ein Computer zu füttern, und  dieses Molekül im Rechner nachzubilden. Dasselbe kann man mit einem Computermodell des menschlichen VDR Rezeptor machen. Dann lässt man beide Biomolekülen aufeinander los und sieht ob sich ein “andocken” simulieren lässt.

Trevor Marshall war genau auf der Suche nach so einer Substanz.  Er  fand eine wissenschaftliche Veröffentlichung aus Irland. Dort war es Forschern gelungen aus einer inifzierten menchlichen Hüfte ein Bakterium zu isolieren und genetisch zu identifizierenaus.

Marshall befasste sich mit diesem Bakterium etwas genauer und fand heraus, dass diese Bakterien eine Biochemische Substanz namens capnine herstellen.

Mit Hilfe von Molekulardynamische Simulationssoftware gelang es Marshall zu zeigen, dass capnine die Eigenschaft hatte ,die wir in unserem “Gedankenexperiment” beschrieben haben. Nämlich an den menschlichen Vitamin D Rezeptor (VDR) anzudocken und die Bildung von Bakteriziden zu vermeiden. Das körpereigene Bakterizid heisst LL-37, die Wirkung ist sehr schön hier erklärt)

Wenn die Bildung von Bakteriziden innerhalb der Zelle gestört ist, dann kann nicht nur dieses Bakterium überleben, sondern können auch andere  Bakterienarten innerhalb der Zelle ihr Unwesen treiben.

Vertiefung im Originalposting (in Englischer Sprache) von Trevor Marshall, wo auch ein Video zeigt, wie genau capnine an den VDR andockt. Veröffentlicht in Marshall TG: Bacterial Capnine Blocks Transcription of Human Antimicrobial Peptides. Metagenomics 2007. doi 10.1038/npre.2007.164.1

Im Transkript des Marshalls Vortrags in der Metagenomics 2007 ist einer sehr guter Zusammenfassung.

 

 

Computersimulation von Menschliches VDR mit Capnine Molekül

Computersimulation von menschlichen Vitamin D Rezeptor VDR mit Capnine Molekül

Auf der Spur der leisen Killer: die L-Form Bakterien

“…It seems likely: we have been living with these beings, their genome trapped within ours, for untold time.” David Wheldon, Britischer Forscher

Innerhalb der Bakterien gibt es eine kleine, recht unbekannte Gruppe um die es hier geht: die L-Form Bakterien. Es ist in Grunde genommen nicht eine Bakterienart, sondern eine Form die Bakterien annehmen können. Man kennt über 50 Bakterienarten die in die L-Form übergehen können. Sie sind die kleinste bekannte Lebewesen, die es überhaupt gibt. Man hatte sie auch “grosse Viren” genannt.   Eine Vielzahl von Bakterien kann die L-Form annehmen und wieder zurück zu ihre ursprüngliche Form zurückgehen. Einige Forscher vermuten, dass die L-Form eine ursprüngliche Bakterienform war, aus denen später Bakterien, Parasiten und anderen Pathogenen hervorgingen.  Wann genau die L-Form in die “normale”  Form mit Zellwand übergeht ist nicht ganz verstanden. Umgekehrt können normale Bakterien nach Penicillin behandlung in die L-Form übergehen.

Bakterien, die in der L-Form sich befinden sind praktisch unsichtbar und unfilterbar, den sie sind so klein, dass sie durch jeden Filter gehen.  Es ist extrem schwer, sie ausserhalb eines lebenden Organismus zu züchten, das ist eine von den Gründen, warum ihre Forschung so schwer ist.  Im Körper können sie jahrzehntelang existieren ohne nennenswerte Symptome hervorzurufen. Sie teilen sich auch sehr langsam, daher dauert es viele Jahre, bis eine Krankheit ausbricht.  Die “Krankheit” ist meistens die (fehlgeleitete) Reaktion des Immunsystem selbst, die dann als “Autoimmun-Erkrankung” gilt.  Forscher können dann Auto-antikörper zwar messen,  jedoch nicht ganz verstehen, was zu deren Entstehung eigentlich geführt hat.  L-Form Bakterien/Mycoplasmen könnten des Rätsels Lösung darstellen. Daher konzentriert sich zur Zeit die Medizin eher darum, die Reaktionen des Immunsystems in Schach zu halten, statt die Ursache des Übels zu beseitigen, nämlich Bakerien in L-Form/Mycoplasmen.
Die Entdeckung der L-Form Bakterien  war der Verdienst der Deutschen Forscherin Emmy Klieneberger-Nobel, die in den vierziger Jahren im Lister Institute in England arbeitete und auf diesen Gebiet forschte. Die “L-” in Name kommt gerade aus der Anfangsbuchstabe des Lister Instituts.

Sie bemerkte, dass bestimmte Bakterien, wie z.B. Streptobacillus monliforme keine Zellwände hatten. Ein anderer Forscher von der Harvard Medical School, Louis Dienes bemerkte, dass nach Behandlung mit Penicilin, Bakterien in die L-Form wandern können. In dieser Form konnten die Bakterien jedoch nicht mit dem Antibiotika behandelt werden, denn dieses Antibiotikum funktioniert indem die Zellwände der Bakterien zerstört werden. Hat die Bakterie jedoch keine Zellwand, wirkte das Antibiotikum nicht. In Englischen sind sie auch bekannt unter dem Begriff CWD (Cell Wand Deficient) Bakterien.

Seit den 30er Jahren befasste sich  der US-Arzt Thomas McPherson Brown intensiv mit der  mit Arthritis Rheumatoides und identifizierte L-Form Bakterien ( sie wurden auch Mycoplasmen genannt) als Ursache für diese Krankheit. Es war ohne Zweifel sein Verdienst, der erster Arzt der bakterielle L-Formen in Verbindung mit unheilbare Erkrankungen brachte.  Er forschte über 40 Jahren auf diesem Gebiet und hinterliess  rund 100 Veröffentlichungen. Es gibt ein interessantes   Video in Web über sein Werk. Zwar fokussierten sich McPherson Brown´s Arbeiten auf die Arthritis Rheumatoides, er erkannte bereits, dass sie auch die Ursache von anderen Erkrankungen sein könnte, wie z.B. die Multiple-Sklerose.

McPherson Brown entwickelte auch eine Behandlungsmethode, die auf Antibiosen mit pulsierte niedrigdosierte Tetrazykline (ähnlich wie das Marshall-Protokoll ein Jahrzehnt später).   Der US-Forscher veröffentlichte seine Erkenntnisse  in seinem Buch “The Roadback”,  das Buch ist noch im Handel und zwar enthalten im “New Arhtritis Breakthrough”, von Henry Scammel.

Eine andere Forscherin, Victoria Livingston, forschte ebenfalls auf diesem Gebiet.  Sie fand ebenfalls L-Form Bakterien insbesonders in Tumoren von Patienten, womit der Verdacht aufkam, auch Krebs könnte (direkt oder indirekt) eine Folge von L-Form Bakterien sein..

Später entwickelte ein weiterer Forscher, Alan Cantwell, eine spezielle Technik mit deren Hilfe L-Form Bakterien sichtbar machen konnte (er arbeitete mit Victoria Livingston) . Er fand sie sowohl in Tumoren, in Lymphknoten von HIV Patienten sowie in Granulomen von Sarkoidose Patienen. Gleiches auch in Geweben von Menschen, die an der Hodgkin-Krankheit litten. Er veröffentlichte “The Cancer Microbe”. Damit befindet sich in bester Gesellschaft von den Deutschen Arzt Dr. Alfons Weber, der ebenfalls eine bakterielle Ursache von Krebs feststellte und sogar filmte. Ob die Weberschen Protozoen nun L-Form Bakterien sind, kann ich nicht beantworten.

Eine andere Forscherin der Wayne University, Prof Lida Mattman, untersuchte ebenfalls Bakterien in der L-Form. Sie schrieb das Buch “Stealth Pathogens” und wurde für ihre Arbeiten für den Nobelpreis nominiert. Man kann einige Seiten in Google Books lesen. Dieses Buch ist eine hervorragende Wissensquelle für Menschen, die mehr über diese exotische Bakterienform lernen wollen. Mittlerweile  ist auch ein YouTube Video verfügbar über einen Vortrag von Ihr aus dem Jahr 2005.

Erwähnenswert ist ebenfalls die Arbeit von Nadya Markova, die eine interessante Website zum Thema L-Form Bakterien betreibt.

Die Forschung von dieser Bakterienform scheint irgendwie nicht auf besonders grosses Interesse in medizinischen Kreisen gestossen zu sein, zumindest wurden die Arbeiten der genannten Forscher nicht sonderlich beachtet.

Schliesslich übernahm ein Molekularbiologe, Trevor Marshall, der mit Hilfe von Computersimulationen sehr interessante Arbeiten auf dem Gebiet der Autoimmunkrankheiten durchgeführt hatte das Thema auf und stellte ein Model dieser Krankheiten auf, die genau auf den L-Form Bakterien basiert.

Eine der Schwierigkeiten der Forschung mit L-Form Bakterien ist die Tatsache, dass man sie nicht isolieren und ausserhalb des menschlichen Körpers züchten kann. Ausserdem sind sie extrem klein, so dass man sie nicht mit dem Mikroskop beobachten kann (Grösse von 0.01 Mikrometer, oder 10 Nanometer).

Bekannte Bakterien, die die L-Form annehmen können (u.A) sind der Helicobacteris Pylori , die Borrelia Burgdorfi sowie Listerien.

Die Fähigkeit von Bakterien, mehrere Formen annehmen zu können nennt man “Pleomorphismus”. In folgenden Video kann man sehr schön erkennen, welche unterschiedliche Formen Borrelien annehmen können, Spirochäten, Biofilms, Zystische Formen sowie L-Form (Ringform in Video nach Behandlung mit Antibiotika )

Das eigentliche Video fängt ab minute 4:32 an. In Minute 5:33 gibt es sehr schöne Bilder über Biofilms und in Minute 6:09 zeigen die Aufnahme sehr anschaulich, wie das Bakterium die Form ändert sobald es von Antibiotika angegriffen wird. Es ist bekannt, dass beta-lactam Antibiotika (wie z.B. Penicillin) zu einer L-Form Bildung führen. Ob die “Ringform” die in Film gezeigt ist eine L-Form ist, geht hier allerdings aus dem Video nicht hervor. Ich gehe stark davon aus.

Im Video werden zunächst die sogenannten “Kochschen Postulate” vorgestellt und auch in Frage gestellt. Eine Position, die ebenfalls von den Marschallschen Studien untersützt wird. Es gibt deutliche Hinweise, dass diese Postulate nicht allgemein gültig sind, sondern dass viele Krankheiten von einer Kombination von Bakterien (und nicht nur von einer einzigen Bakteriensorte) verursacht werden. Darüberhinaus lässt sich nicht jeder Bakterienform ausserhalb des Wirtes erfolgreich züchten, wie das Beispiel mit den L-Form zeigen.

Mittlerweile scheint die L-Form Forschung langsam auf die Beine zu kommen, in April 2010 ist ein Artikel von US-Wissenschaftler erschienen, die mit modernsten Genome-Sequenzierungstechnologie sie L-Formen der Escherichia Coli untersuchten. Man bemerke, dass die erwähnte Form eines “Spiegelei” bereits in den Video von McPherson Brown ebenfalls vorkommt.

Einen sehr guten Überblick (auf dem dieses Posting basiert) gibt der Englischsprachige Artikel von Ami Proal “A History of Cell Wand Deficient Bacteria”. Einen guten, kurzen geschichtlichen Überblick wird von der Seite “Chronic Illness Recovery” angeboten (Englisch).

Siehe auch das Posting von Marshal über L-Form Bakterien.

Wie hängen nun die L-Form Bakterien mit Autoimmun Erkrankungen zusammen ? Das wird ausführlich in diesem Posting vorgestellt.

Ein neuer Artikel (in Englischer Sprache) ist Reforming L Forms: They Need Part of a Wall After All from Kevin D. Young*

Department of Microbiology and Immunology, University of North Dakota School of Medicine, Grand Forks, North Dakota 58202

Auch dieser Artikel (Englisch) populärwissenschaftlich geschrieben, bietet auch eine interessante Lektüre im Bereich der L-Form Bakterien, diesmal aus der Sicht eines Tiermediziners. L-form Bacteria and Mollicutes- The Good, the “Bad” and the Ugly-

Artikel auf Deutsch: “in der Not können Bakterien auf alte Tricks zurückgreifen

Cell Wand deficient forms of Mycobacteria: a Review: sehr guter Artikel!

Bacterial Persistence and Expression of Disease

Update 27.7.2009: die ETH Zürich veröffentlich einen interessanten Artikel über die L-Form  von Listerien

Zitat:

“L-Form Listerien überlisten zudem das Immunsystem. Makrophagen, also Fresszellen, nehmen die Kügelchen zwar auf, können sie aber nicht vernichten. Normale Listerien sind nach 30 Minuten getötet. Die L-Form überlebt tagelang in einem Makrophagen. «Wenn die Makrophagen die L-Formen nicht als Pathogen erkennen können, dann ist das für das Immunsystem möglicherweise ein Problem», erklärt der ETH-Professor”

in der Tat können sie zu einem Problem werden, wie man in diesem Blog lesen kann.

Hier ebenfalls ein weiterer Artikel über Biofilms

Im Kern des angeborenen Immunsystems: der Vitamin D Rezeptor (VDR)

Ich hatte bereits geschrieben, dass das Vitamin D  sehr eng mit dem Immunsystem gekoppelt ist. In den folgenden Abschnitten soll hier näher eingegangen werden.

Dazu gehe ich zunächst ein Schritt zurück um einen kurzen Blick auf  die Transkription und Funktion  der  Gene zu werfen. Bekanntlich stehen in unseren Genen sämtliche Information über den Körper: Aussehen, Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, wie man genau ein Apfel verdaut und vieles mehr.

Insbesondere stehen darin genaue Informationen, welche Biochemischen Substanzen wie gebildet werden. Eine Zelle ist eine kleine “Biochemische Fabrik” die in der Lage ist basierend auf genetische Informationen, eine Vielzahl von Biochemischen Substanzen zu bilden. Z.B. solche, die uns vor Bakterien und anderen Eindringlingen schützen.

Von der reinen Information in den Genen zur  “fertigen Substanz” ist es jeodch ein langer Weg. Die Aufgabe besteht darin aus einer bestimmten Anordnung von Genen, eine real existierende Substanz (z.B. Proteine) zu bilden.  Dieser Prozess ist unter dem Namen Gentranskription bekannt .

Damit dieser Prozess ausgelöst wird, bedarf es weiterer Substanzen, bekannt as Nukleare Rezeptoren (siehe Wikipedia, englischer Artikel). Diese Rezeptoren reagieren wiederum auf bestimmte Hormone und andere komplexe Moleküle.  Die sind der eigentliche “Schalter” der die Produktion von Chemischen Substanzen der Zelle in Gang setzt. Der Umkehrprozess ist möglich, bestimmte Substanzen können wiederum diesen Prozess blockieren. Wenn eine Substanz einen bestimmten Rezeptor “aktiviert”, redet man von einem Agonist , wird der Rezeptor hingegen blockiert, spricht man von einem “Antagonist”. Siehe das Vitamin D Mangel Posting, da wird das etwas ausführlicher erklärt.

In der Literatur liest man salopp über “Gene aktivieren/deaktivieren” (oder “exprimieren”) und meint eigentlich, dass die Produktion der entsprechenden Substanz aus dieser bestimmten Gen Sequenz aktiviert oder deaktiviert wird. Es gibt eine schöne Animation wie Transkription funktioniert, sogar auf Deutsch und zwar hier.

Also zusammenfassend:

  1. Der Bauplan über den Bau von Biochemischen Substanzen (z.B. Proteine) ist in den Genen gespeichert
  2. Nukleare Rezeptoren agieren als Vermittler und setzen die Transkription in Gang, aber nur wenn bestimmte Substanzen (Fachbegriff: “Liganden”, z.B. Hormone) vorhanden sind die an diesen Rezeptor “andocken”

Die Nuklearen Rezeptoren haben diesen Namen, weil sie im Kern der Zelle sitzen (Nucleus, Lat. “Kern”)

Ob einer Substanz an solche Rezeptoren “andocken” kann oder nicht, ist eine Frage der molekularen Atomphysik. Hier spielt Geometrie sowie die Ladungsverteilung im Molekül eine grosse Rolle. Moleküle sind zwar als ganzes Neutral (d.h. genau so viele positive wie negative Ladungen), Lokal können sie jedoch eher negativ oder positiv sein. Man kann sie sich wie kleine “Magnete” vorstellen, die anbestimmten Stellen, wie bunte Legosteine, sehr gut andocken.

So funktionieren übrigens eine Vielzahl (oder alle?) Medikamente. Sie binden bestimmten Rezeptoren und aktivieren oder deaktivieren damit bestimmte Körperfunktionen (wie Schmerz, Entzündungen, etc)

Nun zurück zum Vitamin D. In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass ein bestimmter Nuklearer Rezeptor eine Schlüsselrolle in der Wirkung des Immunsystems spielt: der Vitamin D Rezeptor (VDR).

Und das passende Hormon dazu ist die Vitamin D in seiner 1,25 D Form (oder 25D wie man später lesen wird). Siehe Posting über Vitamin D in diesem Blog.

Also funktioniert die Transkription von einer Vielzahl (mehr als 1000) Gene nur wenn 1,25 D (Vitamin D in ihre aktiven Form) vorhanden ist. Der Umkehrschluss gilt genau so: Sollte dieser Rezeptor aus irgendwelchen Gründen (später lesen wir wie) “blockiert” sein, dann funktioniert das Immunsystem nicht richtig, Gene werden nicht “transkribiert” und dies mit extrem unerwünschten Folgen (bis hin zu Krebs und andere üble Krankheiten)

An dieser Stelle könnte man fragen, wenn die aktive Form von Vitamin D (1,25D) so wichtig ist, denn nur sie beeinflusst das Immunsystems, warum misst man sonst in den Labors “nur” die 25D Form ? Warum spricht man von einer “Vitamin D Mangel” wenn man die aktive Form in der Regel nicht mal gemessen hat ? Fragen Sie ruhig ihren Arzt oder Apotheker (;-)  Spass bei Seite, Vitamin D Experten konzentrieren sich lieber auf 25D da deren Wert stabiler ist und ein guter Hinweis darstellt auf die Versorgung mit Vitamin D. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass 25D kaum biologisch aktiv ist, sondern 1,25D. Das sorgt weiterhin für Verwirrung und Verwechselungen.

Angeborenes und Adaptives Immunsystem: ein starkes Team

Der vollständigkeitshalber sei hier angemerkt, dass in diesem Posting vom angeborenen Immunsystem die Rede ist. Wir sind in der glücklichen Lage gleich zwei Arten von  Immunsystemen zu haben, das angeborene und das adaptive.

Das angeborene Immunsystem ist die “erste Verteidungslinie” und wie der Name sagt, ist es bereits bei der Geburt funktionsfähig. Das adaptive hingegen ist ein lernfähiges System was sehr genau auf bestimmte Erreger reagiert. Damit wir gesund bleiben, müssen beide gut funktionieren.  Die bekannten “Antikörper” werden z.B. von adaptiven Immunsystem erzeugt, aufgrund von Signalen (Zytokinen die sie aus den angeborenen System bekommen. Das Adaptive Immunsystem kann sehr gezielt auf bekannte Erreger reagieren, das angeborene hingegen reagiert auf eine Reihe von Substanzen, die ihm “unbekannt” vorkommen. Diese Fremdsubstanzen werden “getastet” mit hochspezialisierten Rezeptoren, sogenannten “Toll-like” Rezeptoren. Jeder “Toll-like” Rezeptor ist auf eine bestimmte körperfremde Substanz spezialisiert und reagiert sofort, wenn es in Kontakt mit der genannte Substanz kommt. Siehe Posting “die Rolle der Toll-like Rezeptoren in Autoimmun-Erkrankungen” zur Vertiefung.

Das angeborene Immunsystem ist sofort bereit und reagiert innerhalb von Sekunden, das adaptive hingegen braucht etwas länger, deswegen bekommen wir Fieber nicht sofort nach der Infektion sondern etwas später.

Es gibt eine gute Dissertation aus Schweden über  angeborene und adaptive Immunität, von Maria  Tollin.

Ein Gedankenexperiment

In den vorangegangen Abschnitten hatten wir gelesen, wir Gentranskription funktioniert. Dabei hatten wir gesehen, dass dieser Prozess von bestimmten Substanzen gestoppt oder gestartet wird die durch ihre chemische und geometrische Anordnung genau an den nuklearen Rezeptor “andocken”. Beispielhaft 1,25D und den Vitamin D Rezeptor VDR.

Ich rede hier von “Substanzen”, denn es muss es sich nicht notwendigerweise um eine Einzige handeln. Wenn es weitere Substanzen gibt, die ähnliche chemische und geometrische Eigenschaften haben, so dass ein “Docken” an Rezeptoren möglich ist, dann ist es denkbar das der Prozess der Gentranskription des VDR´s möglicherweise “fremdbestimmt” werden könnte, d.h. durch Substanzen, die nicht von Körper  selbst stammen.

Auf molekulare Ebene kann die Biochemische Verbindung ja nicht wissen, ob ein “dockendes” Molekül körpereigen oder körperfremd ist (wohlgemerkt, wir reden hier über Atome/Moleküle, nicht über Zellen/Gewebe)

Diese “Substanzen” von denen hier die Rede ist sind hochkomplexe biochemische Verbindungen. Es ist nicht trivial sie herzustellen.  Woher könnten sie stammen ?  Umweltgifte und andere ähnliche chemischen Verbindungen sind zwar schädlich, aber ihr Schaden entsteht nicht dadurch das sie perfekt an einen Nuklearen Rezeptor andocken. Ihre schädliche Wirkung ruht auf andere Prinzipien.

Von Menschen geschaffenen Verbindungen könnten hier in Frage kommen. Im Prinzip sind Medikamente ja nicht anderes. Aber Medikamente werden in der Regel so gestaltet, dass sie nutzen und nicht schaden. Später werden wir sehen, dass es in der Tat Medikamente gibt die an den VDR “andocken”.

Woher könnten solche “Substanzen” sonst stammen ? Wer sonst kann solche  hochkomplexe biochemische Verbindung erstellen ? Z.B. ein lebender Organismus.

Jede Bakterie ist selbst eine kleine “Chemische Fabrik” und kann eine Vielzahl von Substanzen erstellen, nämlich durch Gentranskription gemäss ihrer eigenen DNA. Sie kann genau jene Biochemische Substanzen herstellen die in ihrer eigenen DNA vorgesehen sind.

Aber es wäre doch ein riesiger Zufall, dass ein Bakterium genau eine Substanz erstellt, die exakt an den menschlichen VDR andockt, oder ? Was hätte das Bakterium davon ? Warum sollte es dies tun ?

Nun ja, der VDR ist u.a. auch verantwortlich, Bakterizide herzustellen (sogenannte Peptide), also genau jene Bakteriengifte die die Aufgabe haben,  Erreger zu töten.  Sollte es jemals einem Bakterium gelungen sein, Substanzen herzustellen die an den VDR andocken, dann hätte es durchaus was davon. Nämlich,  dass die Zelle sich nicht mehr gegen ihn wehren kann.  Wenn der VDR durch die falsche Substanz (von Bakterium hergestellt) “blockiert” ist,  ist das angeborene Immunsystem in seiner Funktion behindert und eine Vielzahl von weiteren Prozessen sind nun gestört, u.A. können solche Erreger nicht mehr effektiv von Körper bekämpft werden.

Hatte nicht Mr. Darwin was von Mutation und Selektion erzählt ? War das nicht genau einen von den grundlegenden Prinzipien des Lebens ?

Also wäre es vielleicht doch möglich, dass unter all den  Milliarden Mutationen innerhalb der letzen Millionen Jahren es doch einem Bakterium gelungen ist, so eine Substanz herzustellen, die den VDR stört. Nämlich weil das Bakterium einen biologischen Vorteil hätte. Also würden genau jene Bakterien überleben, die solche “Überlebensstrategien” entwickelt haben.

Was zusätzlich ein sehr guter Hinweis ist, dass Mensch und Bakterium über Jahrtausende gemeinsam exisiert haben, ansonsten wäre so eine enge Abstimmung nicht denkbar.

Alles nur Gedankenexperimenten?  Angenommen es gäbe diese Art von Bakterien, was wären die Folgen ? Der VDR ist für die Transkription von mehr als 1000 von Genen verantwortlich. Also wäre erstens das angeborene Immunsystem gestört, und zum anderen würde die Produktion von einer Vielzahl von Biochemischen Substanzen (z.B. Enzymen) ebenfalls gestört. Z.B. jene, die Krebsmetastasen vermeiden , Bakterien töten, das richtige Verhältnis von 1,25D /25 D Vitamin D steuern nund sonstige nützliche Dinge tun.  Man würde also mit Sicherheit krank werden.

Es gibt niemand der sowas prinzipiell wissenschaftlich fundiert ausschliessen kann. Also kann es theoretisch solche Bakterien geben. Ein guter Grund, sich mit diesem Thema genauer zu beschäftigen. Mehr dazu in nächsten Posting.

Die Rolle von Vitamin D, wirklich ein Sunshine “Vitamin”?

“One of the great mysteries in human biology is the fact that most human breast milk is deficient in vitamin D. How could Nature overlook such an important nutrient in the “perfect food”?”

~Vitamin D Council

Das Wort “Vitamin” ist positiv geprägt. Man assoziert in der Regel positive Gedanken mit diesem Begriff. Vitamine sind gut, gesund und man könnte nicht genug davon nehmen. Wer genügend Vitamine zu sich nimmt, erfreut sich über beste Gesundheit.

Nichts dagegen einzuwenden, Vitamine sind in der Regel auch gesund. Aber ist Vitamin D überhaupt ein Vitamin ?

Vitamine sind organische Verbindungen, die der Organismus nicht als Energieträger, sondern für andere lebenswichtige Funktionen benötigt, die jedoch der Stoffwechsel zum größten Teil nicht synthetisieren kann

Der Körper kann jedoch Vitamin D selbst erstellen, also ist es im Grunde genommen keine Vitamin in strengen Sinne.

In Wahrheit ist Vitamin D ein Steroid und ein Hormon zugleich (also ein “Steroid Hormon”), wobei nur die aktivierte Form von Vitamin D (1,25D) als Hormon agiert.

Würde man statt von “Vitamin D” von einem “Hormon D” sprechen, wäre man wahrscheinlich vorsichtiger. Vor allem wenn es darum geht, Lebensmittel damit zu “bereichern” wie es in der USA der Fall ist. Dort ist praktisch jeder Milch Vitamin D  zugesetzt. In Deutschland ist das glücklicherweise nicht der Fall.  Wenn jemand Ihnen empfehlen würde,  sich einer Hormon-Substitution Therapie zu unterziehen, wären Sie bestimmt  skeptisch. Aber mit Vitamine ist man halt etwas grosszügiger, gerade weil das wort “Vitamin” Positives verspricht und ausserdem ist in aller Munde.

Es gibt eine sehr ausführliche Website über Vitamin D, VitaminDelta.de . Das neueste Buch zu Thema ist “Heilkraft D” von den Münchener Ernährungswissenschaftler Dr. Nicolai Worm.

Vitamin D ist eng gekoppelt mit unserem Immunsystem und innerhalb der Marshall Theorie für Autoimmunerkrankungen spielt sie eine zentrale Rolle. Daher ist es zweckmässig, wenn man sich mit dieser lebenswichtige Substanz näher beschäftigt. Siehe auch John White “Vitamin D Signaling, Infectious diseases and regulation of Innate Immunity”.

Der menschliche Körper kann es  selbst aus Cholesterin und Licht in der Haut erzeugen. Ja  genau, Cholesterin,  jene böse Substanz die man angeblich auf jeden Fall vermeiden muss wenn man an einer guten Gesundheit ernsthaft interessiert ist.

Das was wir unter “Vitamin D” kennen ist chemisch unter Cholecalciferol oder Vitamin D3 bekannt. Allerdings ist sie in dieser Form von Körper noch nicht ganz verwertbar, dazu gehören noch zwei Schritte die in der Leber bzw in den Nieren stattfinden:

  1. Vitamin D wird in der Leber zu 25D (25(OH) Vitamin D3) umgewandelt (Calcidiol)
  2. 25D wird wiederum in den Nieren zu 1,25(OH)2D3 (Calcitriol) umgewandelt (endocrine Vitamin D Erzeugung)
  3. Viele Gewebenarten sind ebenfalls in der Lage, selbständig Calcitriol aus Calcidiol zu erzeugen (paracrinale Vitamin D Erzeugung).
  4. Einige Immunzellen, wie z.B. Makrophagen, produzieren ebenfalls Calcitriol aus Calcidiol als Teil einer Immunantwort (ebenfalls paracrinale Vitamin D Erzeugung)

In diesem Blog wird der einfachkeitshalber 25D geschrieben und steht für 25 (OH) Vitamin D3 sowie von 1,25D was für 1,25 (OH)2 D3 steht.

25D ist also nur ein “Baustoff” um die aktive Form von Vitamin D (1,25D) zu bilden. Ansonsten hat es keine Funktion. Es wird in Körper gespeichert und bleibt dort einige Monate.  Die wichtigste Form von Vitamin D ist die 1,25D und nicht die 25D.

Daher ist 1,25(OH)2 VitD3 (hier der einfachheitshalber 1,25D genannt) das “aktive” Metabolit, denn nur 1,25D die Eigenschaft hat den Vitamin D Rezeptor VDR in den Zellen zu “aktivieren”, d.h. die Transkription von Genen in Gang zu setzen. Der VDR ist für die Transkription von mehr als 1000 Genen verantwortlich und ist unerlässlich für eine gute Gesundheit und für das Immunsystem. Siehe dazu mehr in diesem Posting.

Ursprünglich hatte die Medizin das Vitamin D Metabolit  1,25D nur mit dem Calcium Stoffwechsel in Verbindung gebracht. Seit 1995 weiss man jedoch, dass 1,25D eine sehr wichtige Rolle beim Immunsystem spielt.   Siehe Casteels et al. Das Calcium Stoffwechsel wird wiederum vom Parthormon PTH reguliert und 1,25D ist ebenfalls beteiligt, wobei sie eine viel geringere Rolle spielt als von der Allgemeinheit angenommen.

Vitamin D und Immunsystem: Stärkung oder Schwächung - Was ist nun richtig?

Liest man die allgemein bekannte Vitamin D Literatur, kommen sehr oft Sätze vor wie:

Vitamin D stärkt das Immunsystem, sie ist unerlässlich für die Knochengesundheit, sie wirkt entzündungshemmend und beugt bestimmte Krebsarten vor. Vitamin D Mangel ist wird von Experten mit höherer Sterblichkeit   assoziert sowie mit  einem höheren Risiko für Herz/Kreislauf- sowie für Autoimmunerkrankungen”.

Es wird  also  nahezu wie eine Panacea beschrieben, also einer Art Wundermittel was gegen fast alle Krankheiten hilft .

Besonders interessant ist die Erwähnung in gleichen Satz von “Immunsystem Stärkung” und “Entzündungshemmung“. Eine “Entzündung” ist eine Reaktion des Immunsystems. Wenn eine Substanz das Immunsystem “stärkt”, kann sie wohl nicht gleichzeitig  entzündungshemmend wirken, den die Entzündungshemmung “bremst” ja das Immunsystem (z.B. Cortison, die stärkste entzündungshemmende Substanz schlechthin erreicht dieser Effekt durch Supprimierung, also “Bremsung” des Immunsystems)

Wie kann also Vitamin D immunsystemstärkend und gleichzeitig immunsystembremsend sein?   Ist das nicht paradox?

Diese Frage kann nicht so einfach beantwortet werden, aber es spricht vieles dafür, dass des Rätselslösung in der Tatsache liegt, dass wir mit zwei Substanzen zu tun haben, nämlich  mit den Metaboliten 25D und 1,25D die unterschiedlich wirken und auch sich gegenseitig beeinflussen. Ein Aspekt, was in der populären Meinung über Vitamin D  (”je mehr desto besser..” völlig unbersücksichtigt bleibt.

In der Tat wird Vitamin D in bestimmten Konstellationen  zu stärkeren Immunreaktionen führen und in anderen  das Immunsystem bremsen, also “immunosupprimierend” und damit auch entzündungshemmend wirken.  Aber das muss nicht unbedingt positiv sein. Eine jahrelange Schwächung der angeborene Immunabwehr könnte kontraproduktiv wirken.

Vitamin D Supplementierung führt zu einer Erhöhung von IL-10 in Blut, eine anti-enzündliche Zytokine (Quelle Dissertation über Vitamin D Supplementierung, 2006), Cortison zeigt übrigens eine ähnliche Wirkung. “Anti-entzündlich” liest sich zwar positiv, Entzündungshemmung und “Bremsung” der angeborene Immunabwehr sind jdoch zwei Seiten der selben Münze.

Unter “Konstellationen” meine ich bestimmte Kombinationen zwischen 25D/1,25D in Blut.  Da wir mit zwei Dimensionen zu tun haben und noch die Funktionsfähigkeit des VDR Rezeptors berücksichtigt werden müsste, gibt es daraus keine einfache, generelle Antwort. Die recht simplistische Betrachtungsweise “je höher die 25D Werte desto besser” ist nur eine starke Vereinfachung eines wesentlich komplexeren Problems, die von der Wissenschaft bisher kaum ausgeleuchtet wurde.

Wissenschaftler haben z.B. herausgefunden, dass bestimmte Krebsarten wie Prostatakrebs umso agressiver sind, je höher Vitamin D Werte in Blut sind (Siehe Krebsabschnitt weiter unten). Die Vitamin D bedingte Immunosuppresion führt anderseits zu besseren “Wohlbefinden”, da Immunreaktionen ausbleiben. Über 80% dessen was wir unter “krank sein” verstehen, sind eigentlich Immunreaktionen. (Quelle:  Vitamin D the Alternative Hypothese)

Diese sehr interessanten Aspekten von Vitamin D werden in diesem Blog in unterschiedlichen Postings vertieft:  in “die Rolle der der Toll-like Rezeptoren in Autoimmunerkrankungen” wird auf die sogenannte “paracrinale” Erzeugung von 1,25D in anderen Geweben als die Nieren sowie speziell auf die Rolle von Vitamin D in Immunreaktionen es angeborenen Immunsystems eingegangen.

Viele Gewebearten - in der Regel solche die in Kontakt mit Erreger kommen - sind nämlich in der Lage,  selbständig 1,25D aus 25D zu erzeugen (Fachbegriff: ” 1-alpha Hydroxylase”).  Die immunosupprimierenden Effekten von Vitamin D werden ausführlich im Posting “Das Marshall Modell der Autoimmunerkrankungen”, denn Marshall zeigte sehr anschaulich, warum Vitamin D auch immunosupprimierenden Effekten aufweist.  Dies wird auch in der Veröffentlichung “Vitamin D, the alternative Hypothese” gezeigt.

Die angebliche vorbeugende Wirkung von Vitamin D auf Krebs wird schliesslich am Ende dieses Postings diskutiert.


Was ist nun ein “Vitamin D” Mangel?

Wenn man in der Literatur von “Vitamin D” Mangel liest, bezieht dies  sich in der Regel auf 25D. Man hat in der Vergangenheit in der Tat eine Korrelation zwischen niedrigeren 25D Werten und einer Vielzahl von Krankheiten festgestellt (von Autoimmun-Erkrankungen, bis zu Krebs)

Daraus schliesst man, dass eine Unterversorgung mit Vitamin D (obwohl man hier 25D meint) irgendwie  dafür  Verantwortlich ist. Richtigerweise sollte es heissen, ein “Vitamin D” Mangel kann erst geben, wenn die Konzentration von 1,25D in Blut niedrig ist.  Und gerade die hat man in den seltensten Fällen gemessen.

Warum wird dann von einem “Vitamin D” Mangel gesprochen, wenn man lediglich die “Vorsubstanz”, den “Baustoff” 25D meint ?

Das hat wohl historischen Gründen. In der Vergangenheit hatte man nur 25D und nicht 1,25D gemessen. Berühmte Studien wie die Framingham Studie hatten ja nur 25D Werte und nicht die dazugehörigen 1,25D.  Die Messung von 1,25D ist sehr aufwendig und fehleranfällig, Daher schaut man eher auf die 25D Werte und schliesst man daraus, dass wenn 25D erniedrig wohl weniger 1,25D vorhanden sein muss.  Ein Trugschluss.

Welche Werte sollen bestimmt werden, um ein Vitamin D Mangel festzustellen?

Nachdem die Vitamin D Literatur über Jahrzehnte sich auf 25D und nicht auf das aktive Metabolit 1,25 D, konzentriert hat, ist Einiges an Verwirrung entstanden, die sich leider auf einige Arztpraxen ausweitet.

Die Bestimmung von 25D in Blut ist einfach und  kostengünstig. Die Messung von 1,25D ist aufwendig (das Blut muss gefroren werden, die Konzentrationen von 1,25D sind sehr klein und deren Messung schwer)  Darüberhinaus sind die 25D Werte recht stabil und schwanken nicht so wie die von 1,25D, die von anderen Faktoren (z.B. PTH) beeinflusst werden. Daher ist sich die Wissenschaft einig, dass 25D ein recht guter Indikator für die Versorgung des Körpers mit 25D ist, wohlwissend, dass dies nur ein “indirekte” Indikator ist.

25D ist stabil, weil es ein Mass für das gespeicherte 25D in Körper ist. 1,25D kann nicht gespeichert werden, 25D schon. Der Körper wird dann bei Bedarf soviel 1,25D bilden, wie er benötigt. Die dazu notwendige Konzentration von 25D wird leicht überschätzt. Es befinden sich in Blut grob gesprochen 10000 mal mehr Molekülen von 25D als welche von 1,25D. Die Sorge es könnte nicht “genügend” Substrat für 1,25D, also nicht genügend Baustoff  ist schwer verständlich.

Der “Vitamin D Mangel” gemessen an das Metabolit 25D ist nicht anders als die Vermutung, es könnten u.U. nicht genügend 1,25D gebildet werden. Das ist alles. Nur was ist nun “genug” ?

Ist 25D niedrig, so könnte u.U. 1,25D ebenfalls niedrig sein, was gefährlich ist. Ist 25D in Ordnung, so wird es wohl 1,25D sein.  So die einfache Logik. Diese “indirekte” Logik wird in der Regel vielleicht gut funktionieren, solange das Vitamin D Stoffwechsel selbst nicht gestört ist (z.B. als Folge einer Autoimmunerkrankung oder latenten Th1-Entzündungen) Im letztern Fall könnte man höchst paradoxe Messwerten erhalten: Beispiel zu niedrige 25D Werte (also ein “Vitamin D Mangel”) jedoch normal oder sogar zu hohe 1,25D Werte. Also doch kein “Mangel” (?!)

Wird jedoch 1,25D direkt gemessen, so hat man gleich das aktive Metabolit, also genau jene Substanz, die als aktives Vitamin D von Körper verwertet wird über den Vitamin D Rezeptor.

Daher ist es sinnvoller, gleich die zwei Metaboliten zu messen, nämlich 25D und 1,25D. Da hat man ja das Gesamtbild. Menschen die gerne mit Vitamin D Supplementieren, sollten auch immer ihre Calcium Werte in Blut überwachen. Es besteht nämlich eine nicht verschwindende Wahrscheinlichkeit,  dass die Calciumwerte unter Vitamin D Supplementierung steigen, was zu schwerwiegende Folgen für die Nieren führen kann.  Gerade Menschen mit Autoimmunerkrankungen haben oft  einen disregulierte Vitamin D Stoffwechsel, eine Beobachtung die leider selbst bei Ärzten unbekannt ist. In solchen Fällen werden hohe bis sehr hohe 1,25D Werte gemessen (wenn es überhaupt zu Messung kommt). Hohe Calcitriolwerte in Blut führen  zu Knochenabbau und Osteoporose, durch verstärkte osteoklastische Aktivität.

Niedrige 25D Werte in Blut kommen gerade bei Autoimmun-Erkrankungen sehr oft vor, die dazugehörigen hohe 1,25D Werte (oft fälschlicherweise als “kompensatorische Erhöhung” tituliert) fallen in der Regel nicht sonderlich auf, z.T. weil die Labore Werte bis zu 80 pg/ml noch als “normal” betrachten. Siehe auch das Posting “Vitamin D Mangel etwas anders erklärt”

Wie man aus den letzten Paragraphen sieht, wird die bedeutung von zu niedrigen 25D Werte (klassisches Vitamin D Mangel) etwas relativiert, denn es enthält nur ein Teilbild.

Trevor Marshall äusserte die Vermutung, die niedrige 25D Werte sind gar nicht die Ursache von einer Krankheit, sondern deren Folge. Niedrige 25 D Werte (solange genügend 1,25D in Blut vorhanden ist) sind nur ein Symptom einer tiefergehende Erkrankung, die in den  nächsten Post näher erläuert wird.

Mehr Infos zu Vitamin D gibt es bei Wikipedia. In Englisch gibt es eine gute Übersicht bei Marshall

Sehr detaillierte Informationen finden sich in dieser Veröffentlichung (Adriana S. Dusso, Alex J. Brown and Eduardo Slatopolsky, Am J Physiol Renal Physiol 289:8-28, 2005. doi:10.1152/ajprenal.00336.2004) Sowie bei John White, ein annerkannte Vitamin D Experte.

Die Kontroverse um Vitamin D als Nahrungsergänzung ist sehr gut in der BioEssays Veröffentlichung von Marshall zu lesen. Sowie in der neuesten Veröffentlichung “Vitamin D: die Alternative Hypothese”  bei Autoimmunity Reviews,  Elsevier. Kritische Stimmen zu Vitamin D finden sich auch z.B. in Linden (1974)

Die ”Vitamin D Mangel Hypothese” von Holick/Hollis/Cannel/

Diese Hypothese besagt u.a,  dass ca. 50% der Weltbevölkerung unter ” Vitamin D Mangel” leidet, die unbedingt therapiert werden muss. Als “Mangel” gelten 25D Werte unterhalb 30 ng/ml.  Für die erwähnte These gibt es bisher nur Hinweise, aber keine wasserdichte Beweise . Sie wird sehr aktiv von den Vitamin D Council (eine private non-profit Organisation) betrieben.  Mittlerweile haben sich einige bekannte Ernährungswissenschaftler deren Ideen angeschlossen, obwohl Vitamin D streng genommen kein Ernährungsproblem ist. Sehr wenige Lebensmittel enthalten Vitamin D, dies dürfte für die Evolution des Homo-Sapiens nichts Neues sein.

Die  erwähnte These besagt, dass viele chronische Leiden, Diabetes,  Krebs sowie Autoimmunerkankungen  sich  durch genügend Vitamin D Supplementierung vorbeugen lassen.  Dabei gibt es kaum Studien, die den vermuteten vorbeugenden Effekt von externer Vitamin D Supplementierung  belegen.  Da jedoch die erwähnten Erkrankungen sehr niedrige Vitamin D in Blut aufweisen,  kommt man zu dem (Trug?) Schluss, man brauchte ja nur genügend Vitamin D  zu supplementieren um diese Krankheiten vorzubeugen. Ein Glaube, was in der Medizin schon des öfteren nicht funktionierte und sogar sich als kontraproduktiv erwies (Östrogensupplementierung, Beta-Karotin).

Ein anderes beliebtes Argument ist der Hinweis auf die enorme Wichtigkeit von Vitamin D auf den menschlichen Stoffwechsel, an sich eine absolut richtige Festellung, nur wird sie von den Anhänger der Vitamin D Mangel Hypothese so verstanden, dass der Stoffwechsel der Europäischen Bevölkerung (oder besser gesagt, 50% der Weltbevölkerung) ohne Supplementierung nicht richtig funktioniert. Dies ist wiederum nicht durch Studien wasserdicht belegt.

Als “Beweis” dazu wird hingegen argumentiert, dass in den hiesigen Breitengraden in Winter kaum Vitamin D gebildet wird, daher muss also supplementiert werden, als ob die Sonnenwirkung in Europa ein Effekt der Neuzeit wäre.  Dabei wird oft vergessen, dass der angeblich “Mangel” nur ein Mangel ist, weil die “Normwerte” für 25D so hoch “definiert” wurden.

Weiterhin wird auf die Inzidenz von Krebs in Abhängigkeit von Breitengrad als weiterer Hinweis für die Vitamin D Mangel Hypothese verwiesen. Länder mit mässige UVB bedingte Vitamin D Bildung dürften demnach mehr Krebsfälle aufweisen als Länder in der Nähe des Equators. Auch diese Annahme ist höchst widersprüchlich, eine aktuelle (2008) Studie aus Norwegen zeigte, dass eher umgekehrt ist, einige Krebssorten sind häufig in Equatornähe als in nördlichen Gegenden. Hier verbesserte sich allerdings auch gleichzeitig die Überlebenswahrscheinlichkeit in Equatornähe. Beispiel: zwei von drei Norweger haben 25D Werte niedriger als 20 ng/ml, trotzdem haben sie nur 50% der Lungenkrebsinzidenz als beispielsweise Australier. Länder wie USA, die aktiv Vitamin D Anreicherung in Lebensmittel betreiben, zeigen keineswegs deutlich bessere Zahlen was Diabetes/Herzkreislauf /Autoimmun oder Krebsleiden betrifft, was von den Anhänger der Vitamin D Mangel Hypothese dadurch erklärt wird, dass die Supplementierung immer noch nicht hoch genug ist.

Medizinische Fachstudien benutzen oft “Korrelationen”. D.h. sie messen zwei Parameter und beweisen  mit statistischen Mitteln, dass sie korrelieren oder nicht korrelieren. Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Aus einer Korrelation auf einen kausalen Zusammenhang zu schliessen ist jedoch falsch. Zumindest geht es aus einer blossen statistischen Analyse nicht hervor. Um solche Aussagen zu refertigen brauchte man ein wissenschaftliches Model. Und sowas gibt es in den seltensten Fällen.

Es ist z.B. bekannt, dass während der Schwangerschaft oft niedrige Vitamin D Werte gemessen werden. Trotzdem käme niemand auf die Idee, Vitamin D als Verhütungsmittel einzusetzen, nur weil “Vitamin D Mangel” mit der Schwangerschaft korreliert. Klingt absurd, aber genau so ist die Logik der “Vitamin D Mangel” Hypothese (”…es könnten X % der Herzinfarkte/Krebsfälle/Diabetes vermieden werden, wenn man die Versorgung der Bevölkerung mit Vitamin D um Y % erhöhen würde... und ähnliches)  Raucher haben bekanntlich ebenfalls niedrige Vitamin D Werte, trotzdem werden die negative Auswirkungen des Rauchens nicht verschwinden, nur weil Vitamin D supplementiert wird.

Aus den genannten Beispielen geht es hervor, dass Vitamin D Werte offensichtlich empfindlich  auf besondere Vorgänge in Körper (z.B. Schwangerschaft) reagieren, sowie auf die Einnahme von bestimmten Biochemische Substanzen (Rauchen, aber auch Medikamente wie  Statine beeinflusst den Vitamin D Status. Insofern wäre nicht verwunderlich,  dass gerade  schwere oder chronische Krankheiten den Vitamin D Spiegel ebenfalls negativ beinflussen  könnten, ohne dass es ursächlich ist.

Die Vitamin D Mangel Hypothese basiert also hauptsächlich auf einer Reihe von verketteten Annahmen die sich entweder gegenseitig  ”beweisen” (Zirkelogik)  oder Kausalität aus Korrelationen suggerieren.

In der Vorbeugung von Knochenbrüchen bei älteren Menschen  sieht die Datenlage etwas besser aus, die Schweizerin Bischoff-Ferrari zeigte in Metastudien, dass bei älteren Menschen (> 65 Jahren) die Wahrscheinlichkeit für Knochenbrüche geringer ist bei Vitamin D.  Supplementierung.

Die Veröffentlichung  Holick 2006 gibt einen guten Überblick über die Vitamin D Mangel Hypothese.  Interessanterweise werden die nach Meinung von Holick “ideale” Vitamin D Werte von oberhalb 30 ng/ml in kaum einer Population der Welt mehrheitlich (also als Mittelwert) gemessen. Das wiederum ist nach Augen der Anhänger der Vitamin D Mangel Hypothese ein Problem von epidemiologischen Ausmassen das unbedingt durch Vitamin D Supplementierung korrigiert werden soll. In den folgenden Abschnitte wird näher auf die Vitamin D Mangel Hypothese eingegangen und vor allem die Frage beleuchte, wie diese Theorie auf die > 30 ng/ml als “idealwert” für 25D kommt.

In der Berichterstattung wird leider ausser acht gelassen, dass die Vitamin D Mangel Hypothese ja nur eine These ist, deren Beweis erst gebracht werden müsste. Sie wird oft als “der Stand” der Vitamin D Forschung vermittelt Dies ist jedoch nach der höchst widersprüchlichen Datenlage, vor allem nach dem fehlen von Studien die speziell die Supplementierung untersuchen (und nicht nur Korrelationen messen), nicht zutreffend.  Siehe auch den Englischsprachiger Artikel dazu “Skepticism Mounts on Needs of Vitamin D Supplementation“.

Es kommt erschwerend kommt, dass in der populärwissenschafltichen Presse  oft nicht zwischen 25D und 1,25D unterscheidet wird sondern generell über “Vitamin D” redet.  So werden beispielsweise positive Eigenschaften von 1,25D sehr schnell mit externer Vitamin D Einnahme in Verbindung gebracht, obwohl Calcitriol (1,25D) erst  in Körper gebildet wird und der Zusammenhang zwischen der Calcitriol (1,25D)  Erzeugung aus Calcidiol (25D) wesentlich komplexer ist als die einfache, durch die Medien suggerierte Empfehlung  ”je mehr Vitamin D desto besser”. Ein Blick in Deutschen Gesundheitsforum zeigt, dass es mittlerweile Menschen gibt die 25D Pegel um die 70-80 ng/ml anstreben, und zwar als Folge von (missverstandene) Vitamin D Supplementierungs Literatur. Siehe auch Forumsbeitrag dazu.

Das bring uns auf die nächste Frage:

Was sind nun normale, “natürliche” Vitamin D Werte ?

Was wären eigentlich “natürliche” Vitamin D Werte?  Meiner Meinung nach ist es sinnlos,   in Labor  nach einer bestimmten Methode künstlich konstruierte “optimale” Werte zu bestimmen.  Die so bestimmte Werte sind nur so gut, wie die Methode für ihre Bestimmung war.  Mich würde eher interessieren, welche Vitamin D Werte in der Natur vorkommen, insbesondere in Bevölkerungen die keineswegs supplementieren. Die Natur weiss in der Regel sehr gut was sie tut und warum sie das tut,  daher schauen wir uns mal einige beispielshaften Messdaten an.

Es gibt leider wenig Datenmaterial was sowohl 25D als auch 1,25D beinhaltet. Hier einige davon:

Studie Nr. 1: Chilenische Frauen (vor und nach dem Wechseljahren), Studie von 2007.
40. Gonzalez G, Alvarado JN, Rojas A, Navarrete C, Velasquez CG, Arteaga E. High prevalence of vitamin D deficiency in Chilean healthy postmenopausal women with normal sun exposure: additional evidence for a worldwide concern. Menopause. 2007 Feb 6.

Ergebnise: 27% der Frauen vor den Wechseljahren und 60% der Frauen nach den Wechseljahren hatten 25D Werte unter 20 ng/ml (waren also nach der US Definition “Defizient” an Vitamin D. Santiago de Chile ist übrigens ein recht sonniger Ort.

Studie Nr. 2: Junge Frauen aus Bangladesh:
Islam MZ, Akhtaruzzaman M, Lamberg-Allardt C. 2006. Hypovitaminosis D is common in both veiled and nonveiled Bangladeshi women. Asia Pac J Clin Nutr. 15(1):81-7. Studie aus 2006.

80% der jungen Frauen hatten 25D Werte unter 16 ng/ml. Also höchst defizient ebenfalls, nach der heutigen “Norm”.

Angaben aus der Veröffentlichung
http://trevormarshall.com/BioEssays-…l-Preprint.pdf Kapitel “What is a “natural” homeostasis of Vitamin D synthesis”
Werte habe ich in die geläufigen Einheiten konvertiert.

Studie Nr. 3 Türkische Studie über die Wechselwirkung von Statinen und Vitamin D, Testgruppe bestand aus 91 Personen (mittleres Alter 59 Jahre)  .die mehrzahl mit hohen Blutdruck. http://www.peerview-institute.org/ne…_uids=19543962.

Diese Testgruppe hatte einen mittleren 25D Wert von 14 ng /ml sowie einen mittleren 1,25D Wert von 22,9 pg/ml (+/- 11)

Die hier zitierten Studien sind nur als exemplarisch zu sehen. Es gibt eine Vielzahl von anderen Veröffentlichung die ähnliche Daten zeigen (vor allem 25D Werte unterhalb 20 ng/ml, 1,25D Messungen sind leider selten).

Studie Nr. 4: Vitamin D status in bestimmte Populationen in Indien, z.B. in Südindien, wo genügend Sonne wohl kein Problem darstellen sollte, lagen mittlere 25D Werte bei 20 ng/ml, also durchaus “normale”, aber nach der Definition von einigen Wissenschaftler schon in “Mangel” Bereich.

Studie Nr. 5: Vitamin D Versorgung in Honolulu, Hawai. Hier dürfte man annehmen, dass es wirklich nicht an Sonne mangelt. Trotzdem müssten nach den Thesen der “Vitamin D Mangel Theorie” 50% der untersuchten Bevölkerung in Honolulu Vitamin D Tabletten  zu sich nehmen, denn 50% der gemessenen Population Werte unter 30 ng/ml aufwies, also “Defizient” waren.

Also nach den Ergebnisen der genannten Studien waren 25D Werte von oder unterhalb 30 ng/ml in der Mehrzahl , daraus kann man durchaus folgen, dass in “natürlichen”, unsupplementierten Zustand “normale” 25D Werte zwischen 15 und 20 ng/ml pendeln, sie folgen auch Sonnenbedingte Schwankungen. Nur in sonnigen Hawai waren die Mittelwerte zwischen 20-30 ng/ml . Jetzt kann man natürlich daraus folgern, die waren alle “Defizient” und hätten Vitamin D supplementieren sollen, oder man akzeptiert, dass diese Werte nunmal “normal” sind im Sinne einer statistischen “Normalverteilung” der gemessenen Werte. Warum gelten aber mittlerweile so hohe Werte wie  30 ng/ml bei Vitamin D Experten bereits als Mangel ? Schauen wir uns in den nächsten Abschnitten die Argumentation der hierzulande und in USA sehr beliebte Vitamin D Mangel Hypothese nochmal in Detail:

Die “Vitamin D Mangel  Hypothese” ist  nur so gut wie ihre Messdaten bzw ihre Messmethoden. Daher lohnt sich einen genauen Blick darauf zu werfen. Dazu nehmen wir zwei weitere Studien, die solche Vermutungen verbreiten.

Studie A) Hollis  2005Circulating 25-Hydroxyvitamin D Levels Indicative of Vitamin D Sufficiency: Implications for Establishing a New Effective Dietary Intake Recommendation for Vitamin D1“. J Nutr. 2005 Feb;135(2):317-22.

Diese Studie wird in einschlägigen Foren als “Beweis” für die Vitamin D Empfehlungen und wird sonst oft zitiert .

Die Studie nimmt eine Population von 40 Teilnehmer (also wesentlich niedrige Anzahl als die oben genannten) sowie eine Vergleichspopulation von 8 (!) Feldarbeiter (Förster, etc). Der Autor nimmt die Daten aus einer älteren Studie aus den 70er.   Hier ist ausserdem wichtig zu berücksichtigen, dass wenn diese Population aus USA stammt, sind höhere Vitamin D Werte zu erwarten, da dort die Lebensmittel mit Vitamin D “angereichert” sind. Die  Population von 40 Teilnehmer hatte einen mittleren 25D Wert von 27 ng/ml und die Feldarbeiter einen hohen Wert von 64 ng/ml.  Die bestand aber nur aus 8 Teilnehmer, wie schon erwähnt, insofern sind mit statistischen Fehler zu rechnen.

Hollis postuliert nun, dass die Feldarbeiter diejenigen sind, die “normale” Vitamin D Werte haben und alle anderen sind nunmal “Defizient”:

“I, however, interpret the original Haddad data differently; I suggest that the 25(OH)D levels in the lifeguards are normal and the “normals” are actually vitamin D deficient”.

Aus Schwarz wird nun Weiss und aus Weiss per Hollis Definition Schwarz.  Als Argumentation wird die beliebte These wiederholt, dass unsere Vorfahren in Afrika aus wesentlich sonnigen Gebieten stammen und sich vor 50.000 Jahren nach Europa marschierten, daher sind wir angeblich auf mehr Sonne angewiesen. Die  Zahl von  50.000 Jahren in der Hollis Veröffentlichung ist falsch, in Europa gab es Menschen (bzw ihre Vorläufer) schon vor seit 1.8 Millonen Jahren. Dazwischen waren auch etliche Eiszeiten von dem man sich kaum vorstellen kann, dass unsere Vorfahren wesentlich weniger Kleidung trugen als heute, denn es war verdammt kalt.

Darüber hinaus wissen wir seit Charles Darwin, dass es so etwas wie eine “Evolution” gibt die per Mutation und Selektion Lebewesen an neue Lebensbedingungen anpasst. In Prinzip besagen Anhänger der “Vitamin D Mangel” Hypothese nichts anders, als der Mensch nun Tabletten schlucken muss, um Defizite seiner Anpassung an die Natur auszugleichen.  Merkwürdige These.

Anhänger der Vitamin D Supplementierung argumentieren sehr gerne mit dem Hinweis, die heutigen Lebensbedingungen des modernen Menschen erlauben keine ausreichende Vitamin D Versorgung, anders als bei unsere Vorfahren. Dabei wird aber gerne vergessen, dass bisher niemand die Vitamin D Werte unsere Vorfahren gemessen hat. Die Annahme, sie seien höher als heute, ist lediglich eine Annahmen von vielen.

Hollis ging aber noch weiter: er versuchte nun eine mathematisch fundierte Methode  anzuwenden, die seine Behauptungen beweisen.  Dazu benutze er “Biomarkers”, u.A. die PTH (Parathormon) Werte  sowie 25D Werte aus einer anderen Veröffentlichung die wesentlich mehr Teilnehmer hatte (1741).  Die Anzahl der Daten  erlaubt statistisch signifikante Daten zu extrahieren.

Die Ergebnisse sind in der Abbildung 4 der zitierten Hollis Veröffentlichung dargestellt. Sie zeigen PTH in Abhängigkeit von 25D.  Aus Copyrightsgründen darf ich das Bild hier nicht einfügen, also der Leser möge sie direkt in der Veröffentlichung anschauen. Man sieht eine “Datenwolke” die in etwa eine Fläche bildet, wie ein Ellypsoid.  Das ist auch nicht verwunderlich, denn PTH hängt nicht direkt von 25D ab, sondern von 1,25D.  Daher streuen die Daten innerhalb einer Fläche und bilden keine Linie.

Hollis argumentierte, dass bei älteren Menschen mit Sekundären Hyperparathyreoidismus die steigenden PTH Werte sich gut mit der Zugabe von Vitamin D normalisieren. Also sucht er nach dem “Schwellenwert” ab dem dieser Effekt eintritt, falls ein “Schwellenwert” überhaupt gibt.

Er lässt leider ausser acht, dass Sekundären Hyperthyroidismus auch möglicherweise mit einer ungenügenden Bildung von Calcitriol in den Nieren zusammenhängt, was auch altersbedingt ist. Diese Zusammenhänge nun auf die Gesamtbevölkerung zu extrapolieren, ist äusserst fraglich.

Da Hollis unbedingt einen einfachen  funktionellen Zusammenhang extrahieren will, wendet er  “a complex mathematical model“  -  einen Fit mit der methoden der kleinsten Quadraten, wie jeder Excel Tabelle erstellen kann - und forciert nunmal eine Linie aus der  genannten Datenwolke ( immer noch Figure 4 aus Hollis  2005) .

Aus dieser (abfallenden) Linie bestimmt er einen 25D Wert, wo seiner Meinung nach PTH Normal ist (wohlgemerkt, das zeigen die Daten nicht, nur die Kurve die er hineininterpretiert hat)  Dieser Wert liegt in etwa bei einer Konzentration von 25D in Blut von  30 ng/ml. Das ist dann seine Empfehlung für “normale” Vitamin D Werte (25D), die jeder Mensch idealerweise haben sollte. Da grosse Teile der Bevölkerung nun 25D Wert unterhalb dieses Wertes aufweisen, leiden sie von  nun an einen “Vitamin D Mangel”.

Eine ähnliche Methode wendet er für die Calcium Aufnahme gegen 25D  Konzentration in Blut wobei die Daten ebenfalls stark streuen. Auch hier ist die Streuung nicht verwunderlich, da 25D nicht die aktive Form von Vitamin D ist, sondern 1,25D wie Hollis selbst schreibt.

Genau da liegt der Hauptwiderspruch dieser Veröffentlichung, denn er versucht alle Variablen gegen 25D aufzutragen und nicht gegen 1,25D. Das ist wohl verständlich, denn es gab einfach keine ähnliche Daten für 1,25D. Die Messungen sind aus den 70er Jahren. Betrachtet man aber die weitreichenden Schlussfolgerungen die aus solchen recht schwachen Auswertemethode extrahiert wedern, ist hier durchaus Skepsis angebracht.

Studie B) Holick 2006 ” High Prevalence of Vitamin D Inadequacy and Implications for Health”. Mayo Clinic Proceedings March 2006 vol. 81 no. 3 353-373

Es gibt mehrere Veröffentlichungen von ihm, aber die hier zitierte ist mit Fulltext verfügbar.  Er zeigt eine ähnliche Kurve zwischen PTH und 25D wie  Hollis, allerdings nur die Kurve und nicht die Originaldaten.  So kann man kaum erkennen, was wurde eigentlich gemessen und wie die Daten genau aussehen. Die PTH-25D Beziehung von Holick (Figure 2 in der genannten Veröffentlichung) zeigt eine recht eindeutige Beziehung zwischen beiden Biomarkers. Die Fehlerbalken sind sehr klein. Das ist umso erstaunlich, als die gleichen Daten von Hollis eine enorme Streuung aufweisen, was wohl dadurch zustande kommte, dass 25D ja nicht das aktive Metabolit von Vitamin ist. Diese Unsicherheit, die bei Hollis deutlich zu sehen ist, ist bei der Analyse von Holick nun  völlig verschwunden.

Es liegt hier die Vermutung nahe, dass er die gleiche Methode wie Hollis angewandt hat mit den gleichen Fehler. Das Fehlen von Originaldaten und deren Streuung suggeriert jedoch Eindeutigkeit und untermauert Holick´s Argumentation. Er kommt ebenfalls zu den gleichen Wert von 30 ng/ml als “Idealwert” für 25 D.  Es gehört zu soliden wissenschaftlichen Arbeiten dazu, dass man Messdaten auch zeigt und eine kritische Analyse über deren Fehler wiedergibt. Beides sucht man hier vergeblich.

Die jetzige Empfehlung für die ideale Werte von 25D in Blut, die man in fast jeden Laborzettel lesen kann kommen also von den genannten Veröffentlichungen und wurden mit der gleichen ( methodisch fragwürdigen Methode) erstellt. Seitdem postuliert man, dass 25D Werte unterhalb 30 ng/ml “Defizient” sind und man unbedingt supplementieren muss.

Die Empfehlungen werden dann kritiklos wiederholt und weitergegeben, als allgemeingültgen Gesetzen erklärt und als der Stand der heutigen Medizin dargestellt. Je höher die Vitamin D Empfehlungen sind um so mehr Bevölkerungsteile fallen  unter  der “Vitamin D Mangel” Kategorie, was wiederum als “Beweis” für die Richtigkeit der Hypothese, der heutiger Mensch erzeugt nicht genügend Vitamin D aus der Sonne . Eine Zirkellogik ohne Gleichen.

Warum war die Messmethode von Hollis / Holick fragwürdig ?

Der Fehler liegt meiner Meinung nach nicht an den Daten,  sondern aus deren Auswertung. Es ist aus den Veröffentlichungen von Hollis klar zu erkennen, dass er unbedingt einen funktionellen Zusammenhang zwischen PTH und 25D sehen wollte, was so aus den Daten nicht ersichtlich war.

PTH und 1,25D regulieren sich gegenseitig. Wohlgemerkt 1,25D und nicht 25D (!). 25D ist nur indirekt beteiligt und zwar als Substrat von 1,25D. 25D ist in Körper nicht aktiv und dient nur als “Substrat” für die Erzeugung von 1,25D.  Das ist unbestritten. Wenn 25D nicht aktiv ist, kann auch die Werte von PTH nicht beeinflussen und demnach kann es auch keinen direkten Zusammenhang zwischen 25D und PTH geben. Es gibt nur eine indirekte Wechselwirkung über das erzeugte 1,25D.

Der Zusammenhang ist also :

25D   erzeugt 1,25D  <—beinflusst –> PTH

Da der Körper versucht den Pegel von 1,25D (Calcitriol) in einem bestimmten Bereich zu halten, gibt es nicht unbedingt eine Proportionalität (also einen “linearen” Zusammenhang) zwischen 25D und 1,25D. Ein möglicher 1,25D Wert kann aus unterschiedlichen Konzentrationen von 25D entstehen (da 25D ein Depotcharakter hat). Daher gibt für jeden 25D Wert sehr viele möglichen PTH Werte und nicht nur einer.

Das ist aus den Daten (Figur 4 von Hollis  2005 ) klar und deutlich zu sehen. Es gibt lediglich einen Bereich mit möglichen PTH/25D Paare und sie bilden eine Fläche und keine Linie.  Das ist zumindest, was die Daten zeigen und auch plausibel ist.  Genauere Zusammenhänge kennt wohl niemand, aber das ist nunmal, was gemessen wurde.

Wenn es aber keine einfache Funktion gibt, sind die Schlussfolgerung aus einer künstlich konstruierten Funktion falsch.    Hollis und Holick  hatten wohl keine anderen Daten verfügbar denn sie haben ja nicht selbst gemessen, sondern Daten aus anderen Forscher übernommen. Und diese hatten wiederum nur 25D bestimmt. Die Wichtigkeit von 1,25D war in den 70er Jahren (aus dieser Zeit stammen die Messdaten) nicht so bekannt wie heute.

Es gibt eine gute Zusammenstellung über alle Versuche “ideale” 25D Werte aus Korrelationen zwischen PTH und 25D zu bestimmen in  Aloia et al (2006)

Natürlich war den Forscher wohl bekannt, dass 1,25D das aktive Metabolit ist und nicht 25D.  Allerdings ziehen sie die Messung von 25D vor, denn 1,25D könnte paradoxerweise höher sein bei niedrigen 25D Werten.  Auch diese Behauptung enthält Zirkellogik. Ich kann nicht behaupten, man sollte sich  vor niedrigen 25D schützen, weil sie möglicherweise zu ungenügend Calcitriol (1,25D) führen und gleichzeitig behaupten, ich messe Calcitriol nicht, weil der Wert zu hoch sein könnte. Wenn der Wert hoch sind, kann es nicht gleichzeitig zu niedrig sein. Darüberhinaus ist keineswegs gesagt, dass niedrige, künstlich unterdrücke PTH Werte gut für die Gesundheit wären (es stimmt allerdings, dass zu hohe PTH Werte Osteoporose verursachen)

“Some definitions of “sufficient” include the criterion that PTH levels be maximally suppressed—i.e., not lowered further by increasing 25(OH)D levels (Holick, 2007)—but PTH levels are rarely measured in clinical practice and even more rarely before and after vitamin D challenge. In any case, the desirability of keeping PTH levels at their nadir, incapable of reduction by further elevation of 25(OH)D levels, is philosophical: no study has demonstrated a health benefit of minimizing PTH levels in normal individuals”. Quelle: Journal of investigative Dermatology (2010)

Soweit zum Stand der Vitamin D Forschung und ihre Empfehlungen. Als Folge davon konsumieren Tausenden von Menschen Vitamin D Präparate, z.Teil von Arzt verordnet aufgrund “Vitamin D Mangel” oder als Folge von Selbstmedikation. Interessant zu sehen, aus welcher Datenbasis solche Empfehlungen basieren. Wer mehr von fehlerhaften Auswertemethoden sowie Denkfehler lesen will, er wird beim  Buch “Der Schein der Weisen: Irrtümer und Fehlurteile in täglichen Leben” bestimmt fündig.

Um Missverständnise vorzubeugen: es ist absolut unbestritten, dass Vitamin D eine zentrale Role für die Gesundheit darstellt und eine Vielzahl von lebenswichtigen Prozessen steuert (siehe auch dieses Posting). Vitamin D ist aber so wichtig, dass der Körper es selbst herstellen kann.

Die Argumentation, wir bekommen nicht genügend Sonne und müssen wir daher Nahrungsergänzungsmittel nehmen um unsere 25 D Werte auf 30 ng/ml zu bringen basiert auf  das fragliche Datenmaterial   sowie auf sehr kritikwürdigen mathematischen Auswertungsmethoden, wie man selbst mit einem detaillierten Blick auf die genannten Arbeiten erkennen kann.  Fraglich, weil die Authoren alle Biomarkers gegen ein bekanntliches inaktives Metabolit (25D) auftragen und nicht gegen das aktive (1,25D).  Kritikwürdig deshalb, weil hier funktionelle Zusammenhänge forciert werden die so aus den Daten nicht ersichtlich sind.  Eine solide Fehleranalyse sucht man in  diesen Veröffentlichung vergeblich.

Hätten Hollis und Holick den “Idealwert” für 25D mit dem Messfehler ihren Auswertungen versehen, also so was wie 30  +/- 20 mg/ml, wäre die grosse Unsicherheit ihrer Bestimmung offensichtlich, was die ganze Methodik ad absurdum führen würde. Jeder Messung ist mit Fehler behaftet, lernt jeder Student eines Naturwissenschaftlichen Faches.

Vorhandene statistische Auswertungen zeigen, dass 25D Werte unterhalb on 20 ng/ml in Populationen ohne Supplementierungen mehrheitlich vorkommen.  Sie als “Defizient” zu titulieren, ohne gleichzeitig wasserdichte Beweise zu liefern,  ist unangebracht.  Daher ist die Frage durchaus berechtigt:

Welche Studie mit einer Vitamin D Supplementierung von mindestens 1000 I.E. täglich über mindestens 10 Jahre hat jemals bewiesen, dass Vitamin D Supplementierung Krankheiten vorbeugt oder sonstige positive Effekte hervorbringt ? Die Antwort Stand März 2010: gar keine. Bisher wurde so eine Studie nicht durchgeführt. Es gibt sie einfach nicht. Das ist der aktueller Stand.

Dafür gibt es andere Studien die ähnliches versucht haben, z.B. Supplementierung mit Beta-Carotin. Auch damals hatte man niedrige Beta-Carotin Werte mit Krebs assoziert und wollte man durch Supplementierung “vorbeugen”. Das Ergebnis: noch mehr Krebsfälle, nicht weniger.  Also ist durchaus vorsicht angebracht, solange nicht ausreichende medizinischen Beweise über die positive Wirkung von Vitamin D Supplementierung nicht auf dem Tisch liegen.

Sowohl Hollis als auch Holick gehören zu den “World leading authorities on Vitamin D” und sind Mitglieder des Vitamin D Councils. Holick wurde für seine Arbeiten mit einer Vielzahl an Preisen honoriert. Er ist eine von den wichtigsten Väter der “Vitamin D Mangel ” Theorie. Siehe seine Veröffentlichung “Vitamin D Deficiency” von 2007. Es gelang Holick offensichtlich eine grosse Anzahl von Anhänger seine Vitamin D Mangel These zu gewinnen, nicht jedoch seine eigene Chefin, die ihn dafür kündigte und seine Wissenschaft als “Schund” bezeichnete (”schlock science”) Wer Holick “live” erleben will, siehe dieses YouTube Video.

Die Konstellation von hohen 1,25D Werten und gleichzeitig niedrige 25D

Eine Frage bleibt jedoch bestehen: die statistische Korrelation zwischen niedriegen Vitamin D Werte (25D) und einer Vielzahl von Erkrankungen (z.B. die hier zitierten Framingham Studie).  Warum sind die 25 D niedrieg und gleichzeitig die 1,25D Werte hoch ?

Diese Konstellation kommt bei chronischen Erkrankungen sehr häufig vor. Im Volksmund wird sie oft “kompensatorische Erhöhung” genannt, was eigentlich falsch ist, denn 25D und 1,25D sind unterschiedliche Biochemische Substanzen die sich keineswegs “kompensieren” können. Vielmehr spricht einiges dafür, dass die niedrige 25D Werte eine Folge der hohen 1,25D Werte sind.   1,25D ist ein Hormon mit starker Wirkung auf dem menschlichen Stoffwechsel, 25D ist hingegen eine biologisch inaktive Substanz.  Es ist sehr gut möglich, dass die “negativen” Auswirkungen von niedrigen Vitamin D Werte (25D) nicht vom Vitamin D Mangel kommen, sondern lediglich von den dazugehörigen zu hohen 1,25D.  Beispiel Osteoporose: 25D nimmt an Calciumstoffwechsel nicht Teil, 1,25D dagegen schon und wirkt in hohen Konzentrationen osteklastisch und damit Knochenabbauend, was wiederum erklären würde warum Osteoporose mit niedrigen 25D Werte korreliert.  Es wären die “zugehörigen” hohe 1,25D Werte dafür verantwortlich.

In einer aktuelle Studie wurde Dialyse Patienten direkt Calcitriol (1,25D) gespritzt. Als Folge hatten sie niedrige (!) 25D Werte in Blut.  Es gibt auch Modelrechnung die dieses Verhalten erklären  Das ist das Thema dieses Postings. Patienten mit primären Hyperthyreoidismus zeigen ebenfalls zu hohen 1,25D sowie PTH Werte gekoppelt mit “Vitamin D” Mangel, was allerdings nach Entfernung des (meist gutartigen) Tumor in den Nebenschildrüsen verschwindet. Also können niedrige 25D Werte nicht ursächlich für die hohe PTH Konzentrationen gewesen sein, sondern umgekehrt. (Quelle Parathyroid.com)

Vitamin D Supplementierung und Osteoporose

In der Bevölkerung (und vermutlich bei vielen Ärzten auch) ist der Glaube weit verbreitet, Vitamin D Supplementierung ist ein wirksames Mittel für die Vorbeutung von Osteoporose. Sucht man jedoch nach wissenschaftlichen Arbeiten, die diese Vermutung  untermauern, wird man selten fündig.

Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass in einer Vielzahl von Studien Vitamin D und Calcium gleichzeitig eingenommen wurde. Hinterher ist es unmöglich zu bestimmen, ob es an Calcium oder an die Vitamin D lag.  Neueste Untersuchungen suggerieren, dass Calcium in der Tat hilft, Vitamin D jedoch nicht.

Eine Analyse von mehr als 68.000 Patienten (mittleres Alter 69.9 Jahre) ergab, dass Vitamin D Supplementierung (bis zu 1600 I.E. täglich) alleine ergaben keine Reduktion in Frakturen, nur Vitamin D und Calcium zusammen. Eine aktuelle Studie aus Norwegen bestimmte die Knochendichte aus mehr als 400 übergewichtige Teilnehmer nach einem Jahr Vitamin D Supplementierung. Es wurde keinen Unterschied in der Knochendichte festgestellt. Die Arbeiten von Bischoff-Ferrari zeigten nach mathematische Auswertungen von vorhandenen Studien eine geringe Zunahme der Knochendichte (um die 80 mg/cm, Bild 6 von Hollis 2005, dargestellt sind Differenzen, keine Absolutwerte) bei höheren Vitamin D Werte.

Folgt man den relevanten Biochemischen Prozessen der Knochen Bildung und Knochenabbau (zusammenspiel zwischen Osteoklasten und Osteblasten) sieht man, dass hauptsächlich  PTH (Parathyroid-Hormon), Calcitonin und vor allem Östrogen für den Knochenaustausch verantwortlich sind. Vitamin D ist nur marginal beteiligt, und zwar so, dass PTH von Vitamin D Rezeptor VDR transkribiert wird.  Die Kalziumaufnahme in Darm wird zwar durch 1,25D gefördert (und nicht durch 25D, wie oft zitiert wird), das ist nur ein Faktor von Vielen.

Hohe Calcitriol Werte in Blut, wie sie in chronischen entzündlichen Prozesse entstehen, fördern ebenfalls die Bildung von Osteoklasten, was dem Knochenabbau begünstigt.  Eine dänische Studie mit 500 Frauen in den Wechseljahren zeigte eine inverse Beziehung zwischen Calcitriol (1,25D) und Knochendichte. Je höher die Calcitriolwerte in Blut, umso niedriger die Knochendichte.

Siehe Abschnitt “TH1 Entzündungen” in  dieses Posting . Hier eine sehr gute Beschreibung des Knochenstoffwechsels (in Englischer Sprache).  Ein möglicher Grund für Osteoporose ist also nicht der “Vitamin D” Mangel, sondern entzündliche Prozesse, die wiederum niedrige Vitamin D Werte zu Folge haben. Ein Artikel in der Pharmezeutische Zeitung beschreibt es recht gut.

Eine aktuelle Studie aus 2009:
Vitamin D and vitamin D analogues for preventing fractures associated with involutional and post-menopausal osteoporosis. (Cochrane Database Syst Rev. 2009 Apr 15;(2):CD000227.)  Die Forscher kamen zu dem Schluss:

“Vitamin D alone is unlikely to prevent fracture. Overall there is a small but significant increase in gastrointestinal symptoms and renal disease associated with vitamin D or its analogues. Calcitriol is associated with an increased incidence of hypercalcaemia”.

Also: eher schädliche Nebenwirkungen.

Eine andere kummulative Studie aus drei australischen Universitäten umfasste 64.000 Probanden. 92% davon Frauen.   Ergebnis:

  • Calcium hilft in Dosen von 800-1200 mg täglich
  • Vitamin D hilft nicht mit Dosen unterhalb 800 IE, allerdings ist es fraglich, dass höheren Dosen helfen

Interessante Formulierung über die Wirkung von Vitamin D. Anders gesagt: es hilft nicht. Die Studie (in englischer Sprache) kann man hier lesen. Sie wurde von der iQwiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) in Deutschland in Auftrag gegeben.

Auch die Ergebnisse von der Womans Health Initiative von 2006 zeigten ähnliche Ergebnisse. Bei der Vitamin D und Calcium Supplementierung von mehr als 36.000 Frauen (Alter 50-79) zwar wurde eine leichte Verbesserung der Knochendichte gemessen, es reichte aber nicht um die Anzahl der Beckenbrüchen signifikant zu reduzieren. Es wurde in übrigen keinen “schützenden” Effekt gegen Darmkrebs festgestellt. Es war ist auch ein beliebtes Argument der Anhänger von Vitamin D Supplementierung, dass es angeblich gegen Krebs schützt.

Eine andere Studie aus Norwegen (2010) mit 321 Teilnnehmer brachte auch nichts neues, Vitamin D Einnahme führte nach einem Jahr zu keinerlei Besserung der Knochendichte. Die Studie ist insofern interessant, weil sie mit “Doppelblind” Methoden durchgeführt wurde, d.h. weder die Probanden noch das Studienpersonal wussten wer Vitamin D bekam und wer Placebo.

Siehe ergänzend dazu:
Calcium, vitamin D supplementation, and physical function in the Women’s Health Initiative.


Calcium/Vitamin D Supplementation and Cardiovascular Events


Calcium Plus Vitamin D Supplementation and Mortality in Postmenopausal Women: The Women’s Health Initiative Calcium–Vitamin D Randomized Controlled Trial

Zusammenfassend: keine von diesen Studien konnte einen Vorteil von der zusätzlichen Vitamin D Einahme bei den untersuchten Frauen finden.

Interessanterweise werden diese Studien in Buch von Dr. Nicolai Worm: “Heilkraft D. Wie sie das Sonnenvitamin vor Herzinfarkt, Krebs und anderen Zivilisationskrankheiten schütz” im Kapitel “Länger leben” zitiert und zwar bei einer kleinen Untergruppe von Frauen, deren 25D Lebels exakt bestimmt wurde (2285 Frauen). Der Author spricht von einer “statistisch signifikante” Reduktion der Sterblichkeit bei diesen Frauen.

Die offizielle Aussage der Studie jedoch war:

“In the WHI CaD trial, supplementation did not have a statistically significant effect on mortality rates but the findings support the possibility that these supplements may reduce mortality rates in postmenopausal women. These data can neither support nor refute recommendations for higher dose vitamin D supplementation to reduce cancer or total mortality”.

“länger leben” ist was anders. Die mageren Ergebnissen, werden wiederum mit den relativ niedrigen Dosen von der Vitamin D Supplementierung (rund 500 I.E.) erklärt.  Ob es allerdings bei höheren Dosen auch günstigere Ergebnisse gegeben hätte, ist offen.

Es gibt jedoch eine recht gut belegte Auswirkung auf die Muskelkraftzunahme sowie eine reduzierte Sturzwahrscheinlichkeit bei älteren Menschen (meiner Meinung nach eher eine Folge der Muskelkraftzunahme als durch höhere Knochendichte). Vitamin D ist ein Steroid und Steroide werden auch als Dopingmittel unzulässigerweise in Sport verwendet.

Vitamin D und Allergien

In den 50-60er Jahre war die massive Vitamin D Supplementierung bei Babies mit Dosen über 100.000 I.E. weit verbreitet, als Teil einer Prophylaxe gegen Rachitis. Das wird heute noch als Hinweis für die geringe Toxizität von Vitamin D angesehen. 20 Jahre später, in den 80er Jahren, gab es die höchsten jemals gemessenen Fällen von Allergien, ein Problem was bis heute andauert. Die allergischen Erkrankungen sind ein Leiden des 20ten Jahrhundert, früher war sie so gut wie unbekannt.  Daher kamen einige Finnische und Deutsche Wissenschaftler auf die Idee, Allergien und Vitamin D Supplementierung bei Babies und Kinder  hängen möglicherweise zusammen.

Statistische Untersuchungen sowohl in Finnland als in Deutschland bestätigten diese Korrelation, je mehr Vitamin D supplementiert wurde, umso mehr litten Kinder später an allergischen Erkrankungen. Da kommt die Frage auf, ob es doch nicht von der Natur beabsichtig ist, dass Muttermilch recht wenig Vitamin D hat. Es gibt auch ein interessanter Deutschsprachiger Artikel über das Thema “Induziert Vitamin D Allergien ?”, gleicher Author wie die erwähnte Deutsche Studie.

Das Thema wurde auch von Deutschlandradio aufgegriffen, geriet jedoch in Vergessenheit, wie vieles Kritisches über Vitamin D. Die erwähnten Studien werden in der üblichen Vitamin D Literatur kaum zitiert.

Es war anderen Wissenschaftler bereits in Versuche mit Mäusen aufgefallen, dass die Vitamin D Gabe das TH1/TH2 Gleichgewicht richtung TH2 verschiebt, was typisch für allergische Erkrankungen ist. Das Beispiel mit dem Allergien verdeutlich wie wichtig ist Supplementierungsfolgen über einen längeren Zeitraum als 10 Jahren zu betrachten.  Solche langfristige Studien gibt es jedoch kaum.

Einige werdende Mutter möchten am liebsten mit der Vitamin D Supplementierung schon in in der Schwangerschaft anfangen. Dies könnte kontraproduktiv sein, da das Risiko von Schwangerschaft bedingte Brustkrebs mit zunehmendem Vitamin D Spiegel steigt, wie die erwähnte aktuelle Studie zeigt.

Vitamin D Supplementierung und Krebs

Wissenschaflter haben Korrelationen zwischen vermehrtes Auftreten von bestimmten Krebssorten und gleichzeitig niedrigen Vitamin D Werte festgestellt. Nicht verwunderlich, denn eine Vielzahl von Krankheiten korreliert mit niedrigen 25D- Werte in Blut. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass man nur mehr Vitamin D einnehmen muss, um solche Krankheiten vorzubeugen. Es könnte sogar kontraproduktiv sein, wie wir hier sehen werden.

Trotzdem wird aus den genannten Korrelationen  die beliebte These aufgestellt, hätte man mit Vitamin D supplementiert, wären möglicherweise weniger Krebsfälle aufgetreten.  Eine These, die erst zu beweisen wäre, und zwar mit langfristigen, statistisch aussagekräftige Studien. Nun gerade die gibt es leider nicht, selbst wenn viele Vitamin D Bücher das anders sehen.

Eine vielfach zitierte Studie die den “Beweis” des angeblichen schützenden Effekt von Vitamin D auf Krebs suggeriert, wurde von den US Wissenschaftlern Lappe et al durchgeführt.

Die Studie streckte sich über den relativ kurzen Zeitraum von 4 Jahren.  Die Supplementierung erfolgte mit Vitamin D und Calcium gleichzeitig, so dass der “reine” Effekt von Vitamin D nur durch Mathematik bestimmt werden kann. Dazu kam noch, dass die Krebsfälle in ersten Jahr aus der Statistik herausgenommen wurden (wohlgemerkt, alle Krebsfälle von einem aus den vier Jahren). Insgesamt wurden 37 Krebsfälle diagnostiziert, dabei suggerierte die Studie, dass die Gruppe mit Vitamin D + Calcium Supplementierung weniger Krebsfälle hatte als die mit Placebo.

Das ist nun die “Vorzeigestudie” die von etlichen Vitamin D “Päpste” zitiert wird als klare Hinweise, möglichst viel mit Vitamin D zu supplementieren. Dies ist meiner Meinung nach verfrüht.  Wissenschaftler die mit statistischen Auswertemethoden vertraut sind wissen, dass so was wie ein “statistisches Rauschen” gibt. D.h. der Zufall alleine verursacht Streuung von Messdaten in eine oder andere Richtung (”zufällig”), daher ist es unbeding erforderlich, eine für statistische Aussagen hinreichende Anzahl von Probanden zu haben.  Die geringe Anzahl von Krebsfällen in dieser Studie, zumal noch über drei Jahre verteilt (also pro Jahr rund 11 Fälle) ist für eine statistisch gesicherten Auswertung einfach zu wenig, um genaue Aussagen zu treffen.  Trotzdem wird diese Studie sehr viel Gewicht und Aussagekraft hineininterpretiert, vielmehr, als die tatsächlich vorhandenen Messdaten hergeben. Gehen wir hier etwas mehr in Detail:

Sieht man z.B. die Abbildung 1 der genannte Studie sieht man einen beeindruckende Effekt, die “Placebo” Kurve ist deutlich unterhalb der “Vitamin D + Calcium” Kurve. Man beachte, dass keinerlei Messdaten zu sehen sind, sondern nur Auswertungen.  Soweit so gut, sieht man jedoch die Y- Achse,  dann fällt auf, dass sie nicht bei “Null” anfängt, sondern bei 0.9 (also 90%). Sowas nennt sich eine “unterdrückte Null” und ist eine beliebte Methode  um Messdaten eindruckvoller vorzustellen, als sie eigentlich sind.  Misst man den absoluten Abstand zwischen der Placebo Kurve und die Vitamin D im Jahr 4, ist es grob ein Effekt von 6%.  Also haben angeblich die Vitamin D+Calcium Supplementierung Gruppe ein 6% geringere Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken.

Ein schützender Effekt von 6 %  klingt gut, aber leider ist schon alleine das statistische   “Rauschen” aufgrund der geringen Anzahl von Krebsfällen  deutlich grösser als 6%,  diese Aussage kann man also in dieser Genauigkeit gar nicht treffen.  Trotzdem wird sie publiziert und vielfach zitiert.  Soweit zu einigen (hoffentlicht  nicht representative) wissenschaftliche Studien über die Wirkung von Vitamin D. Wie sagt eine beliebte Redewendung ? “traue keine Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“.  Da ist wohl was Wahres dran.

Andere Wissenschaftler fanden sogar das Gegenteil: Finnische Forscher veröffentlichten im Jahre 2004 verblüffendes:  zwar beobachteten sie die bekannte Korrelation mit niedrigen 25D Levels und Krebs aber zusätzlich stellten sie fest, dass sehr hohe 25D Werte ebenfalls mit Prostatakrebs korrelieren. Die Kurve folgte also eine “U” (Tuohimaa P , Tenkanen L , Ahonen M , et al . Both high and low levels of blood vitamin D are associated with a higher prostate cancer risk: a longitudinal, nested case-control study in the Nordic countries . Int J Cancer .2004 ; 108 ( 1 ): 104 – 108).  Andere Wissenschaftler versuchten diese überraschende Erkentnisse (die leider kaum zitiert werden in der üblichen Vitamin D Literatur) auf dem Grund zu gehen.  Siehe z.B.  Ahn et al 2008 (Serum Vitamin D Concentration and Prostate Cancer Risk: A Nested Case – Control Study, publiziert in den Oxford Journals für Medizin). Ihre Folgerung:

“Higher levels of serum 25-hydroxyvitamin D may not reduce the

risk of prostate cancer; indeed, it is possible that higher levels are

associated with increased risk of aggressive disease.

Was salopp übersetzt bedeutet, dass hohe 25D Werte in Blut nicht zu einer Senkung des Prostatakrebsrisiko führen, es ist sogar möglich, dass sie das Risiko von agressiven Formen erhöhen. In Gegensatz zu den 37 Krebsfälle der hier erwähnten Lappe et al Studie, wurden hier 749 Krebsfälle berücksichtigt, d.h. rund zwanzig mal mehr, was ihre statistische Signifikanz deutlich erhöht.  Sie führten auch einen zustäzlichen Aspekt ein, nämlich die Agressivität der Erkrankung, und sie korrelierte mit steigenden Werte von 25D in Blut und zwar für 25D Werte in Blut höher als 15 ng/ml (!).  Wir erinnern uns an die Empfehlungen der Vitamin D Experten: 25D Werte unterhalb von 20 ng/ml gelten als “Mangel”.  Soweit zum Thema Vitamin D und Krebs Vorbeugung. Ein guter Deutschsprachigen Überblick über die Studien über Vitamin D und Krebs bietet Giovanlucci.  Holick hingegen behauptet weiterhin, mit Vitamin D Supplementierung gäbe es 40% weniger Krebsfälle. Studien, die das belegen gibt es nicht (von der erwähnten Lappe Studie mit unzureichenden Statistik mal abgesehen).

Jetzt versuchen wir zu verstehen, was die o.g. Studie mit “aggresive” meint und was die mögliche Ursachen dafür sind. Eine Krebserkrankung ist “agressiv”, wenn sie schnell in Körper Metastasen bildet.

Glücklicherweise haben wir ein Gen, was eine schützende Wirkung gegen Metastasen ausübt, es hat den Namen “Metastase Suppressor Gen” (MTSS1″) und dieser Gen wird von Vitamin D Rezeptor VDR transkribiert. Also schützt Vitamin D doch gegen Krebs ? Vitamin D (1,25D) ja,  aber nicht unbedingt durch übermässige Supplementierung! Überschüssiges 25D aktiviert nicht den Rezeptor, sondern verdrängt möglicherweise den wahren Aktivator 1,25D von Rezeptor weg was zu einer verminderten Transkription des MTSS1 führt mit der möglichen Folge, dass der schützenden Effekt wiederum neutralisiert wird. Das könnte die Ursache sein, warum zuviel 25D zu agressiveren Krebsverläufe führt und nicht zu einem Schutz. “Viel hilft Viel” könnte wiederum als ein Trugschluss erwiesen, wie leider so oft.

Nun ist leider so, dass bei Krebs die Transkription des VDR selbst niederreguliert wird und damit ist der schützende Effekt ebenfalls vermindert. Eine Studie über Eierstockkrebs zeigte, dass die der VDR um 60% in Tumorgewebe niederreguliert wurde.

Siehe auch: “The VDR and metastasing Cancer” als Transkript und als Video

In Januar 2010 wurde die grösste Europäische Studie über Darmkrebs veröffentlicht, mit 1248 Krebsfälle. Die Studie berücksichtigte auch Supplementierung mit Vitamin D. Die Ergebnisse: zwar wurde die bekannte korrelation zwischen niedrige Vitamin D Werte (25D) in Blut und das Krebsrisiko bestätigt, der Einfluss von zusätzlicher Vitamin D Supplementierung war gleich Null. Das Risiko an Darmkrebs zu erkranken korrelierte nicht (weder positiv noch negativ) mit der Supplementierung.

Mittlerweile gibt Dr. Cannel (Direktor des vitamin d council) offen zu, dass die Studienlage über Vitamin D und Krebs uneinheitlich ist. Seine Erklärung: in den Krebs Studien bisher wurde vermutlich Vitamin A beigemischt, was die positive Wirkung der Vitamin D unterminiert hat. “Evidenz” sieht jedoch anders aus.

Vitamin D zusammengefasst in 10 Punkten:

  1. Der Vitamin D Stoffwechsel spielt eine zentrale Rolle in einer Vielzahl von biochemischen Prozesse. Der Vitamin D Rezeptor VDR ist für die Transkription von knapp 1000 Genen verantwortlich
  2. Vitamin D ist keine Vitamin, sondern ein Hormon (1,25D). Sie kann von Körper selbst hergestellt werden
  3. Es gibt zwei Metaboliten, 25D und 1,25D. Nur 1,25D ist biologisch aktiv. 25D wird u.a. in Fettgewebe gespeichert und hat einen Depot charakter
  4. Studien haben gezeigt, dass eine Vielzahl von Erkrankungen mit niedrigen Vitamin D Werte korrelieren, daraus folgt aber keineswegs, dass niedrige  25D Werte  die Ursache sind und erst recht nicht, dass Supplementierung einen vorbeugenden oder heilenden Effekt hat.
  5. Die “Vitamin D Mangel Hypothese” ist wie der Name sagt, nur eine Hypothese die bisher hauptsächlich durch Korrelationen und nicht durch Kausalität bewiesen wurde. Sie wird sehr aktiv von Mitglieder des Vitamin D Council betrieben. Nach dieser These sollen die 25D Werte in Blut möglichst höher als 30 ng/ml sein. Dazu empfehlen sie bis zu 4000 I.E. täglich an  Vitamin D.
  6. Es gibt sehr wenige Studien, die eine positive Wirkung von Vitamin D Supplementierung zeigen. Studien aus Populationen die nicht supplementieren zeigen, dass “normale” 25D Werte in Bereich 15-20 ng/ml liegen. Langfristige Vitamin D Supplementierung Studien (über 10 Jahren) und mit mindestens 1000 I.E: Vitamin D gibt es kaum.
  7. Je höher die künstlich hergestellte Vitamin D “Normalwerte” liegen, umso mehr Menschen leiden angeblich an einen  ”Vitamin D Mangel”
  8. Menschen mit chronischen Erkrankungen die Vitamin D Supplementieren sollten sowohl ihre 1,25D Werte als auch die Kalziumwerte in Blut gut überwachen. Hyperkalzemie tritt zwar selten auf, dafür ist sie umso gefährlicher. Nierensteine sowie Nierenschwäche kann die Folge sein. Die Messung von 25D alleine reicht nicht aus.
  9. Vitamin D kann sowohl zur einer Aktivierung des angeborenen Immunsystems als auch zu Immunosuppresion führen. Das hängt mit der kombinierten Wirkung der zwei Metaboliten 25D und 1,25D zusammen. Immunosuppresion wirkt entzündungshemmend und schmerzlindernd, kann aber langfristig kontraproduktiv sein.
  10. Vitamin D Supplementierung hat möglicherweise keinen vorbeugenden Effekt gegen Krebs, Studien (Prostatakrebs) mit einer ausreichenden Anzahl von Probanden zeigten sogar kontraproduktive Effekte in Bezug auf die Aggressivität der Erkrankung .

Zum Vitamin D Unterforum

Was sind Autoimmun Erkrankungen?

Die Wikipedia Definition von Autoimmun Erkrankungen lautet:

Autoimmunerkrankung ist in der Medizin ein Überbegriff für Krankheiten, deren Ursache eine überschießende Reaktion des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe ist. Irrtümlicherweise erkennt das Immunsystem körpereigenes Gewebe als zu bekämpfenden Fremdkörper. Dadurch kommt es zu schweren Entzündungsreaktionen, die zu Schäden an den betroffenen Organen führen.

Die bekanntesten Autoimmun Erkrankungen sind:

In den letzten Jahren ist der Verdacht geäussert worden, dass Parkinson ebenfalls dazu gehört. (Siehe Neurosci et al). Das Gleiche gilt für Alzheimer.

Nachdem jetzigen Kenntnisstand sind alle diese Krankheiten nicht heilbar, man kann sie zwar  symptomatisch behandeln (in der Regel “immunsupprimierend”, d.h. in dem das Immunsystem “bremst”) aber nicht endgültig heilen.

In den letzten 5 Jahren hat sich jedoch sehr viel auf dem Gebiet getan. Es gibt hoch motivierte Forschungsteams denen es tatsächlich gelungen ist solche Patienten zu behandeln und zu heilen. Ich rede hier  über das Team von Trevor Marshall und die Autoimmunity Research Foundation

Marshall machte hier ausführlichen Gebrauch von Computer gestützen Simulationen von Biomolekülen. Sein Model beeinhaltet:

  • ein komplettes Model von Autoimmunerkrankungen basierend auf Computer gestützten Simulationen sowie klinischen Beobachtungen bei Hunderten von Patienten
  • Eine Behandlungsmethode, das sogenannte “Marshallprotocol” um Autoimmunerkrankungen zu heilen

Besonders kontrovers diskutiert sind die Folgerungen des Marshall Models auf die Benutzung von Vitamin D Supplementen, da seine Theorie entschieden gegen die weitläufige Meinung “je mehr desto besser” geht.

Leider ist das Marshallprotokoll immer noch im Versuchstadium und die hier gewonnen Daten finden nur sehr langsam den Weg in die Medizinische Welt.

In den folgenden Postings werden Sie mehr Details über die Marshallsche Theorie finden.